Wie weiter in Venezuela?
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 18.01.2010
Bürokratisierung und Gefahr einer Konterrevolution
Der Machtantritt von Hugo Chávez 1998 stellte eine wichtige Änderung in
der Weltlage dar. Dies war die erste Regierung, die an die Macht kam und
sich nicht den rücksichtslosen Ideen des Neoliberalismus verschrieb, die
in den 1980ern und 1990ern jede Regierung und herrschende Elite
dominierten. Der Machtantritt von Chávez stellte daher eine bedeutsame
positive Entwicklung dar. Das Chávez-Regierung führte eine Reihe von
populären Reformen durch, besonders bei Gesundheit und Bildung, die das
CWI (Komitee für eine Arbeiterinternationale – internationale
sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist, A.d.Ü.) und
ArbeiterInnen in Venezuela und international begeistert unterstützten.
von Alejandro Rojas, CWI (18. November 2009)
Die radikale populistische Politik, die Chávez umsetzte, erweckte
schnell den Zorn des US-Imperialismus und der venezolanischen
herrschenden Klasse. Diese versuchten, ihn zu stürzen. Der Kampf in
Venezuela hat verschiedene Phasen und Wendungen durchlaufen. Jetzt ist
er in eine neue und kritische Phase eingetreten. Anfänglich sprach
Chávez nur von einer „Bolivarianischen Revolution“. Eine Reihe wichtiger
Reformprogramme wurde eingeleitet. Die „Misiones” in Gesundheitswesen
(Barrio Adentro) und Bildung (Mision Robinson) waren besonders populär.
Eine Million Menschen wurden vom Analphabetismus befreit und Millionen
erhielten zum ersten Mal Zugang zu einem Arzt. Drei Millionen bekamen
Zugang zu primärer und weiterführender Schulbildung. Über zwei Millionen
Hektar Land wurden an Bauerngenossenschaften verteilt, seit Chávez 1998
an die Macht kam. Diese Reformen und andere Aspekte seines Programms
brachten sein Regime schnell in offenen Konflikt mit den Oligarchen, die
vorher an der Macht gewesen waren, und riefen den Zorn des
US-Imperialismus hervor.
Auf den Putschversuch 2002 und dann die „Aussperrung“ durch die Bosse
2002/3 folgten eine Reihe von Sabotageakten, die Versorgungsengpässe
hervorriefen, und Herausforderungen auf bei Wahlen. Alle diese Versuche
der Konterrevolution wurden besiegt. Sie wurden durch eine massive,
unabhängige, spontane Massenbewegung von unten gestoppt. Die Niederlagen
dieser Versuche einer Konterrevolution stellten wichtige Siege dar.
2005 ging Chávez, angetrieben durch diese Ereignisse und den Druck der
Masse der Armen und ArbeiterInnen, weiter und erklärte zum ersten Mal,
die Ziele der bolivarianischen Revolution seien jetzt der Aufbau des
„Sozialismus im 21. Jahrhundert”. Dies stellte zum ersten Mal seit dem
Fall der Berliner Mauer erneut die Frage des Sozialismus auf die
politische Tagesordnung und war eine positive Entwicklung.
Aber es ist eines, vom Sozialismus zu reden, und etwas anderes, zu
verstehen, welches Programm und welche Methoden notwendig sind, ihn zu
erreichen. MarxistInnen haben auch die Verantwortung, auf Schwächen
hinzuweisen und sie zu diskutieren, die in jeder Bewegung vorhanden sind
und als eine Barriere beim Sieg über den Kapitalismus wirken können. Es
ist notwendig, ArbeiterInnen und SozialistInnen zu helfen, den richtigen
Weg zu finden, um den Kampf vorwärts zu führen und die sozialistische
Revolution durchzuführen. Wirklicher Sozialismus kann durch die
Errichtung eines tatsächlichen Systems von Arbeiterdemokratie und durch
das Lernen aus den internationalen und historischen Erfahrungen der
Arbeiterbewegung aufgebaut werden. MarxistInnen versuchen,
SozialistInnen in Venezuela zu helfen, aus der internationalen Erfahrung
der ArbeiterInnen in anderen Kämpfen zu lernen als Mittel zur Förderung
des Kampfs für eine sozialistische Revolution. Wir begrüßen auch
Kommentare und Kritik von ArbeiterInnen in Venezuela zu den Kämpfen der
ArbeiterInnen in anderen Ländern.
Das CWI hat die positiven Schritte begrüßt, die in Venezuela ergriffen
wurden. Aber wir haben auch vor den Gefahren gewarnt, vor denen die
Bewegung durch Konterrevolution und Reaktion wegen der Schwächen beim
Programm, den Methoden und der Organisation der Arbeiterklasse steht.
Anders als manche auf der Linken haben wir es vermieden, in die Falle zu
tappen entweder opportunistisch zu sein – indem man als Cheerleader und
Berater von Chávez handelt – oder andererseits Chávez auf persönliche
und sektiererische Weise anzugreifen.
Die Gefahr der Konterrevolution bleibt, weil der Kapitalismus leider
nicht besiegt und durch einen demokratisch-sozialistischen
Produktionsplan auf der Grundlage der Errichtung eines Systems von
ArbeiterInnen- und Bauerndemokratie ersetzt wurde. Jetzt hat eine neue
und kritische Phase in Venezuela begonnen, die neue Gefahren für den
Kampf für den Sozialismus bringt.
Dass der Kapitalismus nicht besiegt wurde, führt jetzt zu einer Reihe
von Angriffen auf die Reformprogramme und die Arbeiterklasse. Die
neureiche Elite, die sich auf dem Rücken der Bewegung entwickelt hat und
ein sich immer mehr ausdehnender bürokratischer Apparat, der von
Korruption durchlöchert wird, kommen zunehmend in Konflikt mit der
Arbeiterklasse und dem Kampf, die Revolution vorwärts zu bringen. Die
Bürokratie und die sich herausbildende neue Elite verwenden
„sozialistische Rhetorik” und wenden zunehmend Unterdrückungsmaßnahmen
gegen die Arbeiterklasse und die, die mit dem Regime in Konflikt kommen
oder es kritisieren, an.
