Religion und Gesellschaft
[Druckversion] Thema: Religion, veröffentlicht: 30.11.2009
Über die Bedeutung der Religion in der heutigen Zeit und die Haltung von
MarxistInnen
In Großbritannien fördert New Labour „Glaubensschulen“, in den Medien
wird über das Zeigen religiöser Symbole und das Tragen entsprechender
Kleidung diskutiert, es gibt den „Krieg gegen den Terror“ und den
politischen Islam, in Birma wurde die Bewegung der buddhistischen Mönche
„Safranrevolution“ getauft… all das sind Beispiele für die häufige
Präsenz von Religion und damit verwandten Themen in den heutigen
Schlagzeilen. Wie The Economist kürzlich schrieb: „Heutzutage ist
Religion ein unausweichliches Thema der Politik“.
von Niall Mulholland (Komitee für eine Arbeiterinternationale)
Im 19. und 20. Jahrhundert haben die religiösen Institutionen mehr und
mehr an Einfluß und Macht verloren. Die Gesellschaften wurden
modernisiert und verweltlicht, und große Teile der Bevölkerung leben
inzwischen in Städten. Die organisierte ArbeiterInnenbewegung wurde zu
einer ernsthaften Bedrohung für die herrschende Klasse und mit ihr die
etablierten prokapitalistischen Kirchenhierarchien.
Die Situation heute ist komplex und widersprüchlich. In Großbritannien
haben geschätzte 36 Prozent (17 Millionen Erwachsene) „eine
humanistische Grundhaltung“ (British Humanist Association). Eine 2004
durchgeführte Studie ergab, dass 44 Prozent der Bevölkerung an Gott
glaubten und 35 Prozent „seiner Existenz widersprechen.“ Aber dennoch
machten in der Volkszählung 2001 sieben von zehn BewohnerInnen
Großbritanniens ihr Kreuz bei „christlich“, als es um den Glauben ging.
Atheismus-Bücher wie The God Delusion (Der Gotteswahn) von Richard
Dawkins sind internationale Bestseller. Und doch sind es jeden Sonntag
mehr als eine Million Menschen, die an den Gottesdiensten der Church of
England teilnehmen. Und dazu gehören auch extrem ausgebeutete
Immigranten aus ärmeren Ländern.
Während es auf der Welt mindestens 500 Millionen „erklärte
Nichtgläubige“ gibt, zählen die Hauptreligionen 2,1 Milliarden Christen,
1,5 Milliarden Muslime, 900 Millionen Hindus, 376 Millionen Buddhisten
und 23 Millionen Sikhs sowie Millionen von Anhängern anderer Religionen
und Glaubensrichtungen. Angehörige der vier größten Religionen machten
im Jahr 1900 rund 67 Prozent der Weltbevölkerung aus, 2005 war dieser
Anteil auf 73 Prozent gestiegen, und wenn sich der aktuelle Trend
fortsetzt, wären es 2050 ungefähr 80 Prozent.
Zwar sind organisierte, „traditionelle“ Kirchen in vielen Ländern auf
dem absteigenden Ast, aber dafür wachsen andere Kirchen und Religionen
schnell. Die katholische Kirche wird von Sex-Skandalen geschüttelt und
verliert in vormaligen Hochburgen wie Spanien, Italien und Irland viele
AnhängerInnen, so dass die Beteiligung an den wöchentlichen Messen auf
unter 20 Prozent gefallen ist. Die Church of England und anglikanische
Gemeinden weltweit sind am Punkt der Aufnahme schwuler und lesbischer
Priester und bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehen gespalten. In den USA
sind 35 episkopale (= anglikanische, d.Ü.) Kirchen zur Position von
Nigerias Bishop Akinola übergelaufen, der sich offen gegen schwule Ehen
ausgesprochen hat.
