Zwischen Plattmachen, befreiten Zonen und Montagsdemos
[Druckversion] Thema: sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 9, Deutschland: Politik allgemein, DDR 1989, veröffentlicht: 16.01.2010
Eine Bilanz der kapitalistischen Wiedervereinigung
20 Jahre nach der ‚Wende‘ in der DDR sehen sich Millionen Ostdeutsche
als VerliererInnen, haben selbst bürgerliche Politiker die Propaganda
vom Aufschwung Ost aufgegeben und empfehlen Berater dem Bundesminister
Tiefensee den Rückzug aus der wirtschaftlichen Förderung niedergehender
ostdeutscher Regionen. Kapitalismus in Ostdeutschland heißt Bananen,
Reisefreiheit, demokratische Wahlen und glitzernde Konsumtempel. aber
auch Suppenküchen, platt gemachte Betriebe, das Recht zu wählen, wer
einem das Fell über die Ohren zieht...
Ist es das, wofür die Menschen 1989/90 auf die Straße gingen? Ist es das
Ende der Geschichte oder kommt da noch was?
von Christine Lehnert
Wer heute an das Versprechen von Helmut Kohl aus dem Jahre 1990/91
erinnert, dass „wir in den nächsten drei bis vier Jahren in den neuen
Bundesländern blühende Landschaften gestalten werden“, der erntet nur
ein müdes Lächeln oder den Hinweis, dass sich die Natur in vielen
stillgelegten Industrielandschaften wieder ihren Raum zurückerobert hat.
Allerdings hatten wir DDR-BürgerInnen das Versprechen des Kanzlers etwas
anders verstanden. Doch statt Aufbau Ost kam es zum Absturz Ost.
DDR-Ausverkauf
Die DDR war in den Achtzigern das Land mit der zehntstärksten
Wirtschaftskraft auf der Erde. Trotz des ökonomischen Rückstands im
Vergleich zur Bundesrepublik, war die DDR-Wirtschaft lange nicht so
marode und unproduktiv, wie sie heute in den pro-kapitalistischen Medien
immer dargestellt wird.
Die DDR besaß die weltgrößte Hochseeflotte. 55.000 haben im
DDR-Schiffbau-Kombinat (Werften & heutige Zulieferer) mal gearbeitet.
Dies hatte bei Fischereifahrzeugen den ersten und bei Stückgutfrachtern
den zweiten bzw. dritten Platz im Weltschiffbau, war also durchaus
international wettbewerbsfähig. Im Bergbau (Kali, Kohle) war die DDR
international ganz vorne. Der größte Schaufelradbagger der Welt ist in
der DDR hergestellt worden und war dort im Braunkohletagebau Lausitz im
Einsatz. Weltspitze war die DDR auch bei Fototechnik, Linsen und Optik
sowie dem Gerätebau dafür. Namen wie Carl-Zeiss-Jena und Pentacon
Dresden klingen noch heute nach und nur Japan war auf diesem Bereich in
den achtziger Jahren besser.
Doch mit dem Ende der DDR und der Restauration der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung wurde sich der ostdeutschen Konkurrenz entledigt und
der Markt für die westlichen Konzerne bereinigt. Dies vollzog sich
vornehmlich von 1990 bis 1992, als die Treuhandanstalt mit der Leitlinie
„privatisieren statt sanieren“ über 8.000 Betriebe zu Spottpreisen
verhökerte oder ganz dicht machte. Bis zu ihrer Auflösung war der
Großteil der fast 14.000 Unternehmen oder Teile von Unternehmen
privatisiert. Die Folge davon war die Vernichtung von 2,5 Millionen
industrieller Arbeitsplätze in Ostdeutschland und über 200 Millionen
Schulden bei der Treuhand selbst. Dieses Defizit ist entstanden, weil
die Treuhand den westdeutschen Investoren neben den DDR-Betrieben auch
noch Millionen Subventionen mit auf den Weg gab.