Das CWI hat bei vielen Gelegenheiten erklärt, dass eines der größten
Probleme der Lage in Venezuela das Fehlen einer bewussten, unabhängigen
Organisation der Arbeiterklasse ist, die sich selbst an die Spitze des
Kampfes für eine sozialistische Revolution stellt. Die Bolivarianische
Bewegung wurde von oben nach unten geleitet, ohne bewusste Kontrolle
durch die Arbeiterklasse. Als Ergebnis wurden bürokratische,
administrative und jetzt leider zunehmend repressive Methoden gegen die
Arbeiterklasse und diejenigen angewandt, die das Regime von links in
Frage stellen oder herausfordern.
Diese zwei Elemente – die Vorherrschaft des Kapitalismus und
bürokratische repressive Methoden – wurden während der jüngsten Periode
verstärkt. Der revolutionäre Prozess, der sich besonders nach dem
Putschversuch und der Aussperrung 2002/3 entwickelte, hat sich
gegenwärtig festgefahren. Wenn ein revolutionärer Prozess nicht
voranschreitet und vorwärts geht, kann er letztlich beginnen zu
zerfallen und sogar zu verfaulen.
Leider beginnt sich diese Gefahr in Venezuela zu entwickeln. Als Folge
davon wird die Unterstützung für Chávez ernsthaft untergraben und
unterhöhlt. Selbst die Idee des Sozialismus fängt an, bei einer Schicht
diskreditiert zu sein, weil es nicht gelingt, die Revolution
weiterzubringen. Eine qualitative Veränderung bahnt sich an, die das
Gespenst der Konterrevolution erscheinen lässt. Aber eine
Konterrevolution, die teilweise von innerhalb der Chavistischen Bewegung
selbst angetrieben wird.
Die „Boli-Bourgeoisie“
Dazu gehören Teile der alten Elite, die zu Chávez übergelaufen sind, die
sich jetzt bereichern und aus der ganzen Entwicklung massive Profite
einstreichen. Dazu muss man die „Neureichen“ hinzufügen, die sich
herausgebildet haben. Heute ist der Ausdruck „Boli-burguesia“
(Boli-Bourgeoisie) im modernen Venezuela gängig. Es gibt ein starkes
Element des Prozesses, der sich in Südafrika entwickelte, wo sich ein
Teil des ANC (Afrikanischer Nationalkongress, ehemals linke
Befreiungsbewegung die nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela
die erste frei gewählte Regierung stellte, A.d.Ü.) nach dem Fall des
Apartheidregimes bereicherte. Aus ihm entwickelte sich eine neue obere
Mittelschicht und sogar ein Teil der Kapitalistenklasse. Dieser Prozess
ist im Namen des „Sozialismus” in Venezuela heute weit fortgeschritten.
Es gibt sogar eine Organisation, die aus „Sozialistischen Unternehmen“
besteht – Unternehmen, die sich selbst sozialistisch nennen, aber wie
kapitalistische Unternehmen tätig sind – und auch eine landesweit
organisierte Gruppe, die sich die „Mittelklassesozialisten” nennt.
Zu dieser Schicht gehören Leute wie Ricardo Fernandez Barruesco, der in
der Nahrungsmittelindustrie begann, aber sich jetzt verändert hat und
dem jetzt die Banco Canarias, Bolivar Banco und viele andere gehören. Es
gibt auch Mitglieder der neuen herrschenden Elite wie Wilmer Ruperti.
Vor einem Jahrzehnt war er einfach ein „Geschäftsmann“ unter vielen.
Heute ist er ein Schifffahrtsmagnat und ein Milliardär. Tatsächlich ist
er der reichste Mann Venezuelas. Er machte sein Vermögen während der
„Aussperrung“ der Bosse und nutzte seine Tanker, um den „Streik“ zu
brechen und Öl für die Regierung zu verschiffen. Seitdem wurde er reich
belohnt, mit lukrativen Verträgen mit der staatlichen Ölfirma PDVSA.
Auch wenn diese Schicht versucht hat, sich mit Chávez zu versöhnen, gibt
es aber eindeutig eine weitere Sektion der alten Elite und anderer
rechter Kräfte, die entschlossen bleibt, ihn zu besiegen.
Das Wachstum der „Boli-burguesia“ ist ein Phänomen, das sich
wahrscheinlich in der kommenden Periode fortsetzen wird. Chávez ist mit
einer schrumpfenden Wirtschaft konfrontiert. Angesichts einer
Industrieproduktion, die im dritten Quartal dieses Jahr wahrscheinlich
um 10,25 Prozent gefallen ist, hat er seine Appelle an den Privatsektor
gesteigert, beim Anschub der strauchelnden Wirtschaft zu helfen. Er
identifizierte 54 Themen, die angegangen werden müssen, um die
Wirtschaft anzuschieben und appellierte an die Privatbanken – die zu den
reichsten in Lateinamerika gehören – bei der Stimulierung der Wirtschaft
durch Vergrößerung des Kredits an die kommerziellen Sektoren zu helfen.
(Ultimas Noticias 22. 9. 09).
Manche der von der Regierung durchgeführten „Verstaatlichungen“ haben
viel internationale Publizität erhalten, aber tatsächlich endeten die
meisten als Joint Ventures, die „empresas mixtas” (gemischte
Unternehmen) genannt werden. Der ganze Tenor der Wirtschaftspolitik der
Chávez-Regierung war, die Staatsintervention auszudehnen, aber eine
kapitalistische Mischwirtschaft zu erhalten – und das „Sozialismus” zu
nennen.
Auswirkung der Krise
Am Beginn der Weltwirtschaftskrise, leugnete Chávez, dass Venezuela
durch sie betroffen sein werde.
Aber dieses Argument ist jetzt unhaltbar, da die Auswirkungen der
fallenden Ölpreise begonnen haben, die Wirtschaft zu treffen.
Unglaublicherweise steigerte die nationale staatseigene Ölgesellschaft
ihre Verschuldung um atemberaubende 146 Prozent im Verlauf des Jahres
2008! Es wird geschätzt, dass PDVSA Vertragspartnern die enorme Summe
von zwölf Milliarden US-Dollar schuldet. Dies hat jetzt eine direkte
Auswirkung auf die Fähigkeit der Regierung, ihre anfänglich populären
Reformpakete aufrecht zu erhalten.