Gleichzeitig gewinnen evangelikale Kirchen (fundamentalistische
Christen, A.d.Ü) viele neue Mitglieder, vor allem in Afrika,
Lateinamerika, Westeuropa und Teilen Asiens. Evangelikale, Charismatiker
(v.a. Freikirchen, A.d.Ü) und Pentekostale (Pfingstbewegung, A.d.Ü)
machten im Jahr 2000 rund 8 Prozent der europäischen Bevölkerung aus,
was fast einer Verdoppelung des Anteils in den 70er Jahren entspricht.
In den brasiliansichen Favelas breitet sich die Pfingstbewegung rapide
aus. In Südkorea wächst sie um 3.000 Leute pro Monat – in Seoul sind 5
Prozent der Stadtbevölkerung Mitglied.
Auch der Islam wächst schnell, vor allem im Nahen Osten, in Asien, im
subsaharischen Afrika und in Minderheitengemeinden in den westlichen
Industrienationen. Die in Ostlondon geplante „Mega-Moschee“ wird 12.000
Menschen fassen – das fünffache der St Paul’s-Kathedrale.
Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Russen bezeichnen sich als
russisch-orthodox, ein großer Anstieg seit dem Zusammenbruch der
Sowjetunion 1991. Und: „Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, wird
China das größte christliche Land der Welt werden – und vielleicht auch
das größte muslimische“, schrieb der Economist am 3. November 2007.
Auch in Indien steigt die Anzahl von Christen, teilweise aufgrund von
Übertritten ehemals unterdrückter Hindus, den so genannten
„Unberührbaren“. Als Reaktion haben mehrere indische Bundesstaaten
„Anti-Konvertierungs“-Gesetze erlassen.
Religiöse Ideen haben weiterhin starken Einfluß, auch in den USA, dem
fortgeschrittensten kapitalistischen Land. Obwohl der Anteil der
US-Bürger, die angeben, „keine religiöse Präferenz“ zu haben, bei 14
Prozent liegt (bei jungen Leuten sind es 20 Prozent), gehen geschätzte
40% der Bevölkerung jede Woche in die Kirche. Ungefähr die Hälfte denkt,
ihr Land sei „von Gott besonders gesegnet“, und 48 Prozent meinen, „Gott
schuf die Menschen in ihrer derzeitigen Form“ in den letzten 10.000
Jahren.
Des weiteren werden viele Regionen der Welt von religiösen Spaltungen
und Konflikten - oder solchen, die mit Religion zu tun haben -
heimgesucht. „Von Nigeria bis Sri Lanka, von Tschetschenien bis Bagdad
wurden und werden Menschen im Namen Gottes abgemetzelt.“ (The
Economist). Sektiererische Spaltungen zwischen schiitischen und
sunnitischen Muslime sind im Irak seit der US-geführten Invasion
explosionsartig gewachsen und haben enormes Blutvergießen verursacht.
Warum haben Menschen religiöse Überzeugungen?
Manche aufgeklärt-bürgerlichen Kommentatoren finden es unerklärlich,
dass Menschen angesichts der Wunder der modernen Wissenschaft und
unseres besseren Verständnisses der Natur noch religiöse Überzeugungen
haben können, insbesondere fundamentalistische kreationistische Ideen.
Aber es gibt viele Faktoren, die auf die Religiösität einwirken,
darunter die Gesellschaft, Klasse, Geschichte, „Tradition und Kultur“,
Identität und Politik.
Vor über 100 Jahren hat Karl Marx in brillanter Weise den Kern der Sache
getroffen, als er Religion beschrieb als „Stoßseufzer der unterdrückten
Kreatur, Herz einer herzlosen Welt, Seele in seelenlosen Zuständen.“
In unserer materialistischen Gesellschaft mit ihrem
Ellenbogenkapitalismus – einer Welt voller Kriege, Armut,
Analphabetismus und wirtschaftlicher Instabilität – bieten die
Religionen vielen Menschen ein Schlupfloch. Die sonntäglichen
Gottesdienste oder die freitäglichen Gebete bieten gemeinschaftliche
Tröstung im Gegensatz zum grassierenden kapitalistischen
Individualismus. In den heruntergekommenen Innenstädten und in
Kleinstädten sind es häufig die Kirchen, welche den durch
jahrzehntelange Sozialkürzungen hart getroffenen Familien konkrete
Sozialhilfe leisten.
