Deutschland und die Weltwirtschaftskrise
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, SAV, Deutschland: Politik allgemein, veröffentlicht: 30.01.2010
Resolution der SAV-Bundeskonferenz
Wir veröffentlichen hier in leicht redaktionell bearbeiteter Fassung
die politische Resolution, die von den Delegierten der SAV-Bundeskonferenz
am 24. Januar 2010 einstimmig verabschiedet wurde.
„Dieses Mal haben wir es nicht mit einer normalen Rezession zu tun,
sondern mit einer systemrelevanten Krise, die so groß ist und eine
derart strukturverändernde Zerstörungskraft entwickelt, dass man sie
nicht einfach laufen lassen kann.”
Jürgen Rüttgers, CDU
Die aktuelle Weltkrise des Kapitalismus ist eine Bestätigung des
Marxismus im Allgemeinen und der Analysen und Perspektiven der SAV und
des Komitees für eine Arbeiterinternationale im Besonderen.
Wir haben nicht nur auf die allgemeine Krisenhaftigkeit des Kapitalismus
hingewiesen, sondern auch erklärt, warum die Blasen-Ökonomie zwar den
Aufschwung der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts verstärkte, damit aber
gleichzeitig das Potenzial für eine schwere und tiefe Wirtschaftskrise
enorm erhöht hat. Wir haben nicht nur die Entwicklung der Krise
vorhergesehen, sondern auch die Grundzüge ihrer Ursachen und ihres
Verlaufs. Dabei haben wir keine ‘katastrophistische’ Position
eingenommen, sondern haben auch erkannt, dass die massiven Maßnahmen der
Kapitalistenklasse weltweit den Krisenverlauf beeinflussen können.
Diese Krise leitet eine neue Periode im Niedergang des Kapitalismus ein.
Sie setzt ein für allemal einen Schlussstrich unter die Periode der
90er. Wir haben in den letzten Jahren bereits eine Trendwende analysiert
und erlebt, die sich dadurch gekennzeichnet hat, dass die Arbeiterklasse
die Bühne des Klassenkampfes wieder begonnen hat zu betreten und
wichtige Schritte im Wiederaufbau der organisierten Arbeiterbewegung
gegangen ist. Diese Entwicklung wird sich massiv beschleunigen. „Alles
ist anders“! Wir stehen am Beginn einer Periode von Revolution und
Konterrevolution im Weltmaßstab - also von Massenbewegungen und scharfen
Angriffen, die die Frage, wer die Macht in der Gesellschaft ausübt auf
die Tagesordnung setzen werden. Die nächsten Jahre werden geprägt sein
von einer enormen Zunahme der Klassenpolarisierung, scharfen Angriffe
auf den Lebensstandard der Massen, bitterer Klassenkämpfe,
verallgemeinerter Massenbewegungen, politischen Verwerfungen und der
Entwicklung von sozialistischem Bewusstsein und des Wiederaufbaus der
Arbeiterbewegung.
Aus dieser Krise gibt es keinen dauerhaften Ausweg auf kapitalistischer
Basis. Nur ein Programm der sozialistischen Revolution kann einen Ausweg
aus dem Niedergang der Gesellschaft weisen. Die Offenheit für
sozialistische Ideen nimmt in der Arbeiterklasse durch den Verlauf und
die Auswirkungen der Krise massiv zu und wird sich durch die Erfahrung
mit Klassenkämpfen sprunghaft steigern. In einer kürzlich getätigten
Umfrage der BBC haben nur elf Prozent der Bevölkerung in Europa den
Kapitalismus unterstützt. 23 Prozent haben sich europaweit schon für
einen Systemwechsel ausgesprochen (in Deutschland immerhin auch acht
Prozent).
Doch bisher hat die Krise noch nicht zur Herausbildung eines breiten
sozialistischen Bewusstseins geführt oder eine neue Schicht
sozialistischer ArbeiteraktivistInnen entstehen lassen. Es gibt einen
Widerspruch zwischen der objektiven Reife für einen Übergang zum
Sozialismus und der subjektiven Unreife der Arbeiterklasse hinsichtlich
ihres Bewusstseins und ihrer Organisiertheit. Dies hängt mit dem Ballast
der Geschichte des Stalinismus zusammen, der immer noch auf das
politische Verständnis und das Vertrauen in eine sozialistische
Alternative in großen Teilen der Arbeiterklasse drückt und mit der
verfehlten Politik der Gewerkschaftsführungen und der Führungen der
neuen linken Parteien, dort wo es sie gibt, die die Krise nicht zu einer
Offensive für Klassenkampf und Sozialismus genutzt haben.
Es gibt also keinen Automatismus hin zur sozialistischen Veränderung der
Welt. Es bedarf des entschlossenen Handelns von SozialistInnen im
Klassenkampf, der Formulierung eines an den Kämpfen und dem Bewusstsein
der Massen anknüpfenden marxistischen Übergangsprogramms und verstärkter
Anstrengungen zum Aufbau der Kräfte des Trotzkismus um den Wettlauf mit
der Zeit und mit reformistischen und auch rechtsradikalen Kräften, in
dem wir uns befinden, zu gewinnen.
Die Weltwirtschaft
Die Krise ist nicht vorbei. Für uns Marxistinnen und Marxisten erschöpft
sich die Krise nicht im Rückgang der Wirtschaftsleistung. Diese Krise
ist nicht nur eine ökonomische Krise. Es ist eine wirtschaftliche,
politische, soziale und ökologische Systemkrise, deren Auswirkungen auf
die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse in Deutschland und weltweit
erst noch vollständig spürbar werden und die eine neue Periode im
Niedergang des Kapitalismus einleitet.
Die Kapitalistenklassen in allen Ländern waren von der Krise überrascht
und schockiert. Ihr neoliberales Paradigma der Globalisierung und
Deregulierung ist zusammen gebrochen. Die Epoche des ‘deregulierten
Kapitalismus’ ist zu Ende. Angesichts des ersten Rückgangs der
weltweiten Wirtschaftsleistung seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben
sie die Gefahr für ihr System erkannt und historisch unvergleichliche
Maßnahmen zur Rettung des kapitalistischen Wirtschafts- und
Finanzsystems ergriffen. Der Zusammenbruch von Lehman Bros. war ein
entscheidender Wendepunkt im Krisenverlauf. Seitdem haben die
Kapitalisten durch ihre Regierungen 14.000 Milliarden Dollar in die
Wirtschaft und das Finanzsystem gepumpt, um einen systemischen
Zusammenbruch und eine Wiederholung der Großen Depression von 1929 bis
1933 zu verhindern. Das sind 4,7 Prozent des weltweiten
Bruttoinlandprodukts (BIP).
Dabei haben sie die in den letzten Jahrzehnten dominante Ideologie der
Entstaatlichung über Bord geworfen und sind zu einer Form von
Krisen-Keynesianismus übergegangen, der nicht nur zu massiven
staatlichen Rettungsaktionen von Banken und Industrieunternehmen und
riesigen Konjunkturprogrammen, sondern auch zu Verstaatlichungen von
einzelnen Banken und Konzernen geführt hat. Das hat die sich seit Jahren
entwickelnde ideologische Krise des Kapitalismus verstärkt.
Die staatlichen Interventionen und das milliardenfache Pumpen von Geld
in die Wirtschaft hatten die Wirkung, dass die Krise gedämpft und ein
Verlauf ähnlich der Großen Depression erst einmal verhindert wurde. Sie
führen aber nicht zu einem Ende der Krise oder einem neuen, sich selbst
tragenden, Aufschwung. Im Gegenteil: wie schon der Boom bis zum Ausbruch
der Krise auf Pump finanziert war und die Krise nur verzögert und
gleichzeitig verschärft hatte, so werden auch die aktuellen Maßnahmen
der Kapitalisten die Gefahr eines neuerlichen Abgleitens in eine
Rezession und möglicherweise in eine tiefe Depression nicht bannen,
sondern wahrscheinlich zu schärferen Krisenprozessen in der Zukunft
führen. Der Preis für die Rettung der Weltwirtschaft ist groß:
Rekordverschuldung, die zu Rekorddefiziten der öffentlichen Haushalte
führt, die wiederum durch Abbau von Sozialleistungen und Löhnen im
öffentlichen Dienst (zusammen mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit) die
Konsummöglichkeiten weiter beschränkt, Gefahr von Inflation und
wachsenden Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft.
Die Krise hat ihre Ursache nicht in Managementfehlern,
unverantwortlichem Handeln von Bänkern, fehlender Regulierung oder
Ähnlichem. Ihre tiefere Ursache liegt in der Funktionsweise des
kapitalistischen Systems selbst. Deregulierung, Aufblähung der
Finanzmärkte etc. waren Folge der tiefer liegenden Profitabilitätskrise
des Kapitalismus. Seit der ersten Weltwirtschaftskrise der
Nachkriegszeit 1973-75 leidet der Kapitalismus an einem Mangel an
profitablen Anlagemöglichkeiten in der so genannten Realwirtschaft. Das
hatte zur Folge, dass das Kapital auf die Finanzmärkte drängte, durch
Privatisierung neue Profitquellen erschlossen wurden, die Ausbeutung der
Arbeiterklasse intensiviert und der Prozess der Globalisierung voran
getrieben wurde. Vor allem wurden aber auch riesige Überkapazitäten
aufgebaut, die in der jetzigen Krise voll zu Tragen kommen und wurde
durch Lohndrückerei und Kürzungen sozialer Leistungen die Nachfrage
untergraben.
Der tatsächliche Abbau dieser Überkapazitäten steht noch bevor. Das
heißt, dass die Krise bisher ihre historische Aufgabe - die Zerstörung
von Kapital zur Schaffung einer Basis für einen neuen Aufschwung - nicht
erfüllt hat. Gleichzeitig gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die zu
einem erneuten Absturz der Weltwirtschaft führen können. Dazu gehört,
dass durch das Pumpen von Geld in die Wirtschaft eine neue Blase
entstanden ist, die die Instabilität der Weltwirtschaft nur erhöht hat
und jederzeit platzen kann.
Der Anstieg von Aktienkursen und die Bankenprofite der letzten Monate
sind deshalb kein Ausdruck einer tatsächlichen Erholung der Wirtschaft.
Sie bringen vielmehr den parasitären Charakter des heutigen Kapitalismus
und insbesondere des Finanzkapitals zum Ausdruck. Die Banken, die ein
entscheidender Auslöser für die Krise waren, verdienen nun an ihrer
eigenen Rettung durch die kapitalistischen Staaten. Der Dieb wird vom
Opfer des Raubüberfalls ausgezahlt, damit er keinen weiteren Schaden
anrichtet. Eine neuerliche Bankenkrise ist damit aber nicht verhindert,
nicht einmal unwahrscheinlicher geworden. Es gibt weiterhin im
Weltmaßstab eine riesige Menge fauler Kredite. Die Kreditkartenblase in
den USA, die enormen Spekulationen mit Staatsanleihen und Währungen (so
genannte Carry Trades) und die Blase der Credit Default Swaps sind nur
einige Faktoren, die Auslöser eines neuen Zusammenbruchs sein können.