Die meisten Reformen und Sozialprogramme wurden von der PDVSA
finanziert. Die wachsende Verschuldung der PDVSA zwingt jetzt die
Regierung zu Kürzungen bei ihren Sozialreformprogrammen. Die Ausgaben
für Sozialprogramme wurden 2008 um 58 Prozent im Vergleich zu 2007
gekürzt. Weitere Kürzungen sind auch in den Staatsausgaben für 2009
geplant. Wenn die Inflation, die bei 30 Prozent liegt – die höchste in
Lateinamerika – berücksichtigt wird, schätzen Ökonomen, dass der
wirkliche Wert des für 2009 angekündigten Budgets 30 Prozent niedriger
als 2007 sein wird!
Bürokratisches Missmanagement und Ineffizienz
Zu diesen Kürzungen muss man auch die verheerenden Folgen der
bürokratischen Methoden, Korruption und Ineffizienz hinzufügen, die in
den letzten Jahren selbst die populärsten “Misiones”-Reformprogramme
untergraben haben. Dazu gehören die populärsten Programme, wie Barrio
Adentro (Gesundheit) und Mision Robinson (die Kampagne zur Beseitigung
des Analphabetismus) und den staatlichen Supermarkt – Mercal – und die
Preiskontrollen, die die Regierung für Waren des Grundbedarfs einführte.
Von Barrio Adentro betriebene Kliniken, die mit weit verbreitetem
Beifall in den „barrios“ geöffnet wurden, sind jetzt häufiger
geschlossen als offen und arbeiten nicht. Beschwerden von kubanischen
ÄrztInnen, die zurück nach Havanna geschickt wurden, über die Krise, die
es im Gesundheitswesen gibt, veranlassten Fidel Castro, an Chávez zu
schreiben und ihn zu warnen, dass das Gesundheitssystem nicht
funktioniert. Chávez gab bekannt, dass er einen Brief von Castro
erhalten hatte, der sich über die Probleme in Barrio Adentro beklagte
und dass etwas getan werden müsse. Als ob Chávez selbst mit dem Problem
nichts zu tun habe. Aber warum war ein Brief von Castro notwendig, um
die venezolanische Regierung auf eine Krise in ihrem eigenen
Gesundheitswesen aufmerksam zu machen!
Die populären Gesundheitsreformen verstrickten sich wie viele der
anderen Reformprogramme in einem Geflecht von Bürokratie, Korruption und
– selbst in nur einem Bereich - Mangel an allgemeiner Planung. Die
Einführung vereinheitlichter Planung im Gesundheitswesen, die durch ein
System von demokratischer Arbeiterkontrolle und -verwaltung betrieben
würde, könnte ein Beispiel sein, was im Rest der Wirtschaft nötig ist.
Leider stürzt das Gesundheitswesen in eine immer tiefere Krise. Die
Gründung neuer Kliniken, die den ärmsten Teilen der Bevölkerung Zugang
zu einem Arzt gaben, war von Stagnation und Kürzungen im bestehenden
staatlichen Gesundheitswesen begleitet. Außerhalb von
Barrio-Adentro-Klinken bedeutet der Besuch des örtlichen Arztes eine
Rechnung für den Arztbesuch! Die Krise im Gesundheitswesen erreicht
jetzt explosive Ausmaße.
Einrichtungen der Grundversorgung wie Krankenhausküchen und -wäschereien
wurden in einem der größten Krankenhäuser von Caracas, El Agodonal,
geschlossen oder arbeiten seit Jahren nicht richtig und verursachen
Infektionen und Seuchen. Bei einem Rundgang durch dieses Krankenhaus,
das einmal von Che Guevara besucht wurde, sieht man Reparaturprojekte
unvollendet, bei denen es seit mehr als einem Jahr keinen Fortschritt
gab. Zwischen 2007 und 2009 bewilligte die Regierung mehr als zwei
Milliarden Bolivar für Krankenhausreparaturen und -infrastruktur. Aber
kein einziges Projekt ist nach zwei Jahren zu mehr als 30 Prozent fertig
gestellt. Dies hat eine direkte Wirkung auf das Funktionieren der
Krankenhäuser. El Agodonal funktioniert nur zu 30 Prozent seiner
Kapazität.
Trotz der Zahl an kubanischen Ärzten, die in das Land geschickt werden,
gibt es landesweit immer noch einen Ärztemangel von 30 Prozent.
Das Fehlen eines Systems wirklicher demokratischer Arbeiterkontrolle und
-verwaltung führt zum Krebsgeschwür der Korruption und Bürokratie, die
die Wirksamkeit der Reformprogramme anfressen und untergraben. Unter
Chávez gab es ein explosionsartiges Anwachsen der Staatsbürokratie. Die
jüngste Regierungsreorganisation bedeutet, dass Chávez sechs
Vizepräsidenten hat! Der Staat beschäftigt jetzt über zwei Millionen
Menschen von zwölf Millionen Erwerbspersonen. Die Zahl der
Staatsverwalter hat sich stark ausgedehnt. Die Zahl der Verwalter, die
für die staatliche Ölgesellschaft PDVSA arbeiten, hat sich seit 2002 um
266 Prozent vergrößert. Die verstaatlichte Elektrizitätsgesellschaft
beschäftigt schätzungsweise 42.000 ArbeiterInnen, aber sie sind in über
200 getrennte Verwaltungsabteilungen aufgeteilt!
Infrastrukturprojekte, die die Regierung häufig begann, bleiben
unvollendet – oft als ein Ergebnis von bürokratischem Missmanagement und
Korruption. Im Zentrum von Caracas ist eine neue Busspur, die entfernt
von überfüllten Straßen gebaut wurde, und angeblich dazu dienen sollte,
dass Busse schneller durch die Stadt fahren können, unvollendet und
voller Autos und Motorräder - ein Opfer der Korruption und des
Umstandes, dass die russische Firma, die den Bauauftrag hatte, das Geld
einsteckte und sich aus dem Staub machte. Zu dieser traurigen Liste muss
man Kürzungen bei der Strom- und Wasserversorgung hinzufügen, die
gegenwärtig stattfinden. Das liegt teilweise am Mangel an Investitionen
in die Infrastruktur und teilweise an bürokratischem Missmanagement und
auch an klimatischen Veränderungen und den Auswirkungen von El Niño.
Dies ist ein Land, das wegen seiner großen Flüsse und seinem riesigen
Wasserzugang potenzielle Kapazität von mehr als ausreichender
Wasserkraft hat. Chávez behauptet, diese Ausfälle seien die Folge sich
verändernder Wetterverhältnisse. In Wirklichkeit sind diese Strom- und
Wasserausfälle ein Zeugnis für den Mangel an ernsthaften Investitionen
in die Infrastruktur in dem Jahrzehnt, seitdem Chávez an die Macht kam
und jahrzehntelang, bevor er an die Macht kam. Chávez’ Lösung – nur drei
Minuten lang duschen. Eine Minute nass machen, eine weitere Minute
einseifen und eine dritte Minute abspülen! Dabei wird vorausgesetzt,
dass man Zugang zu einer Dusche mit funktionierender Wasserversorgung
hat.
Selbst das begrenzte Agrarreformprogramm wurde von der Zunahme der
Bürokratie behindert. Auswirkungen hatte auch der Mangel an
Investitionen in günstige Maschinen, die die LandarbeiterInnen und
BäuerInnen bezahlen können. Seit 1999 hat der Staat annähernd 2,5
Millionen Hektar Land übernommen. 1999 betrug die Menge an monatlich
produziertem Fleisch 17,4 Kilogramm pro Person. Dies war genug, fast den
gesamten Binnenmarkt zu befriedigen. Es wird erwartet, dass die
Produktion 2009 auf nur 7,8 Kilogramm pro Monat fällt– annähernd 38
Prozent der heimischen Nachfrage. Dies hat den Staat gezwungen, mehr als
50 Prozent des in Venezuela verbrauchten Fleischs zu importieren.
Die Arbeiterklasse wäre zweifellos bereit, für eine vorübergehende
Zeitperiode Opfer und sogar eine Verringerung des Lebensstandards zu
akzeptieren, wenn das unter gewissen Umständen notwendig wäre. Ein
Beispiel ist die Lage nach der Russischen Revolution 1917, als die
Revolution isoliert und bedroht war, als einundzwanzig Armeen des
Imperialismus intervenierten, um die Revolution zu zerschlagen. Aber
damit die Arbeiterklasse solche Härten akzeptiert, muss sie überzeugt
sein, dass sie notwendig sind, um die sozialistische Revolution zu
verteidigen und das Gefühl haben, dass die FührerInnen und AktivistInnen
auch bereit sind, solche Opfer zu bringen. Wenn es wachsende
Ungleichheit, Korruption und die Bereicherung eines Teils der
Bevölkerung gibt, werden die ArbeiterInnen Angriffe und Kürzungen im
Lebensstandard nicht akzeptieren. Die weiter bestehende Massenarmut, die
es in Caracas gibt, die Korruption und das Fehlen eines klaren Wegs
vorwärts, spiegeln sich im Ausmaß von Verbrechen und Gewalt wider, das
zu den höchsten in Lateinamerika gehört.
Das CWI begrüßte die Reformprogramme, als sie eingeführt wurden, als
einen positiven Schritt vorwärts. Aber wir warnten auch, dass sie nicht
aufrecht erhalten und weiter entwickelt werden könnten, wenn nicht der
Kapitalismus gestürzt und ein wirkliches System der ArbeiterInnen- und
Bauerndemokratie eingeführt würde. Jetzt werden sie unter dem Eindruck
der sich vertiefenden Wirtschaftskrise zurückgedreht.
Die Preiskontrollen, die Chávez einführte, bleiben zwar oft formell
bestehen, haben aber keine Beziehung zu den tatsächlichen Preisen, zu
denen Waren wegen Engpässen, Spekulation und Schiebergeschäften auf den
Straßen verkauft werden. Selbst die populären Mercal-Supermärkte haben
ihre Preise für viele Waren des Grundbedarfs erhöht. Der Reispreis wurde
um 29 Prozent, Milch um 68 Prozent und Nudeln um 78 Prozent erhöht.
Diese Staatssupermärkte verlangen immer noch viel billigere Preise,
trotzdem wirken sich diese Erhöhungen direkt auf die ärmsten Teile der
Bevölkerung aus. Ironischerweise machen die Engpässe, leeren Regale und
großen Schlangen zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer einen
Besuch in einem Mercal-Supermarkt zu einer Erinnerung an die früheren
stalinistischen Regimes in Osteuropa und der früheren Sowjetunion. Es
ist nicht unüblich, dass man vier oder fünf Läden abklappern muss, nur
um Milch zu finden. An einem Sonntag ist sie unmöglich zu kriegen. Ohne
die demokratische Planung der Wirtschaft sind solche Engpässe
unvermeidlich.
Teilweise sind die Engpässe ein Ergebnis der Wirtschaftssabotage durch
Teile der beteiligten rechten kapitalistischen Firmen. Aber teilweise
sind sie auch eine Folge von Bürokratie, schlechter Verwaltung und
Korruption.
Während der Regierung von Salvador Allende in Chile zwischen 1970 und
1973 entwickelten sich Engpässe bei manchen Waren als Folge von Sabotage
und Boykotten durch die Arbeitgeber, die den Boden für den Militärputsch
gegen die Regierung bereiteten. In Chile wurden die Folgen dieser
Engpässe teilweise überwunden durch die demokratischen ArbeiterInnen-
und Volksorganisationen, die es damals gab. Die Fabrikkomitees, Cordones
– und die JAPs (Juntas de Abastecimientos y Precios –
Rationierungsbehörd zu Zeiten der Allende-Regierung, A.d.Ü.), die in den
Slums gebildet wurden – organisierten Nahrungsverteilung auf der
Grundlage von Bedürfnis und Verfügbarkeit. Preisspekulation wurde von
den JAPs für eine begrenzte Zeitperiode kontrolliert, während der sie
Grundpreise für Nahrungsmittel schufen. Leider gibt es diese Arten
Organisationen nicht in Venezuela. Solche Organisationen sind notwendig,
um mit Nahrungsengpässen fertig zu werden, die sowohl von Arbeitgebern
als auch durch die Korruption und die Ineffizienz der Bürokratie erzeugt
werden.