Die von evangelikalen Kirchen angebotene „Gewissheit“ ist angesichts der
unberechenbaren Welt ein Grund für ihr starkes Wachstum. Für Muslime,
die in der westlichen Welt leben und täglich mit Bigotterie,
Diskriminierung, Repression und Superausbeutung konfrontiert werden,
bietet ihre Religion eine Art Gemeinschaft und Identität. Junge
muslimische Frauen tragen oftmals Kopftücher, die von der
Immigrantengeneration ihrer Eltern noch abgelehnt wurden. In
mehrheitlich islamischen Ländern wird der Islam als Trutzburg gegen die
Ausbreitung der imperialistischen westlichen Macht und Kultur gesehen.
Der Zuwachs der Religionen, Kulte und Aberglauben ist auch eine Folge
des Niedergangs des Organisationsgrades der Arbeiterklasse und der
sozialistischen Bewegungen in den letzten Jahrzehnten, insbesondere nach
dem Zusammenbruch des Stalinismus. Eine starke sozialistische
ArbeiterInnenbewegung kann hingegen der Arbeiterklasse und den Armen
eine brauchbare Alternative zu den blinden, anarchischen Kräften des
Kapitalismus bieten und sie aus der sozialen, kulturellen und
ideologischen Sackgasse des Profitsystems herausführen.
Neue Religionen und Mystizismen, wie die “New Age-Welle”, kamen in den
westlichen Industrieländern auf und zeigten, wie groß die Entfremdung
vom modernen Kapitalismus bei den Mittelklassen und den ArbeiterInnen
ist – die Menschen suchten eine Alternative zum Profitsystem. Sogar im
angeblich „kommunistischen“ China haben Kulte wie Falun Gong Wurzeln
geschlagen. Diese Sekte traf den Nerv von Millionen ChinesInnen, denen
es immer schlechter geht.
Das Wachstum des politischen Islam wird durch die schrecklichen sozialen
und wirtschaftlichen Bedingungen verursacht, in denen Millionen Muslime
leben. Massenorganisationen der ArbeiterInnen wie die kommunistischen
Parteien versagten bei der Durchführung der sozialistischen Revolution
im Nahen Osten und in Asien. Der politische Islam – der im kalten Krieg
vielerorts durch die westlichen Mächte ermutigt und gefördert wurde und
den auch die saudischen Öleinnahmen anheizten, um wahhabitische
Auslegungen des Islams voranzutreiben – füllt teilweise die Lücke aus,
die das Scheitern der Linken und des arabischen Nationalismus gerissen
haben. Er ist eine opportunistische Ausdrucksmöglichkeit für wütende
Muslime, welche durch die Armut und Unterdrückung, die sie durch
diktatorische Regime und durch den Imperialismus erfahren, gedemütigt
werden.
Wie entstehen Religionen?
In den frühesten menschlischen Gesellschaften
(Jäger-und-Sammler-Wirtschaften) spiegelten „magisch-religiöse“
Überzeugungen den Versuch wider, Phänomene zu erklären, die einen großen
Einfluß auf das Leben der Menschen hatten: Feuer, Wechsel der
Jahreszeiten, astronomische Ereignisse, Naturkatastrophen, die
Wanderungsbewegungen von Tierherden…
Als sich diese frühen Gesellschaften zu Klassengesellschaften
entwickelten, entstand eine privilegierte Schicht von Priestern und
Magiern. Besondere Institutionen, Ideen und Moralvorstellungen
entstanden, um die neue soziale und wirtschaftliche Ordnung zu
rechtfertigen. Religionen wurden zur ideologischen Rechtfertigung für
die Verslavung der Mehrheit der Menschen, denen als „Belohnung“ für das
auf der Erde erlittene Elend ein Leben nach dem Tode versprochen wurde.