Die Schockwellen, die die Finanzkrise Dubais in die Weltwirtschaft
gesendet hat, sind ein Zeichen für die enorme Instabilität.
Die Kapitalisten und ihre Regierungen hoffen sich durch einen
einsetzenden Aufschwung vor einer neuen Bankenkrise zu retten. Dafür
gibt es aber keine ernstzunehmenden Anzeichen. Die Konzentration im
Bankensektor ist vor diesem Hintergrund ein weiterer Krisenfaktor.
Joseph Stieglitz, ehemaliger Chefvolkswirt der Weltbank und
Nobelpreisträger, sagte dazu: “Die Probleme sind heute größer als im
Jahr 2007 vor der Krise. In den USA und vielen weiteren Ländern sind die
‘too-big-to-fail’-Banken (Banken, die aufgrund ihrer Größe eine so
genannte Systemrelevanz haben und deshalb ‘zu groß zum Scheitern’ sind)
noch größer geworden.”
Hinzu kommen die Gefahren für das Weltwährungsgefüge. Der US-Dollar ist
weiterhin gegenüber den meisten Währungen überbewertet und wird nur
durch die großen Staatsanleihen Chinas und anderer asiatischer Staaten
stabil gehalten. Diese finanzieren weiterhin das enorme doppelte Defizit
der USA, das durch die Krise noch größer geworden ist. Ziehen China oder
andere Staaten sich aus dem Dollar zurück, kann das zum Sturz der
US-Währung führen und die Krise verschärfen.
Gleiches gilt für den sich entwickelnden Protektionismus. Die Herrscher
der kapitalistischen Staaten versuchen zwar den Welthandel aufrecht zu
erhalten, um eine Verschärfung der Krise durch einen Zusammenbruch
desselben wie im Verlauf der Großen Depression zu verhindern, und
koordiniert gegen die Krise vorzugehen, aber letztlich ist sich doch
jede nationale Kapitalistenklasse selbst die nächste. Die Krise hat auch
unsere Analyse bestätigt, dass der globalisierte Kapitalismus den
Nationalstaat nicht überwinden kann und die großen Banken und Konzerne
ihre nationalstaatliche Basis nicht verlieren.
Trotz aller gegenseitiger Abhängigkeit der unterschiedlichen
kapitalistischen Volkswirtschaften entwickeln sich neben Protektionismus
verstärkt Handelsauseinandersetzungen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass
sich vor dem Hintergrund einer neuerlichen Verschärfung der Krise in
einzelnen Staaten die Haltung durchsetzt, ‘alleine’ besser aus dieser
rauszukommen und zu einer scharfen Politik des Protektionismus
übergegangen wird.
Dies kann auch zum Auseinanderbrechen des Euro in der heutigen Form
führen. Vordergründig hatte die Krise bisher den Effekt, den Euro zu
stärken und insbesondere in den kleineren EU-Staaten hat sich ein
Bewusstsein entwickelt, als Teil der EU und des Euro besser gegen die
Krise gewappnet zu sein. Das hat auch zur Annahme des Lissabon-Vertrages
durch die irische Bevölkerung und die Ratifizierung durch den
tschechischen Präsidenten Klaus geführt. Diese Stimmung in der
Bevölkerung ist aber vorübergehend. Die EU hangelt sich gleichzeitig von
Krise zu Krise und von Konflikt zu Konflikt. Es können in den nächsten
Jahren einzelne – auch größere - Staaten sein, die den Euro als
Zwangsjacke für eine aus ihrer Sicht effektive Wirtschaftspolitik
empfinden und aus dem Euro aussteigen. Ein, wie auch immer genau
aussehender, Zusammenbruch des Euro würde aber wahrscheinlich zu einer
von Deutschland dominierten Währungszone führen.
Die Ratifizierung des Lissabon-Vertrages bedeutet einen der größten
Angriffe auf die europäische Arbeiterklasse in den letzten Jahren. Er
verpflichtet zum Aufbau einer EU-Interventionsarmee und schreibt
Lohndrückerei und Privatisierung für alle Mitgliedsstaaten fest. Die
Herrschenden Europas haben damit ein weiteres Werkzeug, um die Krise auf
die Arbeiterklasse abzuwälzen.
China konnte aufgrund des großen Staatssektors in der Wirtschaft,
insbesondere im Bankenbereich, und der bürokratisch-zentralistischen
Staatsstruktur mit der besonderen Rolle der so genannten Kommunistischen
Partei ein besonders großes und effektives Konjunkturprogramm
durchführen. Dies scheint zu einem gewissen Wirtschaftswachstum geführt
zu haben. Doch auch in China führt das zum Anwachsen einer Finanzblase,
deren Platzen jederzeit auf die Realwirtschaft zurück schlagen kann.
Außerdem gilt weiterhin, dass der chinesische Markt – und auch andere
Märkte so genannter "Schwellenländer" – nicht in der Lage sind, den
Nachfrageeinbruch in den USA und anderen entwickelten kapitalistischen
Staaten zu kompensieren.
Das Gerede vom ‘Ende der Krise’ kommt also dem Pfeifen im Wald gleich.
Die Weltwirtschaft ist im dritten Krisenjahr nicht einmal aus dem
Gröbsten raus. Eine wirtschaftliche Erholung kann nur vorübergehend sein
und wird rückblickend betrachtet werden, wie die kurzen Wachstumsphasen
während der Großen Depression oder im ‘verlorenen Jahrzehnt’ im Japan
der 1990er Jahre.
Die weitsichtigeren Vertreter des Kapitals erkennen das. Stieglitz
erwartet eine “ausgedehnte Periode einer schwachen Wirtschaft, einer
wirtschaftlichen ‘Malaise’” und Nouriel Roubini warnt vor einem
“double-dip” (einem zweiten Abgleiten in die Rezession) oder einem lang
gezogenen U-förmigen Krisenverlauf. Ob die Kurve der kapitalistischen
Entwicklung in den nächsten Jahren einem "W", "U", "L" oder einem
Saxophon gleich kommt ist letztlich zweitrangig und nicht vorher zu
sagen. Entscheidend ist, dass die wahrscheinlichsten Aussichten für die
Weltwirtschaft eine Fortsetzung von Stagnation und Krise in der einen
oder anderen Form, wenn nicht sogar ein tiefer Einbruch in eine
Depression, ist.
Die Folgen dieser Krise für das internationale Kräfteverhältnis,
zukünftige militärische Konflikte und Kriege, den Kampf gegen die
Erderwärmung etc. sind noch gar nicht absehbar. Klar ist, dass die
Konflikte zwischen den imperialistischen Staaten zunehmen werden, der
Kampf um Rohstoffe und Transportwege intensiviert geführt werden wird
und Lösungen für die großen internationalen Konflikte im Irak,
Afghanistan, Iran, Israel/Palästina auf kapitalistischer Grundlage
weiter entfernt sind denn je.
Die Umwelt- und Klimakrise ist aufs Engste mit der ökonomischen Krise
verzahnt. Die Rücksichtslosigkeit des Kapitalismus gegenüber den
natürlichen Ressourcen erhielt in der von Öl-, Auto- und
Rüstungskonzernen dominierten Ära einen heftigen Schub. Die
kapitalistische Globalisierung führte zu einer enormen Steigerung der
Transporte (während sich das globale Sozialprodukt seit 1990 um das
2,5-fache erhöhte, wuchs der weltweite Transport um das Sechsfache).
Heute steht fest, dass die grönländische Eisschicht noch schneller
schmilzt und die Weltmeere sich rascher erwärmen, als vor einigen Jahren
angenommen. Der Meeresspiegel wird bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich um
über einen Meter ansteigen. Die derzeitige Konzentration von
Treibhausgasen in der Atmosphäre könnte zu einer weltweiten Erwärmung
von mehr als zwei Grad Celsius führen (Aktualisierung der letzten Studie
des UNO-Weltklimarates (IPCC) in einer Expertenstudie vom Juni 2009).
Um noch schlimmere Folgen zu verhindern, müsste der Ausstoß der
Treibhausgase unmittelbar um 60 bis 80 Prozent verringert werden. Der
Kopenhagener Klimagipfel zeigt einmal mehr, dass die kapitalistische
Politik davon meilenweit entfernt ist.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kommt es vielmehr zu einer
entgegengesetzten – das Klima noch stärker belastenden – Entwicklung
(„Abwrackprämien“, Konjunkturprogramme zur Förderung des Straßen- und
Flugverkehrs, Subventionen für Autokonzerne und Flugzeugunternehmen
etc.).
Außerdem wird in Deutschland unter Schwarz-Gelb, aber auch in anderen
Staaten die AKW-Politik nicht nur fortgesetzt, sondern noch forciert.
Deutsche Wirtschaft
Die deutsche Wirtschaft ist nicht zuletzt aufgrund ihrer starken
Exportabhängigkeit besonders von dieser Krise getroffen worden. Der
wirtschaftliche Einbruch war im Jahr 2009 mit einem Rückgang des BIP von
fünf Prozent so groß wie zuletzt im ersten Jahr der Großen Depression.
Still und heimlich wurde die Berechnungsgrundlage des
Wirtschaftswachstums auf das angelsächsische Prinzip des Vergleichs zum
Vorquartal (anstatt zum Vorjahresquartal) umgestellt. Der Versuch die
etwas weniger schlimme Prognose in der zweiten Jahreshälfte 2009 im
Vergleich zu den Prognosen aus der ersten Jahreshälfte als Erfolg
darzustellen, drückt vor allem die Dramatik der Krise aus.
Hier sind insbesondere die so genannten schweren Bataillone der
Arbeiterklasse in der Industrie, Stahl, Maschinenbau, Werften und vor
allem Automobilbau, sowie die IT-Branche betroffen. In der Folge davon
aber auch Banken, Einzelhandel, Transportbranche usw.
Allein im Maschinenbau sind eine Million ArbeiterInnen beschäftigt und
gerade hier hat die Krise erst mit Verspätung eingesetzt. ThyssenKrupp
plant den Abbau von 20.000 Stellen weltweit. Die Zukunft der
ostdeutschen Werften ist trotz neuen russischen Investors völlig
unsicher. Das so genannte "Silicon Saxony" in und um Dresden steht vor
der Katastrophe.
In der Automobilindustrie stehen riesige so genannte Marktbereinigungen
an, das heißt die Krise wird zur Vernichtung von Produktionsanlagen und
ganzer Autofirmen führen. Der Fiat-Boss Sergio Marchionne hat darauf
hingewiesen, dass in diesem Prozess weltweit von zehn großen vielleicht
noch sechs Autokonzerne übrig bleiben werden. Die einjährige
Auseinandersetzung um die Zukunft von Opel hat gezeigt, wie scharf der
Konkurrenzkampf in dieser Branche bei über 25 Prozent Überkapazitäten
weltweit ausgetragen wird.
Die Abwrackprämie hat in Deutschland - und auch den USA und anderen
Ländern, die ähnliche Maßnahmen ergriffen haben - nur den Effekt gehabt,
Autokäufe vorzuziehen und damit das Durchschlagen der Krise nur
verzögert. Die Kurzarbeitsregelungen haben ein sprunghaftes Anwachsen
der Erwerbslosigkeit – und damit einen Einbruch der kaufkräftigen
Nachfrage – auch nur verschoben, aber nicht verhindert.
Soziale Folgen der Krise
Weltweit wird die Krise auf dem Rücken der ArbeiterInnen, armen
Bauernschaft, der Erwerbslosen, Jugendlichen und Alten ausgetragen. In
einigen Ländern ist es schon zu einem dramatischem Anstieg von
Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Vernichtung von Ersparnissen und
Rentenansprüchen und zur Zerstörung ganzer Existenzen gekommen. Dabei
hat die Krise auch im Weltmaßstab ihr Zerstörungspotenzial noch nicht
ganz entfaltet und werden die Massen in den nächsten Jahren erst noch
richtig zur Kasse gebeten.
In den USA sind seit Krisenbeginn acht Millionen Menschen arbeitslos
geworden und die Arbeitslosenquote ist mit 10,2 Prozent auf den Stand
von 1983 gestiegen. Bezieht man die Unterbeschäftigung mit ein, liegt
die Erwerbslosenquote bei 17,5 Prozent. Über neun Millionen Menschen
haben zwischen 2007 und 2009 ihre Häuser verloren. Es gibt wieder
Zeltstädte in US-Städten und nach Angaben des
US-Landwirtschaftsministeriums sind 49 Millionen US-AmerikanerInnen von
Hunger bedroht.
In der EU ist die Zahl der Beschäftigten seit Krisenbeginn um vier
Millionen gesunken. Besonders betroffen sind Jugendliche. In Spanien
liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 39 Prozent.
Einige Länder, die besonders hart von der Finanzkrise getroffen sind,
stehen faktisch vor dem Staatsbankrott. Das gilt für Island,
Griechenland, baltische Staaten und andere Länder Osteuropas. Aber auch
andere entwickelte kapitalistische Staaten, wie Belgien oder Österreich,
können bei einem zweiten Abtauchen der Wirtschaftsentwicklung in eine
tiefe Rezession oder Depression vor einer ähnlichen Situation stehen.
Die Folge für die Arbeiterklassen dieser Länder werden massive
Arbeitsplatzvernichtung im öffentlichen Dienst, Zerstörung der sozialen
Sicherungssysteme, Verlust von Rentenansprüchen durch den Bankrott von
Pensionsfonds (bzw. heftiger Sozialabbau und Rentenkürzungen in Folge
staatlicher Sicherungsgarantien für Pensionsfonds) sein.
Eine weitere Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse wird Millionen
Arbeiterinnen und Arbeiter der Brutalität des kapitalistischen Marktes
schutzlos ausliefern.
Doch die sozialen Auswirkungen der Krise lassen sich nicht nur in
materiell greifbaren Erscheinungen wie Arbeitslosigkeit und
Obdachlosigkeit messen. Das schon in den letzten Jahren sich aufgrund
der gestiegenen Ausbeutungsrate der Arbeiterklasse entwickelnde Phänomen
drastisch gestiegener Stresssymptome, Angstzustände und psychischer
Erkrankungen wird sprunghaft zunehmen und zu einem ‘anerkannten’
Massenproblem werden.
In Deutschland haben in den letzten Jahren von allen Krankheitsbildern
nur psychische Erkrankungen zugenommen, von 1997 bis 2004 um siebzig
Prozent. Depressionen sind zur Volkskrankheit geworden (und damit zu
einer lukrativen Profitquelle für die Pharmaindustrie, so dass die
‘Anerkennung’ depressiver Erkrankungen zwei Seiten hat und durch
Pharmakonzerne und Ärzteschaft ‘pathologisiert’ und ‘individualisiert’
wird).
In Frankreich und Japan sind die nachweislich auf Arbeitsbedingungen und
mit dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes zusammenhängenden Suizide
deutlich angestiegen. In Deutschland werden Selbsttötungen nicht nach
dieser möglichen Ursache hin untersucht bzw. gibt es dazu keine
Statistiken. Die Suizidwellen Beschäftigter der France Télécom und
anderer französischer Unternehmen haben durch das Aufgreifen dieses
Themas durch Gewerkschaften zu einer gesellschaftlichen Debatte geführt,
die sogar in dem Rücktritt von France Télécom-Managern und der
Verabschiedung eines ‘Anti-Stress’-Gesetzes mündeten. Solche Maßnahmen
werden jedoch keine Wirkung haben, so lange die ökonomischen und
sozialen Verhältnisse nicht verändert werden.
In der Bundesrepublik treffen die sozialen Folgen der Krise bisher nur
eine Minderheit der Arbeiterklasse mit voller Wucht. Wir hatten
erwartet, dass Bundesregierung und Kapital alles daran setzen, einen
drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit bis zu den Bundestagswahlen zu
vermeiden, um eine politische Radikalisierung und Polarisierung, die
eine Wirkung auf das Wahlergebnis hätte haben können, zu verhindern.
Arbeitgeber und Bundesregierung haben dementsprechend ein
Stillhalteabkommen geschmiedet: im Gegenzug zu den drastisch
ausgeweiteten arbeitgeberfreundlichen Kurzarbeitregelungen haben die
Unternehmen weitgehend auf Massenentlassungen verzichtet. Dieses
Stillhalteabkommen ist mit dem Tag der Bundestagswahlen vorbei und wir
sehen schon jetzt einen deutlichen Anstieg von Entlassungen und
Ankündigungen von Arbeitsplatzvernichtung. Dies ist der Fall, obwohl die
Bourgeoisie gerade gewisse Hoffnungen hat, dass die Krise ein Ende
findet und die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt.
Trotzdem sind auch im Jahr 2009 3,26 Millionen Arbeitsplätze vernichtet
worden. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon sind 600.000
sofort im ALG II gelandet. Zuerst hat es LeiharbeiterInnen getroffen,
die den Entlassungen schutzlos ausgeliefert sind. Von der
Arbeitsplatzvernichtung sind in stärkerem Maße Regionen betroffen, die
bisher nicht zu den Armenhäusern der Republik gehört haben. So ist der
Anstieg der Erwerbslosigkeit und auch der Rückgang der
Wirtschaftsleistung im Westen stärker ausgeprägt als im Osten.
Insbesondere Baden-Württemberg mit seiner starken Auto- und
Maschinenbauindustrie ist besonders hart getroffen: hier ist die
sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Jahr 2009 um 18,4 Prozent
gesunken.
Das bedeutet auch, dass Schichten der Arbeiterklasse von
Arbeitslosigkeit und der Perspektive auf Hartz IV und Verarmung
betroffen sind, die sich bisher in einer relativ sicheren sozialen
Situation wähnten. Dies kann zu einem schnellen Tempo und einer
besonderen Schärfe von Radikalisierung führen und soziale Explosionen
nach sich ziehen.
Die neue schwarz-gelbe Bundesregierung hat nach den Wahlen keinen
unmittelbaren offenen Angriff auf die Arbeiterklasse ausgerufen, sondern
versucht ihre Politik als um ‘sozialen Ausgleich’ und den Erhalt der
‘sozialen Marktwirtschaft’ bemüht zu präsentieren.
Mit einer weiteren Ausdehnung der Kurzarbeitregelung soll den
Unternehmen weiter unter die Arme gegriffen und Massenentlassungen
vermieden werden. Doch für viele Kapitalisten ist mittlerweile selbst
die Kurzarbeit zu teuer, deshalb die Vorschläge aus dem Unternehmerlager
Arbeitszeitverkürzung bei Lohnverzicht umzusetzen. Dementsprechend ist
nicht nur mit Entlassungen, sondern auch mit einer Zunahme von
Änderungskündigungen zu rechnen, die massive Einkommensverluste für
Beschäftigte bedeuten werden.
Diese Zögerlichkeit der Bundesregierung hat vor allem zwei unmittelbare
Gründe: erstens gibt es wichtige Teile der Bourgeoisie, die davor zurück
scheuen die aus ihrer Sicht gerade einsetzende wirtschaftliche Erholung
‘kaputt zu sparen’. Bürgerliche Wirtschaftswissenschaftler und
Zeitungskommentatoren rufen offen dazu auf, erst im Jahr 2011 mit
sozialen Grausamkeiten zu beginnen, in der Hoffnung, dass im Jahr 2010
eine wirtschaftliche Konsolidierung einsetzen könnte. Ein zweiter,
ebenfalls schwer wiegender Grund, sind die Landtagswahlen in
Nordrhein-Westfalen im Mai 2010. Diese sind von größter
bundespolitischer Bedeutung, weil NRW das bevölkerungsreichste
Bundesland ist und es die ersten Landtagswahlen nach den
Bundestagswahlen sein werden. Hinzu kommt, dass von der Verteidigung
einer schwarz-gelben Mehrheit in diesem Bundesland für die
Merkel-Westerwelle-Regierung die Mehrheit im Bundesrat abhängt. Es ist
also zu erwarten, dass es erst nach den NRW-Wahlen zu einer härteren
Gangart der Regierung kommen wird, insbesondere wenn sie diese Wahlen
gewinnen sollte.
Dies gilt, auch wenn sich in der Zögerlichkeit der Kapitalistenklasse
auch die Sorge vor sozialer Unruhe und allgemeiner Destabilisierung der
gesellschaftlichen Verhältnisse – und damit der Profitbedingungen – und
die ideologische Krise der Herrschenden ausdrückt. Die Tatsache, dass
die Bourgeoisie kein dem Neoliberalismus vergleichbares
wirtschaftsideologisches Paradigma der Krise entgegen stellen, und damit
die Arbeiterklasse einschüchtern, kann schränkt ihren Handlungsspielraum
unmittelbar ein.
Das bedeutet aber nicht, dass wir es unmittelbar mit einer Fortsetzung
der objektiven Lage, wie vor den Bundestagswahlen zu tun haben.
Insbesondere auf betrieblicher und kommunaler Ebene sehen wir eine
deutliche Zunahme von Angriffen auf die Arbeiterklasse und die Jugend
und das Potenzial für Gegenwehr und Bewegungen.
Aber auch die Ankündigung einer Gesundheits- und Pflegereform, die zur
Einführung einer Kopfpauschale in den Krankenversicherungen und zu einer
verpflichtenden kapitalgedeckten Pflegezusatzversicherung führen wird,
können in der Bevölkerung und den Gewerkschaften zu Unruhe führen.
Dieser Angriff hat einen systemischen Charakter und ist ein ‘Hartz IV
für das Gesundheitswesen’. Seine Umsetzung wäre der erste Schritt zu
einer weitreichenden und qualitativen Verschlechterung der
Gesundheitsversorgung für die breite Masse der Bevölkerung. Die
Tatsache, dass die Regierung mit der Umsetzung bis 2011 warten will,
drückt sowohl Differenzen im bürgerlichen Lager zu diesem Thema, aber
vor allem die oben beschriebene Vorgehensweise der Bürgerlichen aus. Es
ist nicht ausgeschlossen, dass die Bundesregierung den Schritt zu einer
"richtigen" Kopfpauschale erst einmal nicht zu gehen wagt, aber eine
Umstellung des Bezahlungssystems auf Vorkasse von Leistungen, wie beim
Zahnarzt, und einen damit verbundenen weiteren Abbau des
Leistungskatalogs anstrebt.
Insbesondere aber zeigt die Ankündigung dieses systemischen Angriffs in
welche Richtung die Politik der CDU/CSU/FDP-Regierung zielt. Die
Schulden von heute sind die Kürzungen von morgen. Die in der Verfassung
festgeschriebene Schuldenbremse zeigt, dass die Kapitalisten ihre
staatsinterventionistische Politik nur als vorübergehende
Rettungsmaßnahme für ihr System betrachten. Für die Zukunft heißt das:
Die Arbeiterklasse wird massiv zur Kasse gebeten. Es ist zu erwarten,
dass im Verlauf dieser Legislaturperiode, insbesondere bei einem
neuerlichen wirtschaftlichen Einbruch, weitere Angriffe dieser Art
folgen werden und auch grundlegende Arbeiterrechte im Bereich des
Streikrechts, der Mitbestimmung und des Kündigungsschutzes zur
Disposition stehen werden.
Unmittelbar stehen die Kommunen vor riesigen Haushaltslöchern, die sie
nicht durch weitere Verschuldung oder Steuereinnahmen stopfen können.
Die Ausfälle aus der Gewerbesteuer betragen im Bundesdurchschnitt 15
Prozent, in einzelnen Kommunen aber vierzig bis siebzig Prozent. Das
führt unmittelbar zu massiven Kürzungen bei den so genannten
freiwilligen Leistungen, also im Bereich Soziales, Jugendhilfe,
Schulausstattung, Breitensport etc. und zu Einsparungen bei den
städtischen Beschäftigten durch Arbeitsplatzvernichtung und
Lohndrückerei.
Wachstumsbeschleunigungsgesetz und Schuldenbremse werden sich auf Länder
und Kommunen besonders schwer auswirken. Eine Zunahme der
Erwerbslosigkeit und Lohnsenkungen werden auch für Kommunen eine
Steigerung von Sozialausgaben bedeuten. Das wird in Zukunft häufiger zu
Zwangsverwaltung von Kommunen führen.
Mit der Krise und dem ‘Ende des deregulierten Kapitalismus’ ist also
nicht die Politik neoliberaler Angriffe auf die Arbeiterklasse vorbei.
Das gilt für Arbeitsplatzvernichtung, Arbeitsverdichtung,
Sozialkürzungen, aber auch für in Zukunft weiter anstehende
Privatisierungsvorhaben, wie zum Beispiel die Privatisierung der Bahn
und der Flughafensicherung, die sich in der Koalitionsvereinbarung von
CDU, CSU und FDP finden.
Daraus ergeben sich für uns als zentrale anstehende Themen:
Arbeitslosigkeit (mit einem Schwerpunkt auf Jugendarbeitslosigkeit), der
Kampf gegen Betriebsschließungen und Arbeitsplatzvernichtung, kommunale
Kürzungen und das Thema Gesundheit als erster absehbarer
verallgemeinerter Angriff auf die Arbeiterklasse mit Potenzial für eine
Verallgemeinerung der Gegenwehr.
Bewusstsein der Arbeiterklasse
Die kapitalistische Weltkrise führt zu einer Intensivierung der seit
Jahren sich entwickelnden Vertrauens- und Legitimitätskrise des
kapitalistischen Systems und seiner Institutionen. Diese
Bewusstseinsentwicklung verläuft jedoch nicht gradlinig und führt vor
allen Dingen nicht automatisch von einem ‘negativen’
antikapitalistischen Bewusstsein zu einem ‘positiven’
pro-sozialistischen Bewusstsein. Letzteres bedarf der Erfahrung im
Klassenkampf und kann durch das bewusste Eingreifen sozialistischer
Kräfte in der Arbeiterbewegung enorm beschleunigt werden. Es gibt auch
Teile der Arbeiterklasse, die darauf hoffen, dass die Krise nur zu
vorübergehenden Einschränkungen führen wird oder sie selber nicht
betroffen sein werden. Dies kann ein Faktor sein, der den Klassenkämpfe
verzögert. Aber gerade das zu erwartende Auf und Ab wirtschaftlicher und
sozialer Entwicklungen wird einen radikalisierenden Effekt auf die
Arbeiterklasse haben.
Der Verlauf des letzten Jahres hat ein Licht auf die Komplikationen in
der Bewusstseinsentwicklung geworfen. Nach dem Ausbruch der Krise
reagierten die Bürgerlichen erschrocken und überrascht. Die
Notwendigkeit von Bankenverstaatlichungen als staatskapitalistische
Maßnahmen und der Versuch rechter Kreise in den USA Obama als
‘Sozialisten’ zu diskreditieren, führten zu einer Systemdebatte, die
weitaus mehr von bürgerlichen Journalisten ausging, als von Kräften aus
der Führung der Arbeiterbewegung. Dies bot uns in den ersten Monaten des
Jahres 2009 die Gelegenheit positiv an einer stattfindenden Debatte über
Verstaatlichungen und das Ende des Kapitalismus anzuknüpfen und unsere
sozialistische Alternative zu präsentieren. Diese Debatte wurde in der
Öffentlichkeit weitgehend wieder beendet, weil die Bürgerlichen den
Anschein erwecken konnten durch entschlossene Maßnahmen die Situation
unter Kontrolle zu bekommen, aber vor allem weil die Führungen von
Gewerkschaften und LINKE sich als Ärzte am Krankenbett des Kapitalismus
versuchten, statt die Rolle des Totengräbers zu übernehmen und die
Systemdebatte zuzuspitzen.
Doch wir dürfen die öffentliche Debatte nicht mit den realen, oft für
lange Zeit unter der Oberfläche stattfindenden, Prozessen im Bewusstsein
der Massen verwechseln. Die schon erwähnte jüngste Umfrage der BBC, aber
auch das Wachstum der NichtwählerInnen bei den Bundestagswahlen zeigen,
dass die Vertrauens- und Legitimitätskrise der kapitalistischen
Institutionen und des ganzen Systems weiter zunimmt und sich die
objektive Lage zugunsten von Marxistinnen und Marxisten verändert. Auch
in den USA haben wir, trotz des bisherigen Ausbleibens größerer
Klassenkämpfe, eine wichtige Veränderung im Bewusstsein von Massen, bis
hin zur Entwicklung von rudimentärem antikapitalistischem Bewusstsein
beobachten können.
Solange es aber nicht zu größeren Klassenkämpfen und sozialen Bewegungen
kommt, solange die Arbeiterklasse der gesellschaftlichen Entwicklung
nicht ihren Stempel aufdrückt, wird sich sozialistisches Bewusstsein in
der Regel nur in kleineren Schichten entwickeln.
Dabei wird sich Bewusstsein und werden sich Bewegungen nicht nur an den
‘harten’, ‘materiellen’ sozialen Themen wie Arbeitslosigkeit und Armut
entwickeln. Gerade unter Jugendlichen sind Themen wie Umweltzerstörung,
Überwachung und Demokratieabbau, Rassismus und Faschismus, Krieg und
Militarisierung und vor allem Bildung sehr wichtig und führen zu
Politisierung, Radikalisierung und Bewegung. Das gilt vor allem für
studentische Jugendliche und kleinbürgerliche Schichten, wird aber auch
auf bewusstere Teile der Arbeiterjugend und der Arbeiterklasse zutreffen.
Der Mangel an Ausbildungsplätzen und das Fehlen von Zukunftschancen
lässt für manche Jugendliche eine Verpflichtung als Berufssoldat als
mögliche Alternative erscheinen. Schon heute sind überdurchschnittlich
viele Ostdeutsche als BundeswehrsoldatInnen an Auslandseinsätzen
beteiligt. Das ist ein Hinweis, dass auch heute schon die soziale Frage
mit der Kriegspolitik des deutschen Imperialismus unmittelbar verknüpft
ist.
Die großen Mobilisierungen gegen Atomkraft und zur ‘Freiheit statt
Angst’-Demonstration sind ein Ausdruck solcher Radikalisierungsprozesse.
Die Entscheidung der neuen Bundesregierung die Laufzeiten für
Atomkraftwerke zu verlängern wird dieses Thema weiter in den Mittelpunkt
rücken und es wird weitere Mobilisierungen dazu geben, die sowohl ‘alte’
AktivistInnen der Umweltbewegung reaktivieren können, als auch
Jugendliche mobilisieren werden. Dazu kommt, dass sich Grüne und SPD
zweifellos an diesem Thema ‘links’ profilieren wollen.
Auch das Wachstum der Piratenpartei ist Ausdruck davon, dass das Thema
Überwachung und ‘Internet-Demokratie’ eine wichtige Rolle für eine
Schicht von vor allem jungen Menschen spielt. Die Piratenpartei konnte
ein Stück weit in das existierende politische Vakuum vordringen, das von
der Partei DIE LINKE nur teilweise ausgefüllt wird. Aufgrund des Fehlens
eines politischen Programms und der Tatsache, dass die
Krisenauswirkungen in den nächsten Jahren noch mehr als bisher soziale
Fragen ins Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen rücken
werden, hat die Piratenpartei aber kaum eine Zukunft sich zu etablieren
und auf Landes- oder Bundesebene bei Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde zu
überwinden.
Dennoch ist sie ein Beispiel dafür, dass in Zukunft kurzfristig neue
Kräfte entstehen können, die das Interesse besonders auch von
Jugendlichen auf sich ziehen.
Jugend
Jugendliche sind von der Wirtschaftskrise in besonderem Maße betroffen.
Wie in unserer Zeitung dargestellt ist die Arbeitslosigkeit unter ihnen
international besonders gestiegen und sind sie mit prekären
Arbeitsverhältnissen, Billiglöhnen und Kürzungen im Bildungs- und
Freizeitbereich konfrontiert. Auch in Deutschland wird Stellenabbau
Jugendliche treffen und weniger Auszubildende werden in ihren Beruf
übernommen werden. Damit entwickelt sich ein explosives Potenzial von
Unmut, dass zu Protesten und Widerstand von Jugendlichen gegen
Arbeitslosigkeit, Entlassungen nach Beendigung der Ausbildung und gegen
prekäre Arbeitsverhältnisse führen wird. Insbesondere das Thema
Übernahme kann in diesem Jahr von großer Bedeutung sein.
Dabei gibt es einerseits eine hohe Sensibilität für gesellschaftliche
Probleme und für den katastrophalen Zustand des Bildungssystems. Dies
hat sich in den Bildungsstreiks und Hörsaalbesetzungen an Universitäten
ausgedrückt, aber auch an den schon erwähnten Protesten zu Umwelt- und
Demokratiefragen.