Die Lehren der Geschichte – die Arbeiterklasse muss die Führung
übernehmen
Die Chávez-Regierung stößt auf den unversöhnlichen Widerspruch, der sich
aus dem Versuch ergibt, Reformen einzuführen und aufrechtzuerhalten,
aber dabei nicht den Kapitalismus zu stürzen und eine demokratische,
sozialistische Planwirtschaft einzuführen. MarxistInnen begrüßen alle
Reformen, die der Arbeiterklasse und den Armen nützen. Aber unter dem
Kapitalismus werden alle erreichten Reformen und Zugeständnisse bedroht
sein und können beseitigt werden. Das kapitalistische System kann sich
ein ständig weitergehendes Programm anhaltender Reformen nicht leisten
und wird es nicht erlauben. Dies zeigte sich während der massiven
revolutionären Bewegungen, die Mexiko 1910 bis 1920 und Bolivien 1952
erschütterten. In beiden Fällen führte das Scheitern, Kapitalismus und
Großgrundbesitz zu stürzen, zum Zurückdrehen und Zerstören der enormen
Errungenschaften und Reformen, die während beider Revolution erreicht
worden waren. Derselbe Prozess findet gegenwärtig in Venezuela statt.
Dieser Widerspruch wurde in Venezuela durch die Methoden, die seit
Beginn dieser „Revolution” angewendet wurden weiter verschärft. Sie
wurde von oben nach unten „geführt“ unter Verwendung von
administrativen, bürokratischen Methoden ohne die bewusste, unabhängige
Organisation der Arbeiterklasse und der Massen und ohne Kontrolle von
unten.
Diese Methoden wurden von Chávez von Anfang an angewandt und spiegeln
seinen militärischen Hintergrund und das Fehlen einer organisierten,
unabhängigen und bewussten Bewegung der Arbeiterklasse und der Armen
wider. Die besten Traditionen der Arbeiterklasse in jedem Land müssen in
eine kühne revolutionäre Bewegung mit dem für einen Sieg über den
Kapitalismus notwendigen Programm und Methoden integriert werden.
Gleichzeitig ist es notwendig, alle bestehenden Schwächen und Mängel zu
überwinden. Eine sozialistische Revolution kann nicht erfolgreich
durchgeführt werden, indem man die bestehenden Probleme und Hindernisse
wegwischt und ignoriert.
In der Geschichte Venezuelas war die unabhängige Organisation der
Arbeiterklasse auf betrieblicher und politischer Ebene, anders als in
Chile, Bolivien oder Brasilien, sehr schwach. Der erste wirkliche
venezolanische Gewerkschaftsdachverband, CTV, wurde erst 1936 gebildet
und begann erst in den 1950ern seine reale Tätigkeit. Die Kommunistische
Partei wurde erst 1931 gebildet – unter Untergrundbedingungen und von
Anfang an als stalinistische Partei. Es gibt keine herausragenden
historischen ArbeiterführerInnen wie Luis Recabarren in Chile, der eine
zentrale Rolle im Aufbau einer unabhängigen Arbeiterbewegung spielte,
zahlreiche Arbeiterzeitungen gründete und beim Aufbau der Gewerkschaften
und der Kommunistischen Partei half und der nach Russland zu den
Kongressen der Komintern reiste und Lenin und Trotzki traf.
Diese Schwäche war einer der Faktoren, die ermöglichten, dass Chávez und
seine UnterstützerInnen die Führung der Bewegung übernahmen und ihren
Charakter seit den frühen 1990ern prägten. Dieser Punkt wurde
veranschaulicht von dem historischen linken venezolanischen
Guerillaführer, Douglas Bravo, der mit Chávez und anderen
zusammenarbeitete. Der britische Schriftsteller Richard Gott zitiert in
seinem Buch „In the shadow of the Liberator” [Im Schatten des Befreiers]
Douglas Bravo, der an ein Treffen mit Chávez erinnerte. Sie diskutierten
die Frage eines Generalstreiks und der Initiierung eines Aufstands gegen
das alte Regime. Gott kommentiert: „Das war genau, was Chávez nicht
wollte. Absolut nicht. Chávez wollte nicht, dass ZivilistInnen als eine
konkrete Kraft teilnehmen”. Bravo erinnerte sich, dass sich eine heiße
Diskussion entwickelte, während der Chávez dazwischenrief und sagte
dass, „Zivilisten nur im Weg stehen”. (‘Shadow of the Liberator’, Seite
64/65).
In Diskussion in Caracas mit dem Verfasser dieser Zeilen, die kürzlich
stattgefunden haben, ging Bravo weiter und veranschaulichte, wie Chávez
alles Mögliche machte, um die aktive Beteiligung der Massen zu
vermeiden. 1992 begann Chávez eine radikale populistische
Militärrebellion, die besiegt wurde. Nach Bravo nahmen an dem von Gott
erwähnten Treffen verschiedene Studierenden-, zivile und andere
Organisationen und auch niederrangige Offiziere der Armee wie Chávez
teil. Ein bestimmtes Datum im Februar für einen gemeinsamen zivilen und
militärischen Aufstand wurde vereinbart. Aber um die Beteiligung der
„Zivil”bevölkerung zu vermeiden, machte Chávez einen Frühstart und
organisierte seinen gescheiterten populistischen Putsch ein paar Tage
früher.
Leider haben Bravos Guerillaerfahrungen und nationale wie auch
internationale Entwicklungen ihn dazu gebracht, sich vom
„Marxismus-Leninismus” loszusagen und „linken Humanismus” als
Alternative zum Chávez-Regime zu vertreten.
Diese militaristische "top-down" Herangehensweise der Bolivarianischen
Bewegung war eines ihrer Merkmale, seit Chávez an die Macht kam. Das CWI
warnte in vielen Artikeln und Dokumenten vor den Folgen dieser Gefahr.
Zum Beispiel warnten wir: „… ohne demokratische Kontrolle der
Arbeiterklasse können jene Teile des Militärs, die sich in einer
führenden Stellung wieder finden unausweichlich administrative oder
bürokratische Tendenzen zum Herumkommandieren entwickeln. Ohne ein
klares Verständnis der Rolle der Arbeiterklasse in der Revolution und
ohne demokratischen Kontrollen unterworfen zu sein, können selbst
Offiziere mit den besten Ansichten solche Tendenzen entwickeln und
versuchen, ihren Willen von oben der Arbeiterklasse aufzuzwingen.”