Krumme Geschäfte á la Treuhand
So wurde zum Beispiel die ehemals weltgrößte Hochseeflotte, die Deutsche
Seereederei (DSR) aus Rostock an die zwei Hamburger Kaufleute Rahe und
Schüss verscherbelt – für zehn Millionen D-Mark. Nun, besser als nichts
könnte man meinen, wenn da nicht der Fakt wäre, dass diese beiden Herren
ihre eigene kleine Reederei vor dem Kauf der DDR- Flotte selbst an die
Treuhand veräußerten und dafür einen Erlös von zwanzig Millonen
einstrichen. Davon konnten sie dann die zehn Millionen für den Kauf der
DSR natürlich locker hinblättern und bekamen zur Belohnung neben der
Hochseeflotte auch noch ihre eigene kleine Firma zurück. Ein Beispiel
von vielen, dass es nicht das Ziel der Treuhand war, die ostdeutsche
Wirtschaft zu retten, sondern die Interessen der westdeutschen
Kapitalisten vertreten wurden, die sehr dafür waren, dass die
ostdeutsche Konkurrenz ausgeschaltet wurde und sie neue Absatzmärkte
bekamen.
Bischofferode 1993
Das beste Beispiel für Kahlschlag und kapitalistische Marktbereinigung
ist das Kali-Bergwerk in Bischofferode. Dieses war das modernste und
erfolgreichste in der DDR. Die Kali-Salze wurden in alle Welt exportiert
und in Hochzeiten beschäftigte das Werk 2.000 Menschen. Doch nach der
Wende ging es bergab. Die Treuhand verwaltete den Betrieb und baute in
den Jahren 1990 bis 1993 mehr als eintausend Arbeitsplätze ab. Ende 1992
beschloss sie dann die Schließung. „Wir konnten nicht begreifen, warum
man das tut“ sagte der damalige Vize-Betriebsratschef Gerhard Jüttemann.
„Wir wussten, dass die Kali-Nachfrage kräftig steigen würde, und mit ihr
der Preis.“ Laut Prognosen hätten die Kumpel noch 47 Jahre lang Kali
abbauen können. Doch die Treuhand hatte den Plan alle ostdeutschen
Gruben (vereinigt in der Mitteldeutschen Kali AG MdK) mit einer Tochter
der BASF zu fusionieren und dieser war an dem Ausschalten der Konkurrenz
gelegen. Ein privater Investor, der sich bereit erklärte, den Betrieb zu
erhalten, wurde ausgebremst und unter Druck gesetzt. Die Zeitungen
zitierten ihn im Nachhinein: „Es ging nicht um Wirtschaftlichkeit,
sondern um die Bewahrung der westdeutschen Kali-Kartelle.“
Die zum Zeitpunkt der Schließungsabsichten noch im Kali-Werk
beschäftigten 700 KollegInnen führten einen harten einjährigen Kampf
gegen die Pläne der Treuhand. Protestaktionen, eine bundesweite
Unterschriftenaktion, Kundgebungen, Demonstrationen und zum Höhepunkt
ein Hungerstreik der Arbeiter und eine Besetzung der Grube durch die
Frauen der Kollegen - aber all das konnte das kapitalistische Räderwerk
nicht zum Stillstand bringen. Der Kapitalismus ist gnadenlos. Der Zwang
Profit zu machen und die Konkurrenz, treibt das System an und in diesem
Räderwerk werden die Menschen zerquetscht. Eine Erfahrung, die
Ostdeutsche in den letzten 20 Jahren sehr häufig machten.
Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit
So wie Bischofferode ging es vielerorts zu. Großbetriebe aus DDR-Zeiten
wurden platt gemacht oder schrumpften stark zusammen. So arbeiteten beim
Maschinenbauer Sket vor der Wende 30.000 Leute, in den
Nachfolgeunternehmen waren es zehn Jahre später gerade mal 680. Die
Folge dessen ist, dass es von den Ende 1989 circa zehn bis elf Millionen
Erwerbstätigen in der DDR heute noch 5,72 Millionen in Ostdeutschland
gibt. Allein zwischen 1989 und 1993 schrumpfte die ostdeutsche Industrie
um etwa zwei Drittel. Von mehr als drei Millionen Industriebeschäftigten
blieben ungefähr 600.000 übrig. Hunderttausende ostdeutsche Beschäftigte
pendeln zur Arbeit in den Westen oder wandern ab. Die Arbeitslosigkeit
in Ostdeutschland ist hoch, im Zuge der aktuellen Krise wird eine
durchschnittliche Quote von 14 Prozent prognostiziert. Das ist doppelt
so hoch, wie im Westen des Landes. Und laut Ansicht des Instituts für
Wirtschaftsforschung Halle (IWH) müsse sich Ostdeutschland durch die
Wirtschaftskrise auf einen Verlust von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen im
Jahresdurchschnitt einstellen. Hier bestätigt sich der Satz Heiner
Müllers: „Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Regime der
Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern.“
Industrieleer ...