Aber Marx wies auch darauf hin, dass Religion neben der Flucht vor dem
Elend und der Armut auf der Welt auch ein Protest dagegen ist. Das
Christentum war ursprünglich eine revolutionäre Massenbewegung gegen
priesterliche Ausbeuter und das Römische Imperium. Aber die Elemente von
Klassenzorn wurden bald entfernt, und als römische Staatsreligion wurde
das Christentum dazu benutzt, die unteren Schichten zur Akzeptierung
ihrer Lebensumstände zu bringen.
Die protestantische Reformation reflektierte die Erhebung der neuen
Kapitalistenklasse gegen den im Niedergang befindlichen Feudalismus, zu
dessen Hauptpfeilern die mächtige Kirche gehörte. Dennoch ließen die
neuen europäischen kapitalistischen Mächte den Kirchen gewisse Macht und
Einfluß, um die arbeitenden Massen dort zu halten, „wo sie hingehörten“.
Und im aufkommenden Imperialismus wurde die christliche Ideologie
benutzt, um die kolonialen Völker zu unterjochen.
Um ihre Macht und Privilegien zu verteidigen, schlugen sich die
Kirchenspitzen offen auf die Seite der Ausbeuter und der
Großkapitalisten. Die katholische Kirche unterstützte Mussolini in
Italien und Hitler in Deutschland. Evangelikale Kirchen unterstützten in
Lateinamerika in den 1970ern und 1980ern verschiedenste rechte
Diktatoren.
Aber SozialistInnen erkennen an, dass es einen himmelweiten Unterschied
gibt zwischen der Religion der Armen – beispielsweise der armen Muslime
im Nahen Osten – und dem „Glauben“ der herrschenden Klassen –
beispielsweise der diktatorischen arabischen Regimes. Für die
herrschende Klasse dient Religion dem „Teile und Herrsche“ über die
arbeitenden Menschen und der Ruhigstellung der Massen.
Religion und der Staat
Die heutigen Vertreter der herrschenden Klasse, wie George Bush und
Gordon Brown, identifizieren ganz offen das Christentum mit dem
Kapitalismus des „freien Marktes.“ Die etablierte Church of England
wurde sogar als „die Tory-Partei beim Gebet“ bezeichnet. Und Bush hat
Gott als einen seiner Gründe bezeichnet, den Irak zu überfallen.
Trotz der Tatsache, dass die „Gründerväter“ der USA die Trennung von
Kirche und Staat in den Verfassungsrang erheben wollten, versucht Bush
mit dem Banner der rechten christlichen Ideologie, seinen
Unterstützerkreis zu verbreitern.
Er unterstützte eine Verfassungsänderung, die schwule Hochzeiten in den
USA verbieten sollte. Während seiner Präsidentschaft wurden die
Finanzhilfen für rechte christliche Organisationen massiv aufgestockt,
unter anderem durch die Förderung von „glaubensbasierten“
Schulprogrammen und der bibelkreationistischen „Intelligent
Design“-Bewegung. Letzten Juni legte Bush sein Veto gegen ein Gesetz
ein, welches der Stammzellenforschung mehr Bundesmittel zur Verfügung
gestellt hätte, und berief sich dabei auf seine christlich-“ethischen“
Sorgen – obwohl die Stammzellenforschung die Möglichkeit essentieller
wissenschaftlicher Durchbrüche bietet, die zur Heilbarkeit mehrerer
Krankheiten führen können. Die mächtige „religiöse Rechte“ der
US-Christen wird jetzt auch in anderen Länderen kopiert, zum Beispiel
durch die südkoreanische „Neue Rechte“-Bewegung mit 200.000 Anhängern,
die einen rechtsgerichteten Präsidentschaftskandidaten unterstützt.