Die Bildungsmisere ist und bleibt ein Dauerbrenner unter Jugendlichen,
der regelmäßig zu Protesten führt und weiterhin führen wird. Dabei hat
sich einerseits ein Bewusstsein für den Zusammenhang sozialer Fragen und
Fragen des Bildungswesens entwickelt, was sich in der Ablehnung des
dreigliedrigen Schulsystems oder von Studiengebühren zeigt. Jugendliche
werden sich mehr und mehr über ihre eigene soziale Situation
radikalisieren und politisieren.
Der Bildungsstreik und die damit verbundenen Universitätsbesetzungen
sind trotz ihrer großen Verbreitung und gesellschaftlichen Resonanz
hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben. Vielerorts solidarisierten
sich ProfessorInnen, DozentInnen, Reinigungspersonal,
Mensa-MitarbeiterInnen und weitere universitätsspezifische Berufe. Aus
dieser Solidarisierung entwickelte sich vielerorts die Frage nach
gemeinsamen Protesten. In den meisten Fällen waren Studierende nicht in
der Lage darauf zu reagieren. Die Frage nach gemeinsamen Protesten wird
sich durch die unveränderte Bildungslage und die sich verschärfende
soziale Lage der Arbeiterklasse auch 2010 wieder konkret stellen. Unsere
Aufgabe muss dabei sein, der Studierendenbewegung die Wichtigkeit
gemeinsamer Proteste und Aktionen klar zu machen und konstruktiv an
ihrer Durchführung mit zu wirken.
Andererseits werden die bildungspolitischen Forderungen von einer
Mehrheit der Jugendlichen noch nicht mit gesellschaftspolitischen
Forderungen bewusst verbunden und gibt es auch Skepsis gegenüber linken
"Ideologien" und Gruppierungen, wie sich bei den Hörsaalbesetzungen an
einigen Hochschulen zeigte.
Das Interesse für grundlegende Alternativen zum Kapitalismus und für den
Marxismus ist unter Jugendlichen aber deutlich gewachsen und wächst
weiter.
Die Bildungsstreiks im Jahr 2009 haben einen Eindruck von dem riesigen
Unmut unter SchülerInnen und Studierenden gegeben und gezeigt, welches
Potenzial für eine große Bildungsrevolte existiert. Bisher konnte sich
keine kontinuierliche Bewegung entwickeln, weil es keine demokratische
Selbstorganisation der SchülerInnen und Studierenden gibt, die für eine
dynamische Bewegung das organisationspolitische Rückgrat bilden könnte.
Dementsprechend fehlte eine Strategie zur bewussten Steigerung der
Proteste. Dies kann sich in Zukunft jedoch – auch ohne die Herausbildung
einer SchülerInnen- oder Studierendengewerkschaft – entwickeln. Die
Frage von dauerhaften Streiks, Universitäts- und Schulbesetzungen und
anderen radikaleren Kampfschritten wird früher oder später in der
Bewegung aufkommen.
Gleichzeitig gibt es auf der betrieblichen und gewerkschaftlichen Ebene
oftmals das Phänomen, dass junge ArbeiterInnen keine Kampferfahrung und
kein Wissen über die Bedeutung der erkämpften Rechte und Bedingungen
haben und eine Art "Gewöhnungseffekt" an schlechte Arbeitsbedingungen zu
beobachten ist. Dies wird aber nicht von Dauer sein und kann sich durch
Kämpfe prekarisierter Beschäftigter, die eine Ausstrahlungskraft
entwickeln, ändern.
Die Jugend wird zu einem Unruheherd werden, deren Proteste und
Bewegungen größere Kämpfe der Arbeiterklasse vorweg nehmen und auch
anstoßen können. In den kommenden Kämpfen werden es auch gerade junge
ArbeiterInnen sein, die zu AktivistInnen und FührerInnen von Kämpfen
werden, weil ihnen die kapitalistische Gesellschaft keine Perspektive
mehr anbieten kann.
In der jetzigen Phase, in der immer mehr Jugendliche die Misere im
Bildungs- und Ausbildungsbereich erkennen und dagegen aktiv werden, ist
es für uns unerlässlich, diesen Schichten anhand ihrer täglichen
Auseinandersetzungen die Notwendigkeit des Kampfes für Sozialismus
aufzuzeigen. Dafür bieten sich in der kommenden Zeit besonders gute
Voraussetzungen.
Für uns steht die Forderung nach kostenloser Bildung und kostenlosen
Ausbildungs- und Studienplätzen sowie einer garantierten Übernahme in
den erlernten Beruf für alle im Mittelpunkt. Wir stellen Forderungen
gegen soziale Segregation und Elitebildung und für die Demokratisierung
der Bildungseinrichtungen auf – Weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem,
demokratische Verwaltung von Schulen und Hochschulen, Arbeiterkontrolle
über berufliche Ausbildung. Wir fordern milliardenschwere
Investitionsprogramme zur Schaffung von Lehrer- und Professorenstellen
und von Ausbildungsplätzen im öffentlichen Dienst, die aus den Profiten
der Banken und Konzerne finanziert werden sollen.
Klassenkämpfe und Gewerkschaften
International konnten wir in den letzten zwei Jahren beobachten, wie die
Arbeiterklasse in verschiedenen Ländern unterschiedlich auf die
Auswirkungen der Krise reagiert hat.
Wirtschaftskrisen führen nicht automatisch und unmittelbar zu
Klassenkämpfen. Materiell verschlechtert sich die Ausgangsposition der
Arbeiterklasse im Kampf um die Verteilung des Mehrprodukts. Höhere
Arbeitslosigkeit, schwache Kapazitätsauslastung und sinkende Profite
können auf das Selbstbewusstsein von Beschäftigten drücken und lassen
die Möglichkeit durch Streiks Erfolge zu erzielen unwahrscheinlicher
erscheinen. Tiefe Krisen können in der Arbeiterklasse eine Schockwirkung
auslösen und diese für eine Zeit lähmen. Historisch war es häufig so,
dass größere Kämpfe erst zu einem späteren Zeitpunkt des Krisenverlaufs
oder am Beginn der wirtschaftlichen Erholung stattfanden, so hat die
US-amerikanische Arbeiterbewegung erst nach der Großen Depression in der
Mitte der 1930er Jahre einen Aufschwung genommen. Häufig ist es das Auf
und Ab der Entwicklung, der Verlust einer Zukunftsperspektive, was zu
Radikalisierung und Kämpfen führt. Dementsprechend ist damit zu rechnen,
dass das Platzen des aktuell propagierten Aufschwungversprechens ein
enorme Wirkung auf das Bewusstsein und den Klassenkampf international
haben wird.
In den USA gibt es bisher eher eine gewisse Lähmung und ist es, trotz
starkem Anstieg der Erwerbslosigkeit, nicht zu größeren Kämpfen
gekommen. Die Entscheidung der Ford-Beschäftigten, keinem weiteren
Lohnverzicht zuzustimmen, weist aber darauf hin, dass sich das ändern
wird, nicht zuletzt vor dem Hintergrund wieder steigender Profite bei
Banken und Konzernen.
In Ländern mit dramatischem wirtschaftlichem Einbruch, wie Island und
den baltischen Staaten, ist es zu Massenbewegungen gekommen, die sogar
Regierungen zu Fall gebracht haben. In Frankreich haben wir die Welle
von ‘Bossnapping’ gesehen und in Großbritannien und Irland eine Reihe
von Betriebsbesetzungen und betrieblichen Streiks, was auch auf eine
Radikalisierung der Kampfmethoden hinweist.
Unsere Einschätzung vor der Krise war, dass es in der Bundesrepublik zu
keiner allgemeinen Lähmung der Arbeiterklasse angesichts der
Krisenfolgen kommen wird, weil die Kolleginnen und Kollegen aus einer
Periode zunehmender Mobilisierungen, großer Kampfbereitschaft und,
zumindest in einigen Bereichen, hohem Selbstbewusstsein in die
Krisenperiode eingetreten sind.
Im Jahr 2009 kam es zu einigen wichtigen Streiks, insbesondere bei
Tarifauseinandersetzungen, aber noch nicht zu längeren und entschlossen
geführten betrieblichen Kämpfen gegen Betriebsschließungen und
Entlassungen. Das drückt vor allem aus, dass die gut organisierten und
kampferfahrenen Belegschaften bisher nicht von Betriebsschließungen und
Massenentlassungen betroffen waren. In anderen Fällen haben Proteste auf
betrieblicher Ebene zu gewissen Zugeständnissen im Vergleich zu den
ursprünglich geäußerten Unternehmensplänen geführt. Ganze Belegschaften
bzw. Teile von Belegschaften wurden in Transfergesellschaften in
Richtung Arbeitslosigkeit verschoben, verbunden mit den leeren
Versprechungen von Qualifizierung und Überbrückung von
Auftragsrückgängen.
In keinem Fall wurde aber bisher schon der Kampf für den Erhalt aller
Arbeitsplätze aufgenommen und entschlossen geführt, wobei auch der Kampf
um Abfindungen oder einer Begrenzung von Arbeitsplatzabbau zu großen
Auseinandersetzungen führen kann (wie zum Beispiel bei Visteon in
Großbritannien) oder sich zu einem Kampf für die Verteidigung aller
Arbeitsplätze weiter entwickeln kann (wie beim
Bosch-Siemens-Hausgerätewerk in Berlin im Jahr 2006).
Das ist zweifellos in einem Mangel an einer politischen Alternative und
Gegenargumenten zur von Kapital und Gewerkschaftsführung vorgetragenen
Krisenlogik bzw. der Komplizenschaft vieler Betriebsratsfürsten und
Gewerkschaftsführer, die versuchen Kämpfe zu verhindern, begründet.
Angesichts des über ihnen permanent schwebenden Damoklesschwerts von
Entlassungen und Betriebsschließungen existiert deshalb eine
Verzichtsbereitschaft unter den Beschäftigten – bei den meisten nicht
aus Überzeugung, dass dadurch Arbeitsplätze langfristig zu retten wären,
sondern weil kein erfolgversprechender Weg zum Kampf für den Erhalt
aller Arbeitsplätze gesehen wird.
Die Streiks der Kita-Beschäftigten und GebäudereinigerInnen haben aber
gezeigt, dass keine generelle Verzichtsbereitschaft existiert und es
einen Kampfwillen gibt, wenn Angebote zum Kampf gemacht werden. Sie
haben auch gezeigt, dass für viele Beschäftigte hinsichtlich Einkommen
und Arbeitsbedingungen das Ende der Fahnenstange erreicht ist und sie zu
der Haltung gekommen sind, dass sie unter den gegebenen Bedingungen
einfach nicht länger weiter arbeiten können. Diese Stimmung ist auch
Folge davon, dass zum ersten Mal in der Geschichte die Arbeiterklasse
nach Jahren des Reallohnverlusts in eine Wirtschaftskrise eintritt.
Der ‘Mettinger Rebell’ und Betriebsrat Tom Adler hat kürzlich unsere
Einschätzung bestätigt, als er die Stimmung in der Arbeiterklasse mit
brodelnder Magma unter der Oberfläche eines Vulkans verglich und sagte,
diese könne zum Ausbruch kommen, wenn ein betrieblicher Kampf ein
Beispiel für andere Belegschaften gebe. Das heißt, dass eine
Betriebsbesetzung Auslöser für eine Serie von Betriebsbesetzungen sein
kann. Ein entschlossen geführter Kampf in einem Betrieb kann einen
regionalen oder sogar bundesweiten Flächenbrand auslösen.
In den Gewerkschaften wird die Krise den Prozess der Polarisierung
zwischen der rechten, den Kapitalismus bewusst verteidigenden Bürokratie
und linken AktivistInnen bzw. der Basis im Allgemeinen tendenziell
verstärken.
Die Führung der DGB-Gewerkschaften reagiert als Komplize der Bourgeoisie
auf die Krise und schwört die Arbeiterklasse auf Verzicht,
Bescheidenheit und Akzeptanz von Stellenabbau ein. Die IG Metall-Spitze
ist der geistige Vater der Abwrackprämie und stimmt die Belegschaften
auf den Verzicht auf deutliche Lohnerhöhungen in der anstehenden
Tarifrunde ein. Auch die verdi-Führung hat frühzeitig begonnen, die
Erwartungen für die laufende Tarifrunde bei Bund und Kommunen herunter
zu schrauben.
Gegenüber der neuen Merkel-Westerwelle-Regierung hat Michael Sommer die
Bereitschaft zur Kooperation betont, wie die DGB-Spitze auch schon
gegenüber der Großen Koalition als Partner agiert hat. Ein Zitat von
Spiegel.de drückt die Angepasstheit der DGB-Führung aus: „DGB-Chef
Sommer sagte beim Gipfel der "Leipziger Volkszeitung", man könne "stolz
auf diese Regierung bei solchen Gipfel-Anlässen sein". "Wenn man auf
internationaler Bühne als deutscher Gewerkschafter auf Merkel und
Steinbrück verweisen kann, sieht man immer sehr gut aus." Kanzlerin und
Finanzminister machten "einen prima Eindruck, stellen konkret die
richtigen Fragen, dringen auf praktische Fortschritte und entwickeln
Visionen von der Finanzmarkttransaktionsteuer bis zur Charta für
nachhaltiges Wirtschaftswachstum", sagte Sommer.“
Diese Politik des Co-Managements und der Verteidigung des Kapitalismus
kommt in der Krise einer offenen Bankrotterklärung gleich.
Trotzdem bedeutet die Tatsache, dass die SPD nicht mehr Teil der
Bundesregierung ist und dass sie sich im Versuch in der Opposition den
Niedergangs der Partei zu beenden ‘linker’ profilieren wird, dass die
Gewerkschaftsführung grundsätzlich eher zu Protesten und Mobilisierungen
bereit sein wird, als in den letzten elf Jahren. Im Verlauf der Krise
wird sie zwar grundsätzlich die Rolle bürgerlicher Minister einnehmen
und ihre Hauptaufgabe in der Stabilisierung des Kapitalismus sehen, aber
sie ist gleichzeitig anfällig für den Druck der Basis und agiert im
Rahmen des Kapitalismus auch aus einem Selbsterhaltungstrieb als
Bürokratie, was vor allem zum Tragen kommen kann, wenn die
Bundesregierung an grundlegende Arbeitnehmerrechte, wie das Streikrecht
oder die gewerkschaftliche Mitbestimmung heran will. Dann ist es unter
dem kombinierten Druck der Kapitalisten und der eigenen Basis möglich,
dass auch rechte Gewerkschaftsführer linke und kämpferische Sprüche
klopfen. Vor allem aber wird die Gewerkschaftsführung bereit sein, sich
an die Spitze von Kämpfen und Bewegungen zu setzen, um die Kontrolle
über die Arbeiterklasse nicht zu verlieren und um solche Kämpfe in
systemimmanente Bahnen zu lenken. Dies beinhaltet aber eben auch die
Möglichkeit vorübergehender Linksverschiebungen und auch der
Durchführung von Massenprotesten bis hin zu Generalstreiks durch die
heutige Gewerkschaftsbürokratie.
Der gewerkschaftliche Apparat ist gleichzeitig kein monolithischer
Block. Es gibt auch in der Bürokratie zur Zeit zwei Tendenzen, die ihre
gesellschaftliche Aufgabe - die Arbeiterklasse zu kontrollieren - mit
unterschiedlichen Methoden und unterschiedlicher Politik erreichen
wollen. Die so genannten Modernisierer betreiben den mehr oder weniger
offenen Ausverkauf von Arbeiterinteressen, die so genannten
Traditionalisten versuchen diesen mit kämpferischen Worten zu begleiten
und ihn auch zu begrenzen. Beide Flügel betreiben bürgerliche Politik
und bewegen sich auf der Grundlage der Akzeptanz der kapitalistischen
Markt- und Profitlogik.
Zusätzlich gibt es eine Schicht linker, zum Teil antikapitalistischer
Gewerkschaftshauptamtlicher, die auf der Suche nach einem Weg,
effektiven Widerstand zu organisieren sind. Wo diese Einfluss haben,
entwickeln sich Kämpfe besser, wie zum Beispiel im verdi-Bezirk
Stuttgart unter Bernd Riexinger und anderen oder beim
Gebäudereinigerstreik in Berlin, wo junge, linke IG BAU-Sekretäre den
Ton angegeben haben. Im Verlauf der Krise und verschärfter Klassenkämpfe
werden diese linken Funktionäre aber schneller getestet und auch in
Konflikt mit kämpfenden Belegschaften geraten, wenn sie nicht bereit
sind, eine konsequente antikapitalistische und kompromisslose
Kampfstrategie anzuwenden. Ein Beispiel hierfür ist der Bruch der
Bosch-Siemens-Hausgerätewerk-Belegschaft in ihrem Streik 2006 mit dem
dort tätigen linken IGM-Sekretär, der den Kampf in den ersten Wochen
eher befördert hatte, als dieser dem Streikabbruch zustimmte. Die
aktuelle Diskussion in Teilen der Gewerkschaftslinken über einen
Verzicht auf die Forderung nach vollem Lohnausgleich beim Kampf um
Arbeitszeitverkürzung ist auch ein Hinweis auf diese Gefahr. Die Haltung
dieser Funktionäre krankt oft an ihrem Mangel an Vertrauen in die
Arbeiterklasse und der daraus resultierenden im Kern reformistischen
Position.
Wir werden in den nächsten Jahren sowohl innergewerkschaftliche
Polarisierung und die Herausbildung von oppositionellen Strukturen in
den Gewerkschaften und im Kampf um die Mehrheit in der Gewerkschaft
sehen, als auch die Entstehung unabhängiger betrieblicher und
gewerkschaftlicher Gruppen und Kampforgane, oppositioneller
Betriebsratslisten und gewerkschaftliche Spaltungsprozesse beobachten
können. Unsere flexible Haltung, die wir in den letzten Jahren - nicht
zuletzt während des Lokführerstreiks - eingenommen haben, bleibt
richtig: grundlegende Orientierung auf die DGB-Gewerkschaften und
Eintreten für eine programmatische und personelle Erneuerung auf
sozialistischer Grundlage, für die Einheit im Kampf und flexible
Unterstützung unabhängiger Strukturen, wenn diese der Entwicklung von
Kämpfen dienen.
Für die Entwicklung des Klassenkampfes ist es aber entscheidend,
inwiefern sich eine neue Schicht von Aktivistinnen und Aktivisten in den
Betrieben heraus bildet und sich dort kämpferische Gruppen und
innergewerkschaftliche Opposition entwickelt. Dieser Prozess steckt noch
in den Kinderschuhen, hat aber begonnen. Es gibt auf niedrigem Niveau
eine gewisse Belebung von betrieblichen und oppositionellen Strukturen
vor allem in der Autoindustrie. Dies kann und wird sich mit der
Entwicklung betrieblicher Kämpfe beschleunigen.
In der Krise mehr als in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums und hoher
Profite ist eine sozialistische Perspektive eine wichtige Voraussetzung
für das konsequente Führen auch von betrieblichen Abwehrkämpfen. Ohne
zentrale sozialistische Übergangsforderungen wie insbesondere den
Forderungen nach drastischer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und
Personalausgleich und nach der Verstaatlichung von Konzernen unter
demokratischer Arbeiterkontrolle und -verwaltung ist es kaum möglich den
Kampf gegen Schließungen von und Massenentlassungen in Automobilwerken
konsequent und erfolgreich zu führen. Letztlich werden die Kapitalisten
in diesen Fällen nur zu Zugeständnissen bereit sein, wenn sie fürchten
einen zu großen politischen Preis für die Zuspitzung von Klassenkämpfen
zahlen zu müssen. Wobei ohne die Durchsetzung dieser Forderungen auch
keine dauerhafte Zukunft für alle Arbeitsplätze in der Autoindustrie,
wie auch in anderen Branchen, zu erreichen ist.
Es ist unmöglich eine exakte Vorhersage für den Verlauf der
Klassenkämpfe in den nächsten Monaten und ein, zwei Jahren zu machen.
Trotzdem müssen wir uns Rechenschaft darüber ablegen, in welchem
Bereich, zu welchen Themen und in welchem Zeitraum Kämpfe möglich sind,
um uns darauf vorzubereiten bzw. solche mit anzustoßen, zu beeinflussen
oder sogar zu führen. In den nächsten Monaten werden sehr wahrscheinlich
betriebliche Auseinandersetzungen gegen Entlassungen und
Werksschließungen im Mittelpunkt des Klassenkampfes stehen. Dabei werden
Automobilindustrie (hier auch insbesondere die Zulieferindustrie),
Grundstoffindustrie und Maschinenbau wahrscheinlich besonders betroffen
sein.
Gleichzeitig wird es im öffentlichen Dienst, insbesondere in den
Kommunen, erhebliches Konfliktpotenzial geben. Der systemische Angriff
der Bundesregierung auf die Kranken- und Pflegeversicherung birgt das
Potenzial für eine verallgemeinerte Gegenbewegung in sich, wenn
Gewerkschaften und LINKE entsprechend reagieren würden. Je mehr die
Folgen dieses Angriffs in der Arbeiterklasse klar werden, desto mehr
kann sich dazu aber auch eine Bewegung von unten entwickeln, wie wir das
im Jahr 2003 gegen die Agenda 2010 gesehen haben. Dabei kann es auch zur
Entwicklung von sozialen Bewegungen kommen. Zum Beispiel gegen kommunale
Kürzungen oder zu neuen Bewegungen von Erwerbslosen, die auch zu einer
Wiederbelebung der Montagsdemonstrationen führen können.
Dies zu propagieren und mit voran zu treiben ist auch eine unserer
Aufgaben in der nächsten Zeit. Wann es aber zu verallgemeinerten
Bewegungen kommt, ist nicht vorhersehbar. Sicher ist aber, dass wir in
eine Periode eingetreten sind, die früher oder später zu allgemeinen
Bewegungen der Arbeiterklasse führen wird, die auch die Frage des,
zunächst wahrscheinlich eintägigen, Generalstreiks konkret auf die
Tagesordnung setzen wird.
