Kapitalistisches Scheitern, damals wie heute
[Druckversion] Thema: Wirtschaft, Geschichte, veröffentlicht: 21.11.2009
Zum 80. Jahrestag des Börsenkrachs an der Wall Street
von Peter Taaffe, Generalsekretär der Socialist Party (CWI in England
und Wales)
Nur wenig Beachtung wurde dem 80. Jahrestag des großen Börsenkrachs an
der Wall Street vom Oktober 1929 geschenkt. Die Kapitalisten sind völlig
mit der aktuellen globale Krise beschäftigt und können kaum ihre frühere
Behauptung „so etwas kann nie wieder passieren“ wiederholen, wenn das
Thema 1929 im Raum steht. Doch wieviel von dem, was damals war, hat sich
nun wiederholt? Und was sind die tiefliegenden Ursachen der heutigen
Krise?
In der Vergangenheit wurden alle, vor allem MarxistInnen, die davon
ausgingen, dass etwas in der Art dieses Ereignisses wiederholen könnte
wie es das Kommittee für eine Arbeiterinternationale gemacht hat, als
primitive Weltuntergangspropheten tituliert. Doch wir sind nie auf einer
primitiven Art und Weise an Fragen der wirtschaftlichen Aussichten
herangetreten. Wir haben uns sogar gegen diejenigen gewandt, die
voreilig davor warnten, dass ein „neues 1929“ unmittelbar bevor stand.
Einige MarxistInnen sind 1987 in diese Falle getappt. Aber bevor die
aktuelle Krise begann, haben wir vorhergesagt dass es in aller
Wahrscheinlichkeit eine sehr ernste Krise sein würde, aus der es für die
Kapitalisten keinen einfachen Ausweg geben würde.
Die Kapitalisten leugneten ihrerseits die Funktionsweise ihres Systemes.
Etwas ähnliches passierte vor 1929, wie John Galbraith in seinem
berühmten Buch „Der Große Crash 1929“ dargelegte. Am 4. Dezember 1928
erklärte der scheidende US-Präsident Calvin Collidge vor der
Amtsübergabe an den berüchtigten Herbert Hoover: „In unserem Land
herrscht Ruhe und Zufriedenheit und das höchste Maß an Wohlstand seit
Jahren. Wir können die Gegenwart zufrieden betrachten und der Zukunkt
optimistisch entgegen sehen.“ Andrew W. Mellon, Finanzminister unter
Hoover, erklärte ebenfalls: „Es gibt keinen Anlass zur Sorge. Das große
Maß an Wohlstand wird fortgesetzt werden.“ Ein ehemaliger Marxist,
Werner Sombart, wurde ebenfalls von dem Boom der 1920er Jahre verführt.
1928 schrieb er: „Karl Marx sagte den katastrophalen Zusammenbruch des
Kapitalismus voraus. Nichts dieser Art ist geschehen.“
Kommt das vielleicht irgendwie bekannt vor? Unter anderem haben Alan
Greenspan, Vorsitzender des US-Notenbanks für 19 Jahre von 1987 bis
2006, ähnliche Lobesyhmnen auf den „Freien Markt“ angestimmt und der
Britische Premierminister Gordon Brown schloss sich ihm und behauptete,
den Kapitalismus gezähmt zu haben und den ökonomischen Kreislauf von
Auf- und Abschwung weggezaubert zu haben. Brown verlieh Greenspan sogar
einen Britischen Ehrenritter-Titel für seine Leitung eines Systemes, das
angebliche eine nie endende Aufwärtsspirale von ansteigendem Wohlstand
hervorgebracht hatte.
Wie es auch 1929 der Fall war, haben wir gesagt, dass die massive Blase
der Finanzspekulation unweigerlich mit einem Crash enden würde. Dies war
kein Wunschdenken seitens SozialistInnen und MarxistInnen. Der
ökonomische Kreislauf des Kapitalismus ist, wie Leo Trotzki feststellte,
genauso organisch wie „das Ein- und Ausatmen“ des Menschen. Dieser
Kreislauf entwickelte sich, wie Marx bereits geschrieben hatte, über
ungefähr acht bis zehn Jahren in der Blütezeit des Kapitalismus bis er
zur Zeit des Ersten Weltkrieges eine Sackgasse erreichte. Die
Produktivkräfte - Wissenschaft, Technik und Arbeit - waren den engen
Grenzen des Privateigentums durch eine handvoll Milliardäre und des
Nationalstaates entwachsen.
Danach wurde der ökonomische Kreislauf, wie das langsamere Atmen eines
alternden Körpers, kürzer, die Aufschwünge schwächer und die Krisen in
der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg tiefer. Aber der USA als
emporkommende Macht des Kapitalismus, waren in den "Goldenen 20ern"
offensichtlich die wirtschaftlichen Probleme erspart geblieben, welche
den Rest der Welt plagten.
Der Kapitalismus gibt seine historische Mission auf
Im Kapitalismus kann es verschiedene Auslöser für Krisen geben. In der
Tat wiederholt sich die Geschichte nie auf genau der gleichen Weise. Der
unmittelbare Auslöser des Crashes von 1929 war der plötzliche Einbruch
der Aktienkurse an der Wall Strett am 24. Oktober (dem schwarzen
Donnerstag) sowie ein weiterer, größerer Einbruch am 29. Oktober
(schwarzer Dienstag). Die aktuelle Weltwirtschaftskrise wurde ausgelöst
durch eine Bankenkrise (in Zusammenhang mit der Verbriefung, so
genannter Dalrehen auf dem sogenannten „Subprime-Immobilienmarkt“) und
weitete sich anschließend auch auf den Rest der Wirtschaft aus.
Aber der „Auslöser“ ist nicht die Hauptursache einer kapitalistischen
Krise. Karl Marx wies darauf hin, dass der Kapitalismus ein System ist,
in dem die Produktion auf Profit und nicht auf soziale Notwendigkeit
ausgerichtet ist. Der Profit stammt aus der unbezahlten Arbeit der
Arbeiterklasse. Daher sind Ungleichheit und die Unmöglichkeit für die
Arbeiterklasse, den vollen Wert der von ihnen produzierten Waren
zurückzukaufen, in das Fundament des kapitalitischen Systemes mit
eingebaut. Der Kapitalismus überwindet diesen Widerspruch vorübergehend
durch die Investitionen eines Teils des Überschusses zurück in die
Produktion. