Von gelben Gewerkschaftern und 26 Änderungsanträgen
[Druckversion] Thema: Berichte aus dem Europaparlament, veröffentlicht: 09.02.2010
Für Gewerkschaftsrechte im Europaparlament
Im Eingangsbereich der Kantine, wo sich täglich tausende AssistentInnen,
ArbeiterInnen, BeamtInnen und manchmal auch Abgeordnete (für die es ein
außerdem ein abgesondertes "Members only"-Restaurant gibt) des
Europäischen Parlamentes zum Mittag essen verabreden, werden
Tombolatickets für Haiti verkauft. Am Wochenende organisiert der irische
Pub an der Ecke des Luxemburgplatzes ein Benefiz für Haiti, zu dem
Abgeordnete per E-mail einladen. Die internationale Spendenbereitschaft
für die Erdbebenopfer erobert das Europäische Parlament.
von Tanja Niemeier, Brüssel
Auch die Plenarsitzung in Strassburg hat das Erdbeben, das die
haitianische Hauptstadt Port au Prince dem Erdboden gleich gemacht hat
und dabei vermutlich mehr als 200.000 Menschen unter sich begraben und
weiteren 2,5 Millionen Menschen das Dach über dem Kopf genommen hat, in
einer ersten Sondersitzung auf die Tagesordnung gesetzt.
Für einen Moment ging es nicht mehr um die zukünftigen Posten in der
Barosso II-Kommission und das blamable Durchfallen der bulgarischen
Kommissaranwärterin für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz, Rumiana
Jeleva. Frau Jeleva, (inzwischen ehemalige) bulgarische Außenministerin
und Mitglied der Gruppe der Europäischen Volksparteien (EVP) im
Parlament war in der Anhörung vor allem wegen Inkompetenz und mangelnder
Transparenz ihrer eigenen Finanzen aufgefallen.
Auf die Frage, wie sie die humanitäre Situation in Gaza verbessern
wolle, soll ihre Antwort gewesen sein, demnächst einmal dorthin fahren
zu wollen. Anschuldigungen über ihre eigenen dubiosen finanziellen
Machenschaften im Zusammenhang mit einem durch sie geführten
Beratungsunternehmen und wiederholte Vorwürfe, ihr Mann unterhalte
Verbindungen zur russischen Mafia konnte sie nicht überzeugend
entkräften. Wen wundert es da noch, dass die europäischen Institutionen
durch weite Teile der europäischen Beschäftigten und Jugendlichen als
abgehoben und nicht besonders vertrauenerweckend eingestuft wird?
Schadensbegrenzung war dann auch das Gebot der Stunde: Jeleva zog ihre
Kandidatur zurück und legte auch gleich das Amt der bulgarischen
Außenministerin nieder. Dies war der Versuch den Gesichtsverlust der
gesamten Kommission, die ohnehin die undemokratischste aller
europäischen Institutionen ist, einzugrenzen.
Zurück zu Haiti. Insgesamt 422 Millionen Euro, so heißt es, beträgt die
Summe, die die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und die
Europäische Kommission zur Verfügung stellen wollen um sowohl "sofortige
humanitäre als auch mittel- und langfristige Hilfe zu leisten, die das
Leid der Menschen in Haiti mildern und ihre Hoffnung auf eine bessere
Zukunft zu erneuern". Drei Millionen Euro sollen direkt und unmittelbar
aus dem EU-Haushalt kommen. Gut und schön.
422 Millionen Euro - die wie gesagt selbst nicht vollständig aus dem EU
Haushalt kommen - klingen allerdings schon weitaus weniger beeindruckend
wenn man bedenkt, dass das gesamte Budget der EU für 2010 141 Milliarden
Euro beträgt. Noch weniger beeindruckend wird es, wenn man bedenkt, dass
der größte Ausgabenanstieg für 2010 bei der "Verbrechensbekämpfung,
Terrorismus und Migrationsmanagement" (lese: Ausbau der Festung
Europa)zu verzeichnen ist. Die Ausgaben werden von 16.2 Prozent auf 1
Milliarde € steigen. Die Ausgaben für die „Gemeinsame Auslands- und
Sicherheitspolitik“ steigen um 15.9 Prozent. wieder einmal zeigt sich,
dass alle schönen Worte und Stapel von Dokumenten über die
Politikkohärenz der EU nicht mit der Realität übereinstimmen.
Im Ausschuss für internationalen Handel, den ich als Mitarbeiterin der
Fraktion der GUE/NGL mitbetreue, ging es dieses Mal unter anderem um
Kolumbien. Die Europäische Union will ein bilaterales
Freihandelsabkommen mit den Andenstaaten, darunter Kolumbien,
abschließen. Zusätzlich soll geprüft werden, ob Kolumbien die Kriterien
erfüllt, um in den Vorzug des Allgemeinen Präferenzsystems + (APS +),
ein System das Zollerleichterungen für Exporte aus "Entwicklungsländern"
in die EU vorsieht. Eines der zu erfüllenden Kriterien ist die
Einhaltung und Gewährleistung von Menschenrechten. 2009 besuchten
verschiedene Berichterstatter im Auftrag der Vereinten Nationen
Kolumbien. Alle äußern sich besorgt über die systematische Verletzung
von Menschen- und Gewerschaftsrechten mit Beteiligung, Wissen oder
Duldung der kolumbianischen Uribe-Regierung.