SozialistInnen sind gegen jedwede staatlichen Privilegien für irgendeine
Religion, wie zum Beispiel die 26 Sitze im nicht gewählten House of
Lords, welche Bischöfen der Church of England zugeteilt sind. Wir
fordern die vollständige Trennung von Kirche und Staat und die Rücknahme
aller Gesetze, die – wie diejenigen zur Blasphemie – Menschen im
Zusammenhang mit Religion bestrafen.
Seit dem 11. September machen dem Großkapital nahestehende Parteien in
den westlichen Industrienationen Stimmung gegen Muslime und gegen
Immigranten, um sie als Sündenböcke für die sozialen und
wirtschaftlichen Probleme in der kapitalistischen Gesellschaft
darzustellen. SozialistInnen kämpfen gegen jede Art von Diskriminierung,
ob wegen Religion, Geschlecht, Rasse, Nationalität und so weiter. JedeR
sollte das Recht haben, seine/ihre Religion zu praktizieren – oder gar
keine. Der Ausgangspunkt für SozialistInnen ist der Kampf um die Einheit
der ArbeiterInnen und für Sozialismus. Um die Gesellschaft zu verändern,
muss sich die Arbeiterklasse, einschließlich der religiösen
ArbeiterInnen, unter einem sozialistischen Programm vereinen.
Gleichzeitig kämpfen SozialistInnen gegen reaktionäre religiöse Führer
und Gruppen, insbesondere, wenn diese die Rechte von Frauen und der
Jugend attackieren. Die römisch-katholische Kirche wird von einem sehr
konservativen Papst geführt, der Verhütungsmittel, Scheidung,
Abtreibungen und gleiche Rechte für Schwule und Lesben ablehnt. Der
russisch-orthodoxe Patriarch Alexei II. beschreibt Homosexualität als
„Sünde und Krankheit“ - und die körperlichen Angriffe auf Schwule und
Lesben nehmen in Russland zu. Frauen in „islamistischen Staaten“ wie
Saudi-Arabien werdem besonders schlimm unterdrückt.
Religion und der Kampf der unterdrückten Massen
Religion hat soziale Wurzeln und reagiert somit auf die Klassenkämpfe.
Die Kirchen können, insbesondere in der neokolonialen Welt, mit
hineingezogen werden. In Lateinamerika ist die Befreiungstheologie ein
Instrument für die niederen Ränge der katholischen Kirche, sich für die
Interessen der Armen und Unterdrückten einzusetzen – in der
sandinistischen Regierung im Nicaragua der 80er Jahre waren vier
Priester. Für dieses Eintreten werden sie oft von den lokalen Regimes
und von der Establishment-freundlichen vatikanischen Hierarchie
angegriffen. Heutzutage sind „linkslastige amerikanische Evangelen“
„besorgter über Globalisierung“, kommentiert der Economist, und
„Evangelikale unterstützen linke AktivistInnen in einigen der ärmeren
Regionen Brasiliens.“
Junge buddhistische Mönche in Burma, die vor allem aus den ärmeren
Bevölkerungsschichten kommen, waren bei den Protesten gegen das brutale
burmesische Regime im September 2007 in vorderster Front dabei. Teile
der buddhistischen Hierarchien wurden hingegen von der Militärjunta ins
Regime kooptiert, was „die jüngeren Mönche empörte und entfremdete.“
(International Herald Tribune, 1. Oktober 2007)
Aber die Theologie der Befreiung und andere religiöse Ideologien haben
die ArbeiterInnen nicht aus der sozialen und wirtschaftlichen
Unterdrückung befreit. Und in den letzten Jahrzehnten sind vormals
radikale christliche Organisationen „zunehmend von einer generellen
Opposition zum Kapitalismus dazu übergegangen, seine Exzesse
einzudämmen.“ (The Economist, 3. November 2007) Auch wenn viele Leute
aus vollem Herzen die christlichen „fair trade“- (fairer Handel, A.d.Ü)
und „ArbeiterInnenrechte“-Kampagnen unterstützen wollen – es braucht
mehr als solche Flickenteppiche, um alle Übel des Kapitalismus zu
heilen. Nämlich den Aufbau machtvoller unabhängiger Parteien der
Arbeiterklasse und der Armen mit sozialistischen Programmen, welche
ArbeiterInnen aus allen Schichten im Widerstand gegen den Kapitalismus
vereinen.