Im Jahr 2005 bezeichnete der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt den
Zustand in Ostdeutschland als „Mezzogiorno ohne Mafia“, dem
wirtschaftlich abgehängten Süden Italiens – eine gänzlich industrieleere
Region. Natürlich gibt es mit Nordex in Rostock oder BMW in Leipzig
Industrieansiedlungen, die vom Establishment eifrig bejubelt werden,
aber diese Leuchttürme ändern nichts daran, dass es in weiten Teilen
Ostdeutschlands dunkel ist.
Und diejenigen, die Arbeit haben, schuften zu niedrigeren Löhnen und
schlechteren Bedingungen. Heute fallen nur 41 Prozent der ostdeutschen
Beschäftigten unter einen Flächentarifvertrag (im Westen sind es
immerhin 56 Prozent). Irgendeine Art von Tarifvertrag haben 53 Prozent –
1998 waren das noch 63 Prozent. Der Durchschnittstundenlohn im Osten lag
2008 circa ein Viertel unter dem des Westens – 15,19 Euro im Vergleich
zu 20,98 Euro. Und auch in modernen, produktiven Betrieben verdienen die
Ost-KollegInnen weniger, als Arbeiter in möglicherweise weniger
produktiven Werken im Westen.
Die viel beschworene Aufholjagd der ostdeutschen Wirtschaft ist
verpufft. In den Jahren 1992 bis 1996 gab es zeitweilige Wachstumsphasen
mit 6,5 Prozent, aber zum einen wird laut einer Studie der Hypo
Vereinsbank im Osten Deutschlands trotzdem bisher nur 71 Prozent der
westdeutschen Wirtschaftsleistung erreicht und zum anderen schlägt die
Wirtschaftskrise heute erbarmungslos zu. Das Institut für
Wirtschaftsforschung Halle sieht für Ostdeutschland in diesem Jahr einen
Rückgang um 15 Prozent in der Industrieproduktion. Eine Annäherung an
die westdeutsche Leistung sei bis 2025 (!) möglich – vorausgesetzt, das
ostdeutsche Wirtschaftswachstum liegt drei Prozentpunkte höher als im
Westen. Angesichts des vorausgesagten sechs Prozent Wirtschaftsrückgangs
im Westen und fünf Prozent im Osten in diesem Jahr sind dies wohl selbst
längerfristig keine realistischen Aussichten – oder die Anpassung
verläuft vom Westen an den Osten.
… menschenleer
Dabei sieht die Realität auch jetzt schon sehr viel dramatischer aus als
die nackten Zahlen vermuten lassen. In manchen Gemeinden gibt es neben
dem Bürgermeister nur noch Alte oder Arbeitslose. Im Osten wandern
Menschen massenhaft ab, besonders junge und gut gebildete Menschen,
überproportional Frauen. Seit Ende der DDR bis 2006 zogen 1,7 Millionen
Menschen in den Westen. Zurück bleiben diejenigen, die keine Perspektive
haben. Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellte
fest, dass nirgendwo in Europa großflächig so viele junge Frauen
abgewandert sind wie im Osten. „Durch Deutschland verläuft nach wie vor
die alte Grenze zwischen den Systemen. Sie trennt den hilfsbedürftigen
Osten vom wirtschaftsstarken Westen.“
Die Folgen davon sind Verarmung und Perspektivlosigkeit. Jeder fünfte
Ostdeutsche wird als arm eingestuft und laut Paritätischem
Wohlfahrtsverband drohen ganze Landstriche zu verarmen. Waren 1999 noch
59 Prozent der Ostdeutschen mit ihrem Leben zufrieden, sind es 2006 nur
noch 39 Prozent gewesen.