Um sich eine "objektive" Meinung zum Sachverhalt verschaffen zu können,
wurde eine Anhörung organisiert, die verschiedene Gesichtspunkte von
verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren in Kolumbien widerspiegeln
sollte. Natürlich haben die verschiedenen politischen Gruppen, je
nachdem wessen Interessen sie sich verschrieben haben, unterschiedliche
Vorstellungen darüber, wer zu solch einer Veranstaltung eingeladen
werden soll.
Jeder Redner, jede Minute Redezeit, sowie die Aufteilung der Redezeit
ist ein politisches Kräftemessen, in das sich auch die kolumbianische
Botschaft noch einzumischen versuchte. Für sie steht einiges auf dem
Spiel.
Letztendlich hören wir ein "ausgewogenes" Podium von vier Rednern. Zwei
Gewerkschafter, ein Vertreter der Botschaft und ein
Unternehmensvertreter.
Enrique Alveiro Franco Valderrama von der Gewerkschaft UNALTRASAP
(Viehzüchter und Agrargewerkschaft) entpuppt sich als Sprachrohr der
Regierung und klassischer Vertreter einer gelben Gewerkschaft. Er
übertrifft selbst den Botschafter in seinen Behauptungen, dass man in
Kolumbien nicht von besonderer Gewalt gegen Gewerkschaftsmitglieder
sprechen kann. Im Verlaufe der Anhörung wird klar, dass er eine
Gewerkschaft von wenigen hundert Mitgliedern vertritt und dass der
Gewerkschaftsdachverband CGT, dem die Gewerkschaft angeschlossen ist,
schriftlich mitteilt, dass es Herrn Valderrama untersagt ist, im Namen
der Gewerkschaft öffentlich aufzutreten. Alberto Vanegas von der CUT
(Central Unitaria de Trabajadores)schildert ein anderes Gesicht von
Kolumbien. Er wies nochmals darauf hin, dass der Internationale
Gewerkschaftsdachverband feststellt, dass von den weltweit 76 Morden an
Gewerkschaftern im Jahr 2008, 49 in Kolumbien stattfanden. Außerdem wird
dem Aufbau von Gewerkschaften im Betrieb oftmals mit Repressionen
begegnet und gibt es enorme Probleme, um überhaupt gültige Tarifverträge
auszuhandeln zu können. Vanegas war dann auch der Meinung, dass die
bilateralen Verhandlungen mit Kolumbien eingefroren werden sollten, bis
sich die Lage entscheidend verbessert. Viele Abgeordnete, quer durch
alle Fraktionen äußerten Besorgnis über die Situation in Kolumbien.
Einige wiesen aber auch darauf hin, dass es eine perfekte Welt wohl
nicht gäbe und dass man doch vor allem die Bemühungen der
Uribe-Regierung zur Kenntnis nehmen sollte. Joe Higgins (Socialist Party
Irland/CWI), der für die GUE/NGL im internationalen Handelsausschuss
sitzt, war der einzige, der darauf hinwies, dass es auch internationale
und europäische multinationale Konzerne sind, die sich an der Schändung
von Gewerkschaftsrechten in Kolumbien beteiligten und darum auch die
europäische Gewerkschaftsbewegung in der Pflicht ist, sich hiergegen zu
widersetzen.
Später war es auch an Joe Higgins, seine Meinung zum Thema
"Politikkohärenz der EU bei der Entwicklung und das System der
offiziellen Entwicklungshilfe+" deutlich zu machen. Der
Entwicklungssauschuss hatte den internationalen Handelsausschuss um
seine Meinung gefragt. Das war lustig. Noch bevor Joe Higgins das Wort
ergreifen konnte, nahm das übereifrige Mitglied der EVP (Gruppe der
Europäischen Volksparteien), Pablo Zalba Bidegain (Partido Popular,
Spanien) das Wort und ereiferte sich über die unhaltbare Meinung von Joe
Higgins.
Joe erklärte, dass er sich durchaus bewusst darüber ist, dass seine
Meinung diametral gegenüber der der meisten Abgeordneten im Ausschuss
steht, aber dass er dennoch festhält an der Überzeugung, dass es eine
eindeutige Kluft zwischen Worten und Taten der EU gibt.
Nun ja, die Gruppe der EVP und der ECR (European Conservatives and
Reformists Group), zu denen unter anderen die britische Tory-Partei der
ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher gehört, formulierten dann
auch 12 Änderungsanträge zu einem Text von einer halben DINA4 Seite, die
sozialdemokratische Fraktion brachte es auf 14 Änderungsanträge. Das
entlockte meinem Kollegen Paul den Kommentar, dass wir wahrscheinlich
ganz gut gearbeitet haben.
Dass wir es tatsächlich "ganz gut" machen und dass die politischen
Dominanz des neoliberalen Gedankengutes in diesem Ausschuss nicht
notwendigerweise das Gedankengut außerhalb des Parlamentes wieder
spiegeln, wurde daran deutlich, dass die Nicht-Regierungsorganisation
"Fair Politics" in einem schriftlichen Kommentar zur Debatte (der Link
zum englischsprachigen Text findet sich hier)
zu der Schlussfolgerung kommt, dass es sich bei Joe Higgins
wahrhaftig um einen "fairen Politiker" handelt.
Die letzten Tage beschäftigte sich GUE/NGL vor allen Dingen mit dem
SWIFT Abkommen, dass - falls es verlängert wird- der amerikanischen
Regierung im Rahmen des Kampfes gegen den Terror Einsicht in die
Kontobewegungen der Bevölkerung gibt. Das Europäische Parlament darf
seit der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon auch darüber
aussprechen. Spannende Themen also. Fortsetzung folgt.
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