Ausbildungsumlage statt Ausbildungsplatzabgabe?
[Druckversion] Thema: Jugend, Debatte, Ausbildung, Solidarität 86, veröffentlicht: 13.01.2010
Ausbildungsplätze sind Mangelware
Hunderttausende Ausbildungsplätze fehlen. Im Jahr 2007 standen 625.885
Jugendlichen, die eine Lehrstelle ergattern konnten, 668.227 gegenüber,
die in so genannten „Qualifizierungs- und Förderungsmaßnahmen“ geparkt
wurden (Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung).
Seitdem hat sich die Lage noch verschärft. Im Krisenjahr 2009 standen
insgesamt nur 408.439 betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung; es
wurden 9,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge als im Vorjahr
abgeschlossen. Weniger als ein Viertel aller Betriebe bildet überhaupt
aus. 25 Prozent der Unternehmen geben an, die Zahl der Lehrstellen
weiter reduzieren zu wollen.
Vor diesem Hintergrund fordern die Gewerkschaften eine
Ausbildungsumlage. Oft wird dieser Begriff mit der
Ausbildungsplatzabgabe durcheinander gebracht. Im Gegensatz zur Abgabe
meint die Umlage aber, dass Unternehmen, die nicht ausbilden, in einen
Ausbildungsfonds (bevorzugt der jeweiligen Berufsgenossenschaft)
einzahlen sollen. Aus diesem Fonds werden dann gerade die ausbildenden
Betriebe unterstützt.
Mit der Forderung nach einer Abgabe sollen ebenfalls Unternehmen, die
nicht ausbilden, zur Kasse gebeten werden. In diesem Fall werden aber
nicht einfach ausbildende Betriebe subventioniert. Zumal gerade die
privaten Unternehmen heute Azubis beschäftigen, die sich davon einen
Nutzen, sprich Profit versprechen. Vielmehr sollen mit der Abgabe –
anders als bei der Umlage – neue Ausbildungsplätze im Öffentlichen
Dienst geschaffen werden.
PRO:
Thorsten Schmidt, Vorsitzender der DGB-Jugend Saar
Holger Meuler, DGB-Landesbezirk Saar
Derzeit bilden in Deutschland gerade einmal knapp 23 Prozent der
Betriebe im Dualen System [Berufsschule und Betrieb] aus. Das ist ein
Skandal! Der Exportschlager „Duale Ausbildung“ wird von der deutschen
Wirtschaft aufgrund vorgeschobener Kostendebatten vernachlässigt.
Ausbildung koste zu viel, gesetzliche Einschränkungen machten den
Einsatz von Auszubildenden unrentabel – viele weitere solcher
Scheinargumente werden in Arbeitgeberreihen gern aufgelistet.
Die Wahrheit jedoch sieht anders aus. Das Bundesinstitut für Berufliche
Bildung (BiBB) untersucht in regelmäßigen Abständen die Kosten der
Berufsausbildung. Diese Untersuchung belegt, dass Ausbildung in der
Regel für die Betriebe einen direkten monetären Ertrag bringt. Klar, es
gibt Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausbildungsberufen und
Branchen, aber im Großen und Ganzen ist das Ergebnis klar: Nach einer
sachlichen Analyse der Kosten-Nutzen-Rechnung ist eindeutig
festzustellen, dass die Vorteile für die ausbildenden Betriebe alle bei
einer Fachausbildung anfallenden Kosten weit in den Schatten stellen.
Selbst in Zeiten der (selbst verursachten) Krise wissen die Betriebe
genau, dass sie ein Fachkräftemangel erwarten wird. Und dies vor dem
Hintergrund, dass jährlich über 200.000 Jugendliche bei der Suche nach
einem Ausbildungsplatz leer ausgehen.
Bereits 1980 hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die
Wirtschaft „ein auswahlfähiges Angebot zur Verfügung stellen muss“. Seit
dieser Zeit kämpft die DGB-Jugend verstärkt für die Ausbildungsumlage.
Das System ist relativ einfach erklärt: Betriebe, die nicht ausbilden
oder nicht ausreichend ausbilden (hier ist noch die Frage, wie hoch die
Ausbildungsquote sein muss: sechs oder zehn Prozent?), zahlen den
Betrag, der gemäß der Berechnungen des BiBB die fehlenden
Ausbildungsplätze kosten würde. Somit würde verhindert, dass sich die
Betriebe „freikaufen“, so wie es leider oft bei der so genannten
„Schwerbehindertenabgabe“ passiert. Außerdem würde durch diese Koppelung
eine Gerechtigkeit geschaffen, die die realistischen Kosten der
Berufsausbildung widerspiegelt. Mit den eingezahlten Geldern könnten
dann Betriebe refinanziert werden, die über der festegelegten
Ausbildungsquote ausbilden, oder es könnten außerbetriebliche
Ausbildungseinrichtungen unterstützt werden. Allerdings ist auch klar,
dass die Finanzierung betrieblicher Ausbildung Vorrang vor
außerbetrieblicher Ausbildung haben muss.
Dieses „Umlagesystem“ funktioniert schon seit Jahrzehnten in
unterschiedlichen Branchen, zum Beispiel im Baugewerbe oder bei den
Schornsteinfegern. Warum also nicht auch in der gesamten Wirtschaft?
Bei einer Ausbildungsabgabe, die nicht an die Kosten der Ausbildung
gekoppelt ist, ist ebenfalls nicht geregelt, was mit den eingenommenen
Geldern passiert. Dies birgt die Gefahr der Beliebigkeit. Außerdem
könnte sich die Wirtschaft ebenso „freikaufen“, wie es – wie bereits
erwähnt – eben bei der „Schwerbehindertenabgabe“ geschieht.
Durch ein System der Ausbildungsumlage könnte letztendlich auch eine
Steuerung von zukunftsträchtigen Ausbildungsberufen erfolgen und sogar
die Berufswahlorientierung verbessert werden. Dadurch könnte bei einem
dann vorhandenen und wirklich auswahlfähigen Angebot jede und jeder
Jugendliche den Ausbildungsplatz bekommen, den er oder sie auch möchte.
Mit dieser Maßnahme könnte Ausbildungsabbrüchen aufgrund einer viel zu
geringen Auswahl an Ausbildungsplätzen vorgebeugt werden.
Bisher hat es einige Versuche gegeben, die Ausbildungsumlage gesetzlich
zu regeln, zuletzt durch die SPD, als diese noch in der
Regierungsverantwortung stand. Allerdings scheiterte dieser
Gesetzesentwurf an der nötigen Mehrheit im Bund. Es wurde stattdessen
der Ausbildungspakt gegründet, der jedoch ohne finanzielle Sanktionen
agiert, da er lediglich auf Versprechungen der Wirtschaft und deren
Unternehmen basiert. Durch geschönte Statistiken werden den Bürgerinnen
und Bürgern angebliche Erfolge dieses Ausbildungspaktes suggeriert.
Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung und der Verhinderung von
Schmalspurausbildungen fordern wir, dass die Ausbildungsumlage möglichst
bald eingeführt wird. Auch der selbst verursachte Fachkräftemangel
könnte noch verhindert werden. Doch die Wirtschaft zahlt das vorhandene
Kapital an die AktionärInnen aus, anstatt es in Ausbildung zu
investieren. Nicht zuletzt dadurch wird die Umsetzung der
Ausbildungsumlage verhindert.
CONTRA:
Krischan Friesecke, erwerbsloser Gebäudereiniger, IG-BAU- und
SAV-Mitglied
Wie können ausreichend Ausbildungsplätze geschaffen und ein
Ausbildungsplatz für jeden im erwünschten Beruf ermöglicht werden? Die
von den Gewerkschaften geforderte Ausbildungsplatzumlage ist der falsche
Weg. Schließlich soll das – von Unternehmen, die nicht oder zu wenig
ausbilden in einen Fonds eingezahlte – Geld den ausbildenden Betrieben
zu Gute kommen. Unternehmer werden hier also mit den Fondsmitteln noch
dafür belohnt, dass sie ausbilden. Auf diesem Weg würden vor allem die
Profite der Kapitalisten erhöht, aber nicht anständig bezahlte
Ausbildungsplätze geschaffen.
Gern wird das Baugewerbe als Beispiel angeführt. Dort wird den
ausbildenden Betrieben durch andere etwa ein Drittel der Kosten
erstattet, die ein Lehrling verursacht. Hier werden Unternehmen durch
eine Reduzierung der Ausbildungskosten gelockt – statt dafür
einzutreten, dass diese Unternehmen gute Ausbildungsplätze in
ausreichender Zahl anbieten müssen.