Sozialer Abstieg
Laut einer Umfrage der Friedrich Naumann Stiftung aus diesem Jahr sind
84 Prozent der Ostdeutschen der Meinung, „es hätten mehr von den
Errungenschaften der DDR bewahrt werden sollen, z.B. das
Gesundheitssystem oder das Bildungssystem“. Die Gesundheitsversorgung in
den staatlichen Polikliniken war flächendeckend, gut erreichbar in den
Wohngebieten und völlig kostenfrei. Das Schulsystem war ohne soziale
Selektion und die polytechnische Oberschule gewährte ein gemeinsames
Lernen bis zur zehnten Klasse. Weil es de facto keine Arbeitslosigkeit
und keinen Mangel an Lehrstellen gab, und somit keine Zukunftsangst, ist
auch der Leistungsdruck, die Ellenbogenmentalität gravierend geringer
gewesen, als es die heutigen Schülerinnen und Schüler unter
kapitalistischen Bedingungen ertragen müssen. Die soziale Sicherheit war
groß. Auch wenn viele Konsumgüter Mangelware gewesen sind, so wurden
Lebensmittelpreise, Kinderklamotten und Mieten staatlich geregelt und
subventioniert und waren für jeden erschwinglich. Das systematische Netz
der Kinderversorgung mit Krippen, Kindergarten und Hort ermöglichte es
den Frauen in der DDR, Beruf und Kind zu verwirklichen. Diese
Errungenschaften waren möglich, weil die Wirtschaft nicht nach dem Ziel
der Profitmaximierung funktionierte, sondern geplant wurde – trotz der
gleichzeitig existierenden Misswirtschaft, Privilegien und Ineffizienz
aufgrund der Herrschaft der stalinistischen Bürokratie.
Heute ist die ostdeutsche Arbeiterklasse und Jugend (ebenso wie die im
Westen) mit Arbeitslosigkeit, Armut und Angst konfrontiert. Eine
Situation, die im Jahr 2007 35 Prozent der 14- bis 25-jährigen und 37
Prozent der 35- bis 50-jährigen in Ostdeutschland dazu veranlasst,
„lieber im Osten“ leben zu wollen, würde die Mauer wieder errichtet.
Lösungsvorschläge im Kapitalismus
Natürlich ist auch den heute Herrschenden klar, dass etwas getan werden
muss gegen das Krisengebiet Ostdeutschland. Doch die Vorschläge aus
Regierungskreisen sind alles andere als sozial oder positiv für die
Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen. Die Berater des
Bundesministers Tiefensee bezeichnen Ostdeutschland in weiten Teilen als
„verlorene Räume“. Sie empfehlen einen Rückzug aus niedergehenden
ostdeutschen Regionen, in denen dann nur noch ein Minimum an staatlichen
Leistungen gewährt werden soll.
„ Gerade in solchen Regionen ist es wichtig, entgegen der bisherigen
Praxis der Öffentlichkeit klar zu sagen, dass die grundgesetzlich
festgelegte ‚Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse‘ nicht mehr
gewährleistet werden kann“ fordert eine entsprechende Studie. Dies
heißt, dass es keine flächendeckende Versorgung mit Krankenhäusern,
Schulen oder Ämtern mehr geben soll. Forderungen, die heute in Teilen
Ostdeutschlands schon der Realität entsprechen – ein Blick auf das
Schulsterben in den ländlichen Regionen belegt dies.
Entfremdung vom System
Solche Lösungsansätze machen Angst vor der Zukunft und so ist es auch
kein Wunder, dass die Hälfte aller Ostdeutschen davon ausgeht, dass es
ihnen in den nächsten fünf Jahren schlechter gehen wird. Jeder vierte
Ostdeutsche fühlt sich laut der aktuellen Studie des Verbandes der
Volkssolidarität als Wendeverlierer. Waren es 1999 noch knapp die Hälfte
aller Befragten, die ihre eigene Situation als gut einschätzten, so sind
es heute nur noch 32 Prozent.
Nur elf Prozent der Ostdeutschen sind zufrieden mit der Demokratie und
nur knapp sieben Prozent sind zufrieden mit ihrem politischen Einfluss.
Sage und schreibe 0,4 Prozent gaben an, dass sie den Aussagen der
Politiker vor den Wahlen Glauben schenken.
39 Prozent der Ostdeutschen sind der Meinung, dass Sozialismus „auch
heute noch einen Versuch wert ist“. Angesichts solcher Erkenntnisse
stellt sich die Frage, warum die Ostdeutschen, die sich die Lügen der
SED-Bürokratie nicht länger gefallen lassen wollten, nicht auch hier und
heute den Lügen der Herrschenden eine Absage erteilen.
Widerstand und Organisation
In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung gab es eine Reihe von
harten Kämpfen in Ostdeutschland, die sich gegen die Ausplünderung und
das Plattmachen der Wirtschaft richteten – so wie 1993 der Kampf der
Kalikumpel in Bischofferode oder der erste Streik in der
Werftenindustrie gegen Tarifbruch.
Doch trotz einzelner bitter geführter Kämpfe besteht insgesamt ein
Widerspruch zwischen einem radikalisierteren politischen Bewusstsein und
einem niedrigeren Grad an Widerstand, Streiks und sozialen Bewegungen im
Osten. Das hat verschiedene Gründe.
Zum einen hat der Stalinismus über vierzig Jahre eine unabhängige
Selbstorganisation der Arbeiterklasse verhindert. Entsprechend fehlen
Traditionen des Kampfes und der Organisation, auf die die Menschen
zurück greifen könnten. Dies gilt umso mehr, da diese De-Aktivierung der
Arbeiterbewegung ‚von innen‘ kam und eine entsprechend größere Wirkung
hatte, als Repression von außen. Nach dem Zusammenbruch der
DDR-Planwirtschaft fehlten den ArbeiterInnen in Ostdeutschland vor allem
aber auch politische und ideologische Antworten auf die Offensive des
Kapitals. Die kapitalistische Marktwirtschaft wurde als einzig mögliche
Alternative präsentiert und von vielen auch so gesehen. Die Mischung aus
Hoffnung, dass die Deindustrialisierung der ersten Einheitsjahre nur
eine vorübergehende Talsohle sei, und der fehlenden Alternative musste
zu einer geringeren Kampffähigkeit führen. Nicht zuletzt aber war die
Deindustrialisierung eine materielle Schwächung der ostdeutschen
Arbeiterklasse, die ihr Selbstbewusstsein vorübergehend untergraben
musste.
Ein großer Teil des Unmuts äußerte sich in erster Linie durch wachsende
Wahlunterstützung der PDS, die als Stimme des Ostens wahrgenommen wurde.
Während der Stimmenanteil der CDU von 41,8 Prozent im Jahr 1990 auf 25,3
Prozent bei den Bundestagswahlen 2005 fiel stieg das Ergebnis der PDS
von 11,1 Prozent im Jahr 1990 auf 21,6 Prozent 1998, fiel dann ab und
erreichte in der gemeinsamen Kandidatur mit der WASG bei den
Bundestagswahlen 2005 25,3 Prozent.
Montagsdemos reloaded
2004 dann gab es eine Welle von Protesten, die ganz Ostdeutschland
erfasste. Schon der Ostmetallerstreik für die 35-Stunden-Woche im Jahr
zuvor zeigte eine hohe Kampfbereitschaft bei ostdeutschen Beschäftigten.
Der Streik ging dann für die IG Metall auch weniger im Osten verloren,
sondern wurde durch westdeutsche Betriebsratsfürsten boykottiert, die
sich gegen negative Auswirkungen des Streiks auf die Produktion in ihren
Betrieben wehrten.
Es waren dann die Hartz-IV-Gesetze, die Hunderttausende auf die Straße
trieben. Und wie sich das für einen Aufstand im Osten gehört, passierte
dies montags. Die Montagsdemos brachten in Ostdeutschland das erste mal
nach der Wiedervereinigung wieder die Menschen landesweit zusammen auf
die Straße. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass bis zu 58 Prozent
der Teilnehmenden an den Montagsdemos 2004 im Osten Beschäftigte waren.
Darüber hinaus wurde dargelegt, dass die überwiegende Mehrheit der
Teilnehmenden nach links tendierte, auch wenn die Nazis versuchten, sich
zu profilieren. Doch das gelang ihnen selten und so schnitten die Nazis
bei den auf die Montagsdemobewegung folgenden Wahlen immer dort
schlechter ab, wo die Demos groß gewesen waren.
Doch anders als im Stalinismus sind Demonstrationen im Kapitalismus für
die Herrschenden eher aus zusitzen und tangieren die kapitalistische
Wirtschaft nicht sonderlich. Die Bosse und ihre Sachverwalter in der
Regierung reagieren meist erst dann, wenn es durch Streiks an ihre
Profite geht oder der politische Druck eine solche Qualität erreicht,
dass sie Angst vor größeren Verwerfungen bekommen. 2004 wollte die
Kapitalistenklasse unter allen Umständen einen qualitativen Abbau der
sozialen Sicherungssysteme durchsetzen und die Löhne auf breiter Front
dadurch unter Druck setzen. Dazu waren sie auch bereit einen gewissen
politischen Preis zu zahlen.
Das Nicht-Agieren und Bremsen von damaliger PDS- und
Gewerkschaftsführung verhinderte, dass es zu einer Ausweitung des
Kampfes auch in die Betriebe, hin zu den Beschäftigten kam. Die Folge
war das Ende der Anti-Hartz-Bewegung, denn keine spontane Bewegung kann
endlos ihre Dynamik erhalten. Das gilt umso mehr, wenn es keine klare
Strategie und programmatische Vorstellung einer Alternative gibt.
WASG, Linkspartei.PDS, DIE LINKE
Dabei gab es sehr wohl – im gesamtgesellschaftlichem Kontext betrachtet
– einen sehr wichtigen Erfolg aus der Bewegung der
Montagsdemonstrationen: die Gründung der WASG, als Versuch eine neue
politische Interessenvertretung für Lohnabhängige und Erwerbslose zu
schaffen, die nicht wie die SPD bürgerliche Politik macht oder wie die
damalige PDS faule Kompromisse eingeht, um Regierungsposten zu erlangen.
Die Fusion mit der WASG war dann die Rettung für eine im Niedergang
begriffene PDS. Diese hatte zwar als Interessenvertretung der
Ostdeutschen in den neunziger Jahren bei Wahlen deutlich zugelegt, war
aber nie in der Lage gewesen, im größeren Umfang ArbeiterInnen,
Erwerbslose und Jugendliche zu organisieren und zu aktivieren. Während
sie im Westen niemals das Vertrauen relevanter Teile der Bevölkerung
gewinnen konnte, verlor sie immer mehr das Vertrauen und die in sie
gesetzten Hoffnungen unter den Ostdeutschen aufgrund ihrer Anpassung an
den Kapitalismus und das bundesdeutsche System. Die Tolerierung einer
SPD-Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt wurde gefolgt von
Regierungskoalitionen mit der offen pro-kapitalistischen SPD in
Mecklenburg-Vorpommern von 1998 bis 2006 und in Berlin seit 2002. In
allen Fällen bedeutete dieser Kurs Unterstützung für Sozialabbau oder
Arbeitsplatzvernichtung, eine wachsende Distanz der Partei von den
‚einfachen Leuten‘ und den sozialen Bewegungen und Gewerkschaften – und
drastische Stimmenverluste bei nachfolgenden Wahlen. Als Konsequenz flog
die PDS 2002 aus dem Bundestag, abgesehen von zwei Abgeordneten, die
Direktmandate holten. Ohne das Lebenselexier WASG und Oskar Lafontaine
wäre die PDS immer weiter zur angepassten und etablierten ostdeutschen
Regionalpartei verkommen.
Wenn die Linke versagt ... „national befreite Zonen“
Doch der Anpassungsprozess der Partei DIE LINKE, die in Ostdeutschland
weitgehend eine personelle und politische Fortsetzung der PDS ist, geht
weiter. Die zu erwartenden Regierungsbeteiligungen in Thüringen und
möglicherweise auch in Brandenburg sind Ausdruck davon.
Dies wird auch in Zukunft wieder Auswirkungen auf die Stellung der
Faschisten im Osten haben, so wie schon in der Vergangenheit das Fehlen
einer überzeugenden linken Alternative eine große Rolle beim Erstarken
der Rechtsextremen gespielt hat.