Regierung, bürgerliche Parteien und Faschisten
Anders als bei den Bundestagswahlen 2005 ist es der Bourgeoisie 2009
gelungen, mit der Koalition aus CDU, CSU und FDP ihre Wunschregierung
ins Amt zu bringen. Diese Konstellation bietet aus Sicht der
Herrschenden die beste Voraussetzung in der Krise ihre Interessen gegen
die Arbeiterklasse zur Geltung zu bringen. Zur ‘Rettung’ der SPD als
einer zweiten Regierungsoption mit einer stärkeren Verbindung zu den
Gewerkschaften war auch aus Sicht der Herrschenden eine ‘Erholungsphase’
in der Opposition nötig.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Koalition eine stabile Regierung
sein wird, die einheitlich und souverän ihre Geschäfte führen wird.
Schon in den Verhandlungen über den Koalitionsvertrag wurden
Unterschiede deutlich, die letztlich die verschiedenen in der
herrschenden Klasse existierenden Vorstellungen über eine Strategie
gegen die Arbeiterklasse ausdrücken. Der Rücktritt von Arbeitsminister
Jung aufgrund des von der Bundeswehr während seiner Amtszeit als
Verteidigungsminister zu verantwortenden Massakers an afghanischen
ZivilistInnen und der Täuschung der Öffentlichkeit über den wahren
Verlauf der Ereignisse ist nicht nur allgemeiner Ausdruck der
Instabilität der Regierung, sondern zeigt auch die Bedeutung der Themen
Afghanistankrieg und Demokratie.
Der Druck von Streiks und Massenbewegungen kann diese Spaltung vertiefen
und könnte auch ein Fragezeichen über die Lebenszeit dieser Regierung
aufwerfen.
Gleichzeitig hat die parlamentarische Etablierung der Partei DIE LINKE
und der drastische Rückgang der Wahlunterstützung für CDU/CSU und SPD zu
einem Fünf-Parteien-System geführt, das die traditionell bekannten
Zweier-Koalitionen immer unwahrscheinlicher werden lässt. 1972 betrug
der Stimmanteil von CDU/CSU und SPD im Verhältnis zu allen
Wahlberechtigten noch 82 Prozent, 2005 waren es nur noch 53,2 Prozent
und 2009 bloß 38,1 Prozent. Die Regierung und die beiden großen so
genannten Volksparteien repräsentieren nicht einmal mehr bei einer
Bundestagswahl die Mehrheit der Bevölkerung.
Daraus ergibt sich für die Bourgeoisie die Notwendigkeit neue
Koalitionsoptionen zu entwickeln. Deshalb hat es in den letzten Jahren
die erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene in Hamburg und die
erste Jamaika-Koalition im Saarland gegeben. Perspektivisch brauchen die
Herrschenden die Möglichkeit schwarz-grün-gelber Zusammenarbeit auch auf
Bundesebene, was von der Führung der Grünen, wenn auch vorsichtig, mit
betrieben wird. Die Grünen sind auch in der Opposition Öko-FDP
geblieben, allen Versuchen sich in manchen Fragen ‘links’ zu profilieren
zum Trotz.
Der Niedergang der SPD kann den Herrschenden nicht gefallen. Die Partei
bleibt aus ihrer Sicht ein wichtiger Kontrollfaktor für Gewerkschaften
und Teile der Arbeiterklasse, wenn sie auch ihre historische Basis und
vor allem die Loyalität in der Arbeiterklasse verloren hat.
Die SPD ist keine Arbeiterpartei mit bürgerlicher Führung mehr und wird
es auch nicht mehr werden. Aber Totgesagte leben länger und die Partei
wird auf Wahlebene wieder zulegen können, wenn die Unzufriedenheit mit
der Merkel-Westerwelle-Regierung wächst und DIE LINKE sich weiterhin als
unfähig erweisen wird, eine klare sozialistische Oppositionspolitik zu
formulieren und eine Massenpartei aufzubauen. Wie wir zum Beispiel in
Griechenland gesehen haben, kann sich gerade in Zeiten der Krise bei
Wahlen die Logik des ‘kleineren Übels’ in großen Teilen der
Arbeiterklasse durchsetzen und die ehemaligen Arbeiterparteien
Wahlerfolge erzielen, weil sie als die einzige realistische Option für
einen Regierungswechsel betrachtet werden.
Die Krise wird die politische Landschaft weitaus mehr durcheinander
wirbeln, als heute absehbar erscheint. Was heute mehr oder weniger
stabil erscheint, wird sich als hohl erweisen. Höhenflüge, wie der der
FDP, können von tiefen Abstürzen gefolgt werden. Das entscheidende
Merkmal der Entwicklung auf der politischen Ebene wird eine
fortschreitende Polarisierung in drei Richtungen sein: erstens werden
Wahlenthaltungen tendenziell weiter zunehmen, solange keine Alternativen
in Erscheinung treten, für die es sich aus Sicht der Massen zu stimmen
lohnt; zweitens hat DIE LINKE jede Möglichkeit massiv zuzulegen, wenn
sie eine radikale und kämpferische Alternative formulieren würde - das
wiederum könnte Schichten der heutigen NichtwählerInnen mobilisieren;
drittens besteht das Potenzial, dass früher oder später - insbesondere
wenn sich keine sozialistische Massenpartei entwickelt - eine
rechtspopulistische Partei entsteht, die auch bei Wahlen Massenanhang
gewinnen kann. Diese muss sich nicht aus den bestehenden rechtsradikalen
Parteien entwickeln, sondern kann ihren Ursprung auch in einer der
bürgerlichen Parteien finden.
Die rassistischen Äußerungen von Rüttgers und Sarazzin sind ein Hinweis
darauf, dass die Bürgerlichen in Zukunft auch wieder verstärkt auf die
rassistische Karte zur Spaltung der Arbeiterklasse setzen werden. Auch
eine Zunahme von Antisemitismus ist in diesem Zusammenhang von
Bedeutung. Dies kann einher gehen mit wirtschaftlichem Protektionismus
und neuen Versuchen, den Zuzug von MigrantInnen weiter zu begrenzen.
Solche Maßnahmen können unter dem Eindruck von Massenarbeitslosigkeit
und Krise in der Arbeiterklasse (und hier nicht nur der deutschen,
sondern auch unter in Deutschland dauerhaft lebenden MigrantInnen) eine
gewisse Unterstützung finden. Während wir das Bleiberecht, das Recht auf
Asyl und generelle Reisefreiheit verteidigen, lehnen wir unter dem
Deckmantel der Freizügigkeit stattfindende Lohndrückerei ab und kämpfen
für gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen für alle in einem Betrieb
arbeitenden KollegInnen.
Die Krise erhöht auch die Gefahr eines weiteren Anwachsens
faschistischer Kräfte und rechter Gewalt. Nicht zuletzt aufgrund der
Existenz von WASG und LINKE konnten größere faschistische Wahlerfolge in
den letzten Jahren verhindert werden. Das hat auch zu einer Krise der
NPD und zu tiefen Rissen in der Partei geführt, die zu einer Spaltung
führen können. Die NPD hat allerdings in der Vergangenheit bereits
zahlreiche Krisen (auch Finanzkrisen) überstanden, da sie sich in
einigen Gebieten auf Teile der Bevölkerung stützen kann, treue Geldgeber
hat und in der Neonazi-Szene sich hat verankern können. Zuletzt hilft
der NPD auch, dass andere Kräfte wie DVU oder Republikaner erst Mal in
der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind.
Das Scheitern der parlamentarischen Strategie führt aber auch dazu, dass
Teile der NPD ihr Saubermann-Image fallen lassen und verstärkt auf
faschistische Gewalt setzen. Gleichzeitig geben sich Teile der
„autonomen Nationalisten“ unabhängiger von der NPD.
Wenn keine starke sozialistische Arbeiterbewegung aufgebaut wird und es
nicht zu gemeinsamen Kämpfen deutscher und nichtdeutscher ArbeiterInnen
kommt, wird die Krise des Kapitalismus früher oder später jedoch eine
gesellschaftliche Polarisierung hervor bringen, die zu einem Erstarken
der Faschisten führt. Wir leisten einen Beitrag dazu, dies zu verhindern.
DIE LINKE
Die grundlegende Einschätzung der letzten SAV-Bundeskonferenz zur Partei
DIE LINKE hat sich bestätigt und bedarf zur Zeit keiner Korrektur.
DIE LINKE ist eine reformistische Partei mit Masseneinfluss und einem
sehr unterschiedlichen Charakter in Ost- und Westdeutschland. Im Osten
ist sie zwar hinsichtlich Zusammensetzung, Charakter und Politik
weitgehend eine Fortsetzung der alten PDS und vom rechten, auf
Regierungsbeteiligung und Mitverwaltung des Kapitalismus fixierten,
Flügels dominiert, aber auch hier hat die Partei durch ihre bundesweite
Oppositionsrolle - mehr als wir erwartet hatten - in den Augen von
breiteren Teilen der Arbeiterklasse an Attraktivität, zumindest bei
Wahlen, gewonnen. Während sie in Thüringen und Brandenburg den
Anpassungsprozess in Richtung SPD fortgesetzt hat, trat sie in manchen
Städten, wie Rostock oder Leipzig, aber auch oppositioneller und
"linker" auf.
In Westdeutschland ist DIE LINKE eine linke, reformistische Partei mit
wichtigen Verbindungen in Gewerkschaften und soziale Bewegungen.
Sie ist der zur Zeit einzige ernstzunehmende Ansatz für eine politische
Interessenvertretung der Arbeiterklasse.
Wie sich DIE LINKE in den nächsten Jahren entwickeln wird, wird vor
allen Dingen davon abhängen, in welcher Form sich größere Klassenkämpfe
in ihr niederschlagen. Auch wenn es aus verschiedenen Gründen
unwahrscheinlicher geworden ist, dass es zu einem größeren
Mitgliederzustrom und einer Linksverschiebung der Gesamtpartei kommen
wird, können wir das auch weiterhin nicht ausschließen. In jedem Fall
bleibt unsere Einschätzung bestehen, dass DIE LINKE auf absehbare Zeit
das einzige parteipolitische Projekt auf der politischen Linken mit
einem Bezug zur Arbeiterklasse ist und sich zukünftige Neuformierungen
der Arbeiterklasse auf politischer Ebene (auch) über
Differenzierungsprozesse in der Partei DIE LINKE entwickeln werden.
Unsere Perspektive des Entstehens einer breiten sozialistischen
Arbeiterpartei mit Massencharakter wird sich durch Klassenkämpfe und
Auseinandersetzungen in der Partei DIE LINKE materialisieren. Deshalb
ist es richtig und wichtig, dass Marxistinnen und Marxisten an diesen
Debatten und Differenzierungsprozessen als Teil der Partei teilnehmen.
Seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise hat die Partei sich jedoch
weiter nach rechts entwickelt und hebt sich weniger vom bürgerlichen
Polit-Mainstream ab, als in den Jahren vor der Krise, wo die WASG bzw.
dann DIE LINKE in vielerlei Hinsicht die politische Agenda in der
Republik bestimmte, Themen wie Mindestlohn, Ablehnung von Hartz IV,
Vermögensteuer etc. besetzte und das sich entwickelnde anti-neoliberale
und anti-kapitalistische Bewusstsein stärkte. Letztlich hat als Reaktion
auf die Krise die Regierung Aspekte der keynesianischen
Wirtschaftspolitik der LINKEn übernommen, was dazu führte, dass die
Partei ihr Alleinstellungsmerkmal etwas einbüßte und ihrerseits keine
radikale sozialistische Antwort auf die kapitalistische Weltkrise
formulierte. In entscheidenden Fragen, wie dem Bankenrettungspaket, den
Konjunkturprogrammen und der Kurzarbeit hat die Partei auf eine
grundlegende Opposition verzichtet. Selbst im hessischen Landtag hat die
verhältnismäßig linke Fraktion der LINKEn dem Schutzschirm für Opel
zugestimmt.
Vor allem aber spielt die Partei eine viel zu geringe Rolle in sozialen
Bewegungen und beim Klassenkampf, wird sie durch Parlamentsfraktionen,
auch auf kommunaler Ebene, dominiert und tritt sie zu wenig als
organisierendes Zentrum gesellschaftlichen Widerstands in Erscheinung.
Ebenso gilt, dass sie in den Gewerkschaften keine klare kämpferische und
sozialistische Politik verfolgt und so von dem existierenden Unmut an
der Basis gegenüber der Gewerkschaftsbürokratie nicht ausreichend
profitiert.
Mit einem verhältnismäßig links profilierten und soziale Themen
besetzenden Bundestagswahlkampf konnte die Partei zwar ihr Ergebnis
steigern, und auch im Vergleich zu den enttäuschenden Europawahlen
zulegen, aber sie hat das bestehende Potenzial nicht ausgeschöpft.
In der Partei gibt es einen gewissen Polarisierungsprozess, in dem der
rechte Flügel seine Positionen in den letzten Monaten - mit Ausnahme des
wichtigen Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen - gestärkt hat.
Die Regierungsbeteiligung in Brandenburg und die Zustimmung zu den
geplanten Regierungsbeteiligungen in Thüringen und im Saarland sind ohne
größeren Protest oder Widerstand in diesen Landesverbänden durchgegangen
und auch der Protest aus anderen Landesverbänden war nicht gerade
deutlich vernehmbar. Die Bundestagsfraktion ist in ihrer Zusammensetzung
moderater als vorher. Der Rücktritt von Oskar Lafontaine als
Fraktionsvorsitzender und seine Entscheidung nicht mehr zum
Parteivorsitz zu kandidieren stärken den offen für
Regierungsbeteiligungen um jeden Preis eintretenden Flügel. Dabei ist
das Herz der rechten Flügels weniger in der Bundestagsfraktion oder dem
Parteivorstand zu finden, sondern in den Landesverbänden und
Landtagsfraktionen in Ostdeutschland und in vielen Fraktionen der
Kommunalparlamente, wo die LINKE-PolitikerInnen sozusagen näher an den
Fleischtrögen der Macht sitzen.
Der Inhalt des Koalitionsvertrags in Brandenburg, mit seiner Zustimmung
zum Lissabon-Vertrag und dem massiven Abbau von Arbeitsplätzen im
öffentlichen Dienst, wirkt auch wie eine innerparteiliche
Kriegserklärung des rechten Parteiflügels. Diese völlige Kapitulation
gegenüber der SPD geht selbst moderaten Teilen in der Partei zu weit und
hat in Nordrhein-Westfalen dazu geführt, dass in der scharfen
Polarisierung um das Landeswahlprogramm der linke Flügel um die
Antikapitalistische Linke (AKL) erstens standhaft blieb und zweitens,
auch aufgrund unserer Intervention, in einigen Fragen sogar noch linkere
Positionen beschlossen wurden, als sie im Entwurf festgeschrieben waren.
Das ist ein wichtiger Erfolg für den linken Flügel und zeigt, dass die
Partei noch nicht leblos oder unter der völligen Kontrolle einer rechten
Parteibürokratie ist.
Insgesamt jedoch hat der rechte Flügel seine Position ausgebaut und auch
in Nordrhein-Westfalen besteht die Gefahr und Wahrscheinlichkeit, dass
die konkrete Politik der Partei vor allem von den kommunalen
Abgeordneten bestimmt wird und so der Anpassungsprozess an SPD und Grüne
Gestalt annehmen wird.
Die Wahlen in Nordrhein-Westfalen sind der nächste große Test für DIE
LINKE. Sollte das Wahlergebnis eine rot-rot-grüne Mehrheit rechnerisch
möglich machen, wird auf den Landesverband der Partei ein enormer Druck
ausgeübt werden, eine Koalition zu bilden oder rot-grün zu tolerieren.
Dieser Druck wird nicht nur aus der Parteiführung und von SPD und Grünen
kommen, sondern auch aus der Gewerkschaftsbürokratie, ja sogar von
Erwerbslosenverbänden, StudierendenvertreterInnen und auch einfachen
ArbeiterInnen, die - wenn auch aus verschiedenen Überlegungen heraus -
eine Logik des ‘kleineren Übels’ annehmen werden und darauf hoffen
werden, dass eine SPD-geführte Regierung unter Beteiligung der LINKE
durch diese ausreichend kontrolliert und in die sozialen Schranken
gewiesen werden könnte.
In dieser Situation ist es für uns als relativ kleine revolutionäre
Organisation die erste Aufgabe Klarheit über unsere Prinzipien in der
Regierungsfrage zu schaffen und davon ausgehend einen Vorschlag zu
entwickeln welche Position DIE LINKE einnehmen und wie sie ihn
präsentieren sollte.
Unser Grundsatz ist, dass eine sozialistische bzw. eine Arbeiterpartei
an keiner Regierung mit bürgerlichen, pro-kapitalistischen Parteien zur
Verwaltung des kapitalistischen Systems teilnehmen darf. Die Übernahme
einer bürgerlichen Regierung kommt für Marxistinnen und Marxisten nur in
Frage, wenn dies durch eine oder mehrere Arbeiterparteien geschieht und
der Regierung dadurch und durch eine klare sozialistische Politik, ihr
bürgerlicher Inhalt genommen wird, sprich: Regierungsübernahme nur dann,
wenn diese zum Kampfmittel für die Abschaffung des Kapitalismus und
damit dieser Regierung selbst wird.
Ausgehend von dieser prinzipiellen Überlegung lehnen wir jede
Regierungsbeteiligung der Partei DIE LINKE mit SPD und Grünen ab und
haben unsere Position in unserer Zeitung und anderem Material deutlich
formuliert. Wir unterstützen auch nicht die Politik der
Mindestbedingungen, wie sie von einigen Teilen des linken Flügels in der
Partei aufgeworfen wird. Auch wenn dies von vielen ein gut gemeinter
Versuch ist, die Ablehnung der Regierungsbeteiligung an inhaltlichen
Fragen fest zu machen und den ‘schwarzen Peter’ SPD und Grünen
zuzuschieben, so vermittelt diese Haltung doch den Eindruck, dass eine
Regierungsbeteiligung auf Basis einer Mitverwaltung der kapitalistischen
Verhältnisse eine politische Option ist und tatsächlich hat sich ja auch
in Hessen herausgestellt, dass selbst die UnterstützerInnen von Marx21
bereit waren, einer faktischen Tolerierung einer SPD/Grünen-Regierung
zuzustimmen. Das ist ein gutes Beispiel für die These, dass nicht
korrigierte Fehler zu einer politischen Tendenz werden können.
Auf der Basis unserer grundsätzlichen Ablehnung von Beteiligungen an
bürgerlichen Regierungen machen wir in der Präsentation unserer Haltung
aber deutlich, dass wir nicht für „Opposition aus Prinzip“ sind. Wir
befürworten offensiv die Bildung einer Regierung von Arbeiterparteien,
die tatsächlich Politik im Interesse der Arbeiterklasse macht, sich auf
die Mobilisierung der Arbeiterklasse stützt und bereit ist den Konflikt
mit dem Kapital einzugehen und erklären, dass dies auf SPD und Grüne
nicht zutreffen kann. In diesem Zusammenhang können wir propagandistisch
sehr wohl ‘negative Mindestbedingungen’ aufstellen, die sagen, dass wir
an keiner Regierung teilnehmen werden, die in irgendeiner Form zu
Sozialabbau, Stellenstreichungen, Bildungsabbau, Privatisierungen
Abschiebungen etc. bereit sein wird.
Dabei erklären wir, dass wir im Zweifelsfall dazu bereit sind die Wahl
eines CDU-Ministerpräsidenten durch die Stimmabgabe für einen
sozialdemokratischen oder grünen Kandidaten zu verhindern, aber im
Parlament nur zu Einzelfallentscheidungen und nicht zu dauerhaften
Absprachen oder gar Verträgen mit SPD und Grünen bereit sind.
Die Oppositionsrolle im Bund gibt der LINKEn natürlich die Gelegenheit
sich nicht die Finger schmutzig zu machen und auf Protestbewegungen mit
radikalen Worten zu reagieren. Gleichzeitig wird es aber den Versuch
geben auch in der Opposition näher an die SPD heran zu rücken,
gemeinsame parlamentarische Initiativen zu starten und die
Zusammenarbeit auf kommunaler und Landesebene zu verstärken. Das mag für
die allgemeine bundesweite Ausstrahlung der Partei, vor allem wenn es zu
verallgemeinerten Klassenkämpfen und Protestbewegungen kommt, nicht das
entscheidende Kriterium sein. Aber für die Frage, ob ArbeiterInnen vor
Ort in die Partei eintreten und in ihr einen Platz finden, wo sie aktiv
werden können und wollen, ist das nicht unwichtig. Zur Zeit wird die
Partei immer unattraktiver, je näher man an sie heran kommt. Trotz eines
gewissen, wenn auch recht schwachen, Mitgliederzuwachses gibt es keine
nennenswerte Steigerung der aktiven Parteimitglieder. Im Gegenteil
scheinen sich immer mehr Mitglieder aus der regelmäßigen Aktivität zu
verabschieden.
Fazit
“Alles ist anders” und “Egal was kommt, es kommt hammerhart” waren zwei
geflügelte Worte, die im letzten Jahr durch die SAV gingen. Sie haben
ihre Gültigkeit behalten und treffen die Realität in diesem und den
nächsten Jahren besser, als im vergangenen Jahr.
Es wird den Kapitalisten nicht gelingen, die Krise kurz- und
mittelfristig zu überwinden und sie werden die Arbeiterklasse massiv zur
Kasse bitten. Das wird zu Unmut, Wut, Widerstand, Klassenkämpfen und
Politisierung führen, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben.
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