(„Revolutionäre SozialistInnen und die venezolanische Revolution“ –
2004).
Heute hat der repressive Staats- und Parteiapparat begonnen, dies direkt
gegen Teile der ArbeiterInnen zu nutzen, die in den Kampf getreten sind,
um ihre Löhne, Arbeitsbedingungen und demokratische Rechte zu
verteidigen.
Repression und „stalinismusähnliche“ Methoden
Leider hat die von Chávez geführte Staatsmaschine sowohl auf der
betrieblich-gewerkschaftlichen als auch der politischen Ebene begonnen,
„stalinismusähnliche“ Formen der Repression gegen die Arbeiterklasse und
diejenigen anzuwenden, die die Regierung von links kritisieren. Unter
dem Vorwand der Verteidigung der „sozialistischen Revolution” werden
KritikerInnen auf der Linken als „konterrevolutionär” oder „Agenten des
Imperialismus, von CIA und MI5” angeprangert. Innerhalb der PSUV ist es
ein häufiger Angriff von Teilen der Bürokratie gegen die, die die Frage
wirklicher Arbeiterkontrolle aufwerfen, gegen Korruption reden oder
Trotzki erwähnen. In einem Fall wurde einem Unterstützer des CWI von
einem PSUV-Funktionär gesagt, es sei nur zulässig, von „Chávez, Fidel,
Che, Mao, aber nicht von dem Konterrevolutionär Trotzki” zu reden. Dabei
hat Chávez Trotzki in einer früheren Rede unterstützt. Einfache
Mitglieder der PSUV (Vereinigte Sozialistische Partei von Venezuela),
die sich gegen Korruption ausgesprochen haben, wurden einfach als
„Konterrevolutionäre” angegriffen.
Dies sind quasi-stalinistische Methoden, die an die der Führer der
Kommunistischen Partei im spanischen Bürgerkrieg erinnern. In Spanien
erhob sich die Arbeiterklasse gegen die faschistische Franco-Rebellion
und brachte die Revolution vorwärts – und kontrollierte schließlich vier
Fünftel des Landes. Der alte bürgerliche Staat lag in Trümmern, während
die Arbeiterklasse die Revolution voranbrachte. Aber die Arbeiterklasse
schaffte es nicht, ihren eigenen Staat zu errichten und die Macht völlig
in ihre eigenen Hände zu nehmen. Die Politik der Stalinisten bestand
darin, die sozialistische Revolution zurückzuhalten und ein Abkommen mit
einem Teil der „fortschrittlichen“ Kapitalistenklasse zu treffen. Als
eine Folge dieser Politik wurde der bürgerliche Staat wiederhergestellt
und die Revolution besiegt und Francos Faschisten übernahmen die Macht.
Diejenigen, die die Politik der Kommunistischen Partei ablehnten wurden
als „Konterrevolutionäre“ angeprangert und in vielen Fällen hingerichtet.
Dies ist nicht die Lage im heutigen Venezuela, aber die
quasi-stalinistischen Methoden sind ein Schatten von Methoden, die
während des spanischen Bürgerkriegs angewandt wurden, wo sowohl der
Kapitalismus als auch der bürgerliche Staat intakt blieben.
Unterdrückungsmethoden werden jetzt auch zunehmend direkt gegen die
Arbeiterklasse angewandt, wenn Teile von ihr den Kampf zur Verteidigung
ihrer Rechte führen. In diesem Jahr ist die Zahl von ArbeiterInnen, die
in den Streik wegen Löhnen, Arbeitsbedingungen und zur Verteidigung
ihrer Rechte getreten sind, beträchtlich gestiegen. Nach manchen
Schätzungen gab es in den zwölf Monaten bis August 2009 mehr als 400
Arbeitskämpfe. Die TeilnehmerInnen kamen aus der Stahl-, Elektrizitäts-,
Eisenerz-, Aluminium-, Transport-, Gesundheits- und anderen Branchen.
Als Reaktion hat der Staat Unterdrückungsmethoden gegen sie eingesetzt.
Als sich U-Bahn-ArbeiterInnen in Caracas auf einen Streik vorbereiteten,
um ihren Tarifvertrag zu verteidigen, drohte Chávez, sie unter
Militärrecht zu stellen und ihnen das Streikrecht zu nehmen. Unter
Verwendung der Gesetze zur „nationalen Sicherheit” wurden strategisch
wichtige Gebiete wie die U-Bahn oder Krankenhäuser zu „zonas de
emergencia” (Notstandsgebieten, A.d.Ü.) erklärt, in denen Proteste und
Streiks verboten sind.
Im Bundesstaat Zulia, wo ErdölarbeiterInnen streikten, um zu fordern,
dass der Tarifvertrag auf sie ausgedehnt werde, griffen vierzig
Mitglieder der Nationalgarde die ArbeiterInnen an und nahmen die
Gewerkschaftsführer fest, die siebzehn Stunden festgehalten wurden.
Die Weltmedien schenkten dem Start des neuen „sozialistischen” Handys,
Viagra, viel Aufmerksamkeit, dessen Produktion am 1. Mai 2008 begann. Es
gab wenig Berichterstattung zu den haarsträubenden Arbeitsbedingungen
und der Unterdrückung der ArbeiterInnen in der Firma, wo es hergestellt
wird – Vtelca. Ohne Verpflichtung, die ArbeiterInnen zu bezahlen, nutzt
das Management jede ihr zur Verfügung stehende Unterdrückungsmethode
gegen die Beschäftigten, die versuchten einen Arbeiterrat zu bilden und
Delegierte wählten, um Gesundheits- und Sicherheitsfragen anzugehen. In
einer Situation wurde die Nationalgarde gegen die Beschäftigten
eingesetzt und entgegen aller Arbeitsgesetze wurden schließlich sechzig
ArbeiterInnen entlassen wegen „Mangel an Engagement und Arbeitseifer”.
Teile der Arbeiterklasse wurden zu verzweifelten Aktionen getrieben, um
auf ihre Beschwerden aufmerksam zu machen. Darunter waren die 27
ArbeiterInnen von 1.400, die an einem Arbeitskampf gegen die PDVSA
teilnahmen. Die ArbeiterInnen forderten, dass der Tarifvertrag auf sie
ausgedehnt wird und sie nicht in einer „Holding“ ohne Tarifvertrag
verbleiben.