Millionen von Muslimen sehen im politischen Islam eine Lösung für Arbeit
und Unterdrückung. Er umfasst ein sehr breites Spektrum: Von der Hamas
(Islamische Widerstandsbewegung) im Gaza-Streifen über die Hisbollah
(Partei Gottes) im Libanon bis zur großkapitalistischen,
„postislamistischen“ AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung), die
in der Türkei an der Regierung ist. Ein extrem entfremdeter Teil junger
Muslime, davon einige auch in den westlichen Insutrieländern,
orientieren sich sogar am Terrorismus so reaktionärer Gruppen wie Al
Qaida. Islamistische Schulen in Pakistan, die Madrassas, welche vom
Westen der Heranziehung neuer Generationen von „Jihad-Kämpfern“
beschuldigt werden, sind oftmals die einzige Möglichkeit für arme
Familien, ihren Kindern eine reale Ausbildungsperspektive zu bieten.
Aber alle Formen des politischen oder „radikalen“ Islam werden sich als
schwere Enttäuschung für die Massen herausstellen, weil sie keinen Bruch
mit dem Profitsystem und der Klassenausbeutung darstellen. Die Massen
führten Ende der 1970er eine Revolution im Iran durch, welche das
verhasste Schah-Regime stürzte – und sahen sie in der Sackgasse der
Mullah-Herrschaft enden. Das schreckliche Leben im Afghanistan der
Taliban zeigte, dass der fundamentalistische Islam keine Lösungen bereit
hält. Auf der anderen Seite des Spektrums setzt die „gemäßigt
islamistische“ AKP-Regierung in der Türkei eine schonungslos neoliberale
Politik, die vor allem die Armen trifft, durch.
Religion und Sozialismus
Vor neunzig Jahren wurde durch die Russische Revolution der erste
ArbeiterInnenstaat geschaffen. Das war nur möglich, weil die Bolschewiki
die Masse der vom Zarismus unterdrückten ArbeiterInnen und Bauern – aus
verschiedensten Völkern, Millionen von ihnen religiös – für sich
gewonnen hatten.
Im Vorfeld der Revolution entwickelte Lenin eine prinzipielle und
feinfühlige Herangehensweise an Religion. Er schrieb 1905: „Der Staat
darf sich nicht mit Religion beschäftigen, und religiöse Gesellschaften
dürfen nicht mit dem Staat verquickt sein. JedeR muss absolut frei sein,
die Religion auszuüben, welche er oder sie möchte, oder gar keine.“
Lenin verurteilte auch die „pseudo-revolutionäre Ansicht, dass Religion
in einer sozialistischen Gesellschaft verboten würde.“ Solch eine
Herangehensweise wäre eine Ablenkung vom politischen Kampf und würde die
Religionen nur stärken.
Lenin stellte zwar klar, dass der Marxismus die materialistische
Weltsicht vertritt, aber die Reihen der Bolschewiki waren auch für
religiöse Mitglieder offen. An erster Stelle standen aber die konkreten
Forderungen des Klassenkampfes. Dieser umfassende Ansatz Lenins und der
Bolschewiki ermöglichte es der Oktoberrevolution, die religiösen und
abergläubischen Bauernmassen aufzuwecken. Geschätzte 15 Prozent der
Parteimitglieder in Zentralasien waren islamischen Glaubens.