Das war schon in Sachsen-Anhalt so, wo seit 1994 eine
SPD-Minderheitsregierung durch die PDS toleriert wurde und 1998 bei den
Landtagswahlen die DVU mit dem Slogan „Diesmal Protest wählen!“ 12,9
Prozent der Stimmen erhielt und die PDS Stimmen verlor. Noch deutlicher
wurde es in Mecklenburg-Vorpommern. Dort erhielt PDS bei den
Landtagswahlen 1998 24,4 Prozent und die NPD-Ergebnisse wurden am
Wahlabend unter „Sonstiges“ geführt. Nach acht Jahren
Regierungskoalition mit der SPD, sackte die PDS bei der Landtagswahl
2006 auf 16,8 Prozent ab. Und die NPD zog mit 7,3 Prozent in den Landtag
ein. Da, wo die PDS versagte, wurden die Nazis stärker.
Und insgesamt kann man sagen, dass es das Zurückweichen von PDS und
Gewerkschaften vor der Marktwirtschaft und deren Folgen war, das es den
Faschisten überhaupt erleichtert hat, sich im Osten aufzubauen. Die
Bildung der Partei DIE LINKE, deren bundesweites Profil als linke
Oppositionspartei auch in Ostdeutschland wirkt, hat die Nazis auf der
Wahlebene etwas zurück gedrängt. Das ist eine Chance, die durch den
Aufbau einer kämpferischen sozialistischen Partei, die sich in betrieben
und Stadtteilen für die Interessen der Menschen konkret einsetzt und
verankert, genutzt werden kann. Geht DIE LINKE aber den
Anpassungsprozess weiter und beteiligt sich in mehr Bundesländern an
Sozialabbau und Arbeitsplatzvernichtung, wird die Desillusionierung mit
ihr den Faschisten neue Chancen eröffnen.
Natürlich liegt die erste Verantwortung für die faschistische Gefahr bei
einem kapitalistischen System, das Massenarbeitslosigkeit, Armut und
Perspektivlosigkeit produziert und zudem noch durch Parteien und Medien
selber eine rassistische Spaltung in die Bevölkerung treibt, an der die
Faschisten ansetzen können. Aber ein gemeinsamer Kampf von
Lohnabhängigen und Erwerbslosen gegen die Folgen der kapitalistischen
Vereinigung könnte die Nazis zurück in ihre Rattenlöcher treiben.
Aufbau Ost nicht mit Kapitalismus
Der Osten Deutschlands bleibt für die herrschende Klasse aber ein
‚unsicherer Kantonist‘, es ist die Region mit dem größten Potenzial für
eine starke sozialistische Bewegung. Diese könnte aufgebaut werden, wenn
eine linke Partei statt auf Anpassung auf Widerstand und offensiver
Propagierung einer sozialistischen Alternative setzen würde.
Dabei muss ein spezielles Forderungsprogramm für die Entwicklung des
Ostens aufgestellt werden. Dazu muss gehören:
* Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
* Sofortige Angleichung der Arbeitszeiten und -bedingungen
* Sofortige Angleichung aller sozialer Leistungen, weg mit Strafrenten
und anderen Diskriminierungen
* Schluss mit den Subventionen in die Taschen der privaten Konzerne
* Statt Solizuschlag bezahlt von westdeutschen Lohnabhängigen – ran an
die Profite der Banken und Konzerne und die Milliarden der Superreichen
zur Finanzierung eines massiven öffentlichen Investitionsprogramms unter
Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung zur wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklung Ostdeutschlands
* Enteignung aller Betriebe, die Entlassungen durchführen und
Fortführung der Produktion unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung
gewählter Belegschaftskomitees und von VertreterInnen der arbeitenden
Bevölkerung
Letztlich aber ist eine lebenswerte Zukunft für die Menschen in
Ostdeutschland untrennbar verbunden mit dem Kampf für eine lebenswerte
Zukunft im ganzen Land. Einen langfristigen und nachhaltigen Aufbau Ost
kann es im Kapitalismus nicht geben. Dieser bedarf eine – diesmal
tatsächliche – sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.
Christine Lehnert ist Bürgerschaftsabgeordnete der SAV in Rostock.
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