Sicher könnte eine Ausbildungsumlage auch Unternehmer anregen,
zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Die Frage ist aber gerade,
welche Qualität diese Ausbildungsplätze hätten. Schon heute sind
Auszubildende oftmals billige Arbeitskräfte. Erschreckende Beispiele
finden sich bei der Online-Beratung des Projekts „Dr. Azubi“.
Die Ausbildungsplätze, die durch eine Umlage geschaffen würden, wären in
der Mehrzahl Schmalspurausbildungen, in denen die Jugendlichen nicht
viel lernen. Kaum ein Unternehmer (sicher gibt es auch einige Ausnahmen)
ist an einer qualitativ hochwertigen Ausbildung interessiert, die
übergroße Mehrheit will stattdessen kurzfristig möglichst viel Gewinn
aus billigen Arbeitskräften ziehen. Mit der Umlage würde diesen
Unternehmern über ihre bisherigen Gewinne hinaus noch zusätzlich Geld
zur Verfügung gestellt.
Auch andere Vorschläge des DGB, wie beispiels-weise die Kürzung von
Azubi-Vergütungen zur Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen, sind
abzulehnen. So wurden in der Vergangenheit beispiels-weise in der Eisen-
und Stahlindustrie in Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen mehr
Ausbildungsplätze geschaffen und dafür die Azubivergütungen eingefroren.
In der Chemiebranche ließ sich die IG BCE darauf ein, zugunsten der
Auszubildenden Abstriche bei den sonstigen Forderungen für die
Beschäftigten zu machen. Einen solchen Kuhhandel darf es nicht geben.
Um die fehlenden Ausbildungsplätze zu schaffen und Wahlfreiheit zu
ermöglichen, ist eine Ausbildungsabgabe und die Schaffung von
zusätzlichen Ausbildungsplätzen im Öffentlichen Dienst notwendig. Wer
nicht ausbildet, muss zahlen! Um die Urheber der Misere zur
Verantwortung zu ziehen, müssen Unternehmen, die weniger als zehn
Prozent (gemessen an der Beschäftigtenzahl von 2008) ausbilden, eine
Abgabe in Höhe von 25.000 Euro pro Jahr und Ausbildungsplatz aufbringen.
25.000 Euro sind erstmal eine Orientierung, zusammengesetzt aus 18.000
Euro für Entlohnung und die restlichen Mittel für Meister,
Ausbildungsleiter und Arbeitsmaterial.
Eine Ausbildungsquote in Höhe von zehn Prozent ist nötig, damit
Jugendliche eine freie Wahl haben und nicht irgendeine Ausbildung
aufgedrückt bekommen.
Neue Ausbildungsplätze würden durch die Abgabe im Öffentlichen Dienst,
fernab von unternehmerischer Willkür, geschaffen werden. Heute kann fast
jeder Lehrberuf im Öffentlichen Dienst angeboten werden. Viele Bereiche,
in denen heute privat ausgebildet wird, waren vormals staatlich. Das
trifft beispielsweise auch auf die Gebäudereinigerbranche zu, in der ich
meine Ausbildung absolviert habe. In der Ausbildung wurde mir
beigebracht, wie ich möglichst schnell arbeiten soll, um so viel
Reinigungsfläche wie möglich zu schaffen. Die Qualität der Arbeit und
der Ausbildung haben dabei ganz schön gelitten. Wäre die Ausbildung im
öffentlichen Bereich gewesen, hätte es diesen Zeitdruck nicht gegeben.
Während die Qualität in der Privatwirtschaft oftmals leidet, muss das im
Öffentlichen Dienst anders aussehen. Wir brauchen einen
hochqualifizierten öffentlichen Ausbildungssektor, der den Jugendlichen
die Zeit und den Raum gibt, wirklich zu lernen und sich zu entwickeln.
Profitinteressen haben in der Ausbildung nichts zu suchen. Privatisierte
Bereiche müssen rekommunalisiert, der Stellenabbau im Öffentlichen
Dienst muss rückgängig gemacht werden. Zum Beispiel wurde in Berlin in
den letzten acht Jahren unter dem SPD/LINKEN-Senat fast die Hälfte aller
Stellen in den Bezirksämtern weggekürzt.
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