Diese ArbeiterInnen hatten kein Vertrauen, dass die
GewerkschaftsführerInnen für ihre Sache kämpfen würden und traten in
einen Hungerstreik. Sie nähten ihre Lippen mit Nadel und Faden zusammen,
um sich selbst am Essen zu hindern!
Zu der Zeit, als diese Bewegung stattfand, gingen Teile der von Rechten
geführten Universitätsstudierenden auf die Straße, um gegen die im neuen
Bildungsgesetz der Regierung enthaltenen milden Verbesserungen zu
protestieren. Manche von ihnen traten auch in einen Hungerstreik. Chávez
und die Regierung warfen einfach den ArbeiterInnen vor, von den rechten
konterrevolutionären Universitätsstudierenden manipuliert zu sein!
Diese Angriffe auf Angehörige der Arbeiterklasse, die zur Verteidigung
ihrer Rechte aktiv geworden sind und die Reaktion der Regierung hat die
Tür für eine weitere Gefahr durch rechte, reaktionäre Kräfte geöffnet,
die versucht haben, Chávez zu stürzen. Während ArbeiterInnen im Kampf
als „Konterrevolutionäre” angeprangert wurden, konnten sich die Rechten
als die „Freunde“ der Arbeiterklasse darstellten.
Während ein Teil der alten Elite versucht hat, sich mit dem Chavismus zu
versöhnen, hat ein Teil der alten rechten Gewerkschaften dasselbe
gemacht. Kürzlich wurden wichtige Wahlen für die Führung der FUTPV – der
nationalen Ölarbeitergewerkschaft - abgehalten. An der Spitze der
erfolgreichen Kandidatenliste stand Wills Rangel. Er wurde von der
Regierung und der PSUV unterstützt. Rangel ist ein früheres Mitglied des
Gewerkschaftsbüros der sozialdemokratischen Partei Acion Democratica,
einer der Hauptparteien, die das politische Establishment in der Zeit
vor Chávez bildeten. Rangel brach erst 2003 mit der AD.
In Venezuela entwickelt sich eine Lage, in der Teile der ArbeiterInnen
im Namen des Sozialismus als „Konterrevolutionäre” angeprangert werden,
während Kräften des reaktionären Kapitalismus ermöglicht wird, sich als
Verteidiger der demokratischen Rechte der ArbeiterInnen und „Freunde”
der Arbeiterklasse darzustellen.
Bei einem Zulieferer der verstaatlichten SIDOR-Firma wurden hunderte
ArbeiterInnen von Tarifverträgen ausgeschlossen und traten in den Streik
und waren mit Polizeirepression und Festnahmen konfrontiert. Ein
Gewerkschaftsführer – der kritisch gegenüber der Regierung ist –
erklärte: „Sozialismus im 21. Jahrhundert bedeutet ArbeiterInnen in
Handschellen”.
Diese Entwicklungen haben die Unterstützung für Chávez und die Spitzen
des Regimes untergraben. Aber unausweichlich ziehen verschiedene
Schichten der ArbeiterInnen und der Armen verschiedene
Schlussfolgerungen aus diesem Prozess. Während eine wachsende Zahl von
ArbeiterInnen sich vom Regime distanziert, fiebert eine Schicht der am
meisten Geknechteten und Unterdrücktesten vor Unterstützung für Chávez.
Teile von ihnen wurden in manchen Gebieten in die neu gebildeten
„sozialistischen Patrouillen” aufgenommen, die als örtliche
Stadtteilgruppen der PSUV gebildet wurden.
Es gibt zwar klar verschiedene Schichten der chavistischen Bewegung,
aber manche Teile dieser Stadtteil“wach“gruppen wurden gelegentlich
mobilisiert und in die U-Bahn und manche Krankenhäuser gesandt, um zu
verhindern, dass Versammlungen von ArbeiterInnen organisiert werden.
Manchmal bestehen sie aus den Unterdrücktesten, die bei der Verteidigung
von Chávez fanatisch sind und durch Propaganda aufgepeitscht sind, die
solche Gruppen von ArbeiterInnen als privilegierte Schichten darstellt,
die die Konterrevolution unterstützen.
Es wäre ein Fehler, diese Tendenz zu übertreiben, aber sie entwickelt
sich in manchen Gebieten und es ist eine Warnung vor der sich
entwickelnden Gefahr, dass die Arbeiterklasse und die städtischen Armen
durch diese Herangehensweise gespalten werden. Es gab eine schnelle
Beschleunigung solcher Methoden in der PSUV und durch die Staatsmaschine
allgemein. Die PSUV gibt jetzt eine Mitgliedschaft von fünf Millionen
an. Sie ist gespalten in drei Kategorien – eine volle Mitgliedschaft,
SympathisantInnen und – am größten – „die Reserve” – was widerspiegelt,
wie weit sich die Militarisierung des Prozesses entwickelt. Die
bürokratisch-administrativen Maßnahmen spiegeln sich in der PSUV wider.
Zum Beispiel wurden KandidatInnen für Delegiertenpositionen für den
kommenden Kongress der Partei von jedem regionalen Vizepräsidenten der
Partei ausgewählt, was zu Protesten dagegen führte, dass manche
Parteimitglieder mit abweichenden Meinungen von den Listen
ausgeschlossen wurden. Manche dieser Methoden kopierten anfänglich das
kubanische Regime.
Aber es scheint, dass jetzt viel vom Regime in China übernommen wird,
dessen Einfluss zugenommen hat, weil Chávez Handelsabkommen und Joint
Ventures für Infrastrukturprojekte mit China verstärkt hat. Die Chinesen
bauen eine Reihe von Hochgeschwindigkeitsbahnverbindungen in Venezuela.
Chávez pries kürzlich die „revolutionäre Regierung” in China und
schickte einhundert PSUV-Spitzenfunktionäre für „ideologisches Training”
nach China. China scheint zunehmend sein „Modell” zu sein. Die Regierung
veröffentlichte offizielle Zeitungsanzeigen zum Jahrestag der
chinesischen Revolution, die die chinesische Regierung von Hu Jintao
priesen!