Der obszöne Reichtum der russischen orthodoxen Kirche, deren Führer sich
mit der gnadenlosen kapitalistischen Konterrevolution verbündeten, wurde
in Staatshände genommen, um der ganzen Bevölkerung zu dienen. Das durch
die noch junge Sowjetunion 1918 erlassene Dekret zur „Freiheit des
Bewußtseins und der religiösen Organisationen“ schaffte die enormen
Subventionen und Privilegien des zaristischen Regimes für die orthodoxe
Kirche komplett ab. Ihr wurde der Status einer freiwilligen Gesellschaft
gegeben, die für ihre Aktivitäten Beiträge ihrer Mitglieder annehmen
konnte. Das Dekret gab auch vorher verfolgten religiösen Sekten größere
Freiheiten. Die Bolschewiki führten auch Bildungskampagnen durch, in
denen fortschrittliche Ideen, Kultur und Wissenschaft vermittelt wurden.
Aber Lenin und Trotzki hatten immer sehr viel Gespür für die religiösen
Gefühle der Armen und Unterdrückten.
Eine sozialistische Gesellschaft würde das Leben der Menschen verändern,
und in der demokratisch geplanten Wirtschaft würde es riesige
Fortschritte in Wissenschaft und Technik geben. Karl Marx sagte,
Religion sei notwendig wegen der „unglücklichen Lebensumstände“ in der
Klassengesellschaft. Er glaubte, dass solche Überzeugungen abnehmen
würden, wenn die sozialen Bedingungen, die zu ihrem Aufstieg geführt
hatten, ausgemerzt seien. Seine Voraussage war, dass in einer
sozialistischen Gesellschaft der Hauptgrund für das allmähliche
Verschwinden von Religion „die soziale Entwicklung, in welcher Bildung
eine große Rolle spielen muss“ sein wird.
Während der stalinistischen Konterrevolution entwickelte sich in
Russland aber ein monströser bürokratischer Staatsapparat, und es gab
Repressalien gegen die orthodoxe Kirche und Gläubige allgemein sowie
gegen wirkliche SozialistInnen. Der freie Austausch der Ideen,
eingeschlossen religiöser, wurde nicht toleriert.
Während des zweiten Weltkrieges wurde hingegen eine Allianz zwischen dem
Regime und den Spitzen der orthodoxen Kirche geschlossen. Stalin
förderte einen plumpen russischen Chauvinismus – und die
russisch-orthodoxe Kirche. In den Nachkriegsjahren hielt das
stalinistische Regime seine Allianz mit den orthodoxen Hierarchien
großteils aufrecht, was die Autorität der Kirche hob, und unterdrückte
religiöse Oppositionelle.
Die Wiedereinführung des Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion in
den 1990ern brachte die Rückkehr der Macht und des Einflusses der
Hierarchie der orthodoxen Kirche. Präsident Putin stützt sich auch auf
die Kirche, um seine Herrschaft zu festigen. Diese versucht derzeit,
ihren Religionsunterricht in den Schulen durchzusetzen, und schürt so
Spaltungstendenzen im multi-religiösen Russland.
Die Geschichte der internationalen ArbeiterInnenbewegung lehrt uns, dass
SozialistInnen im Kampf um die Abschaffung des Kapitalismus alles tun
müssen, um alle Arbeiterinnen und Arbeiter einzubeziehen – dies gilt
ganz besonders in Ländern, in denen Religionen Masseneinfluss haben.
SozialistInnen können mit Gläubigen zusammen für gemeinsame politische
Ziele kämpfen.
Heutzutage kämpfen SozialistInnen gegen religiöse Diskriminierung und
Ungerechtigkeit, aber an die ArbeiterInnen wenden sie sich vor allem auf
Basis gemeinsamer Klasseninteressen und des Kampf für Sozialismus.
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