Freunde an schlechten Orten
Aber es ist nicht nur das chinesische Regime, das die begeisterte
Unterstützung von Chávez gewinnt. Eine der internationalen Strategien
seiner Regierung war der Versuch, einen Block von jedem Regime zu
bilden, das im Konflikt mit dem US-Imperialismus ist. Eine wirklich
revolutionäre sozialistische Regierung, egal in welchem Land, kann für
eine Zeitperiode isoliert sein, bis sich die Revolution in anderen
Ländern entwickelt. Unter solchen Bedingungen ist nichts Falsches daran,
wenn ein Arbeiterstaat Handels- und Geschäftsvereinbarungen schließt,
die ihm aufgezwungen sein mögen. Das Ausnutzen von Spaltungen und
Differenzen zwischen verschiedenen imperialistischen Mächten wäre unter
solchen Bedingungen völlig legitim. Die Bolschewiki und Lenin und
Trotzki waren angesichts der Isolation der Russischen Revolution zu
solchen Abkommen gezwungen.
Aber die Schaffung von formellen Handelsabkommen oder kommerziellen
Beziehungen ist nicht dasselbe wie brutale Regime überschwänglich mit
Lob zu überschütten, die ihre eigene Bevölkerung unterdrücken und gegen
sie handeln, wenn sie kämpft. Handelsabkommen erfordern nicht, jemanden
wie Ahmadinedschad im Iran als großen revolutionären Führer zu preisen.
Die Massenbewegung gegen sein Regime war laut Chávez ein Teil einer
imperialistischen Verschwörung. Auf dem letzten Gipfel
lateinamerikanischer und afrikanischer Staatschefs (ASA) fügte Chávez
ein paar weitere Freunde zu seiner Liste hinzu, einschließlich des
libyschen Führers Muammar Gaddafi.
Weder sein Regime noch das auf Kuba waren auch nur bereit, das brutale
Gemetzel der Regierung von Sri Lanka am tamilischen Volk zu verurteilen
und gegen es in der UNO zu stimmen!
Die Unterstützung solcher Regime wie der iranischen und libyschen
Diktaturen durch eine Regierung, die beansprucht, den „revolutionären
Sozialismus” zu verteidigen ist nicht zu entschuldigen und kann nur der
Idee des Sozialismus in der Arbeiterklasse in diesen Ländern und
international Schaden zufügen.
Die Zukunft von Chávez’ Regime hängt in der Schwebe. Die Methoden und
Beschränkungen seines Programms untergraben nun ernsthaft seine
Unterstützung. Parlamentswahlen für die Nationalversammlung stehen 2010
auf der Tagesordnung. Chávez strebt an, sich eine Zweidrittelmehrheit zu
sichern. Dies scheint im Moment unwahrscheinlich. Aber um sein Ziel zu
erreichen, hat sein Regime das Wahlverfahren geändert und das
Verhältniswahlrecht beseitigt, das bisher bestand. Solche Schritte
untergraben seine Unterstützung nur weiter und verstärken die Idee, dass
er jetzt ein Unterdrückungsregime aufbaut. Dies spielt den Rechten in
die Hände. Die Gefahr einer „schleichenden Konterrevolution” bleibt,
wenn wachsende Teile der Bevölkerung frustrierter, unzufriedener und
desillusionierter mit dem gegenwärtigen Regime werden.
Gleichzeitig ist in der gegenwärtigen Lage die Aussicht, dass mehr
Klassenschlachten und noch größere soziale Explosionen als Reaktion auf
die Angriffe der Regierung ausbrechen, angelegt. Unter solchen
Bedingungen kann es, besonders bei einer scharfen Wirtschaftsrezession,
nicht ausgeschlossen werden, dass Chávez wieder zu weiteren radikalen
populistischen Maßnahmen einschließlich weiterer Verstaatlichungen oder
Enteignungen schreitet und andere Maßnahmen gegen die „Boli-burguesia”
und die Korruption ergreift. Das ist trotz seiner jüngsten Anpassung an
diese „neue Bourgeoisie” und die Bürokratie möglich.
Programm für eine sozialistische Revolution notwendig
Aber jeder solche Schritt würde nicht das grundlegende Problem lösen,
wenn er nicht auf einer bewussten unabhängigen Bewegung der
Arbeiterklasse mit einem Programm zur Durchführung der sozialistischen
Revolution beruht. Selbst wenn der Kapitalismus völlig ausgelöscht
würde, würde das Fehlen einer wirklichen Arbeiterdemokratie den Aufbau
von Sozialismus verhindern.
Ein Programm für eine sozialistische Revolution in Venezuela müsste
umfassen:
- Die Einführung eines wirklichen Systems der Arbeiterkontrolle durch
Komitees von gewählten und jederzeit abwählbaren Delegierten, die die
tägliche Leitung der Betriebe kontrollieren. Die Öffnung der
Geschäftsbücher aller Firmen – einschließlich verstaatlichter Firmen –
für die Inspektion durch Komitees von ArbeiterInnen zur Beendigung von
Korruption und zur Vertreibung der Bürokratie.
- Diese Komitees sollten sich auf stadtweiter, Landes- und Bundesebene
verbinden. Staatliche Betriebe sollten auf der Grundlage eines Systems
demokratischer Arbeiterverwaltung geleitet werden, bei dem die Vorstände
solcher Firmen aus gewählten VertreterInnen der ArbeiterInnen in der
Branche, breiteren Teilen der Arbeiterklasse und der Armen und einer
ArbeiterInnen- und Bauernregierung bestehen.
- Alle Funktionäre sollten gewählt und jederzeit wieder abwählbar sein
und nicht mehr als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn erhalten.
- Die Enteignung der Banken, multinationalen Konzerne und einhundert
reichsten Familien, die immer noch die venezolanische Wirtschaft
kontrollieren und die Einführung eines demokratisch-sozialistischen
Produktionsplans.
- Die Bildung eines unabhängigen demokratischen
Gewerkschaftsdachverbandes mit einer gewählten Führung, die unter der
Kontrolle der Basismitglieder steht und ihnen rechenschaftspflichtig ist.
Der Kampf für ein solches Programm drängt, um frisches Leben in die
venezolanische Revolution zu bringen und ihre Stagnation, ihr Verrosten
und die Gefahr der Konterrevolution zu verhindern.
Dieser Text ist auch als Broschüre
erhältlich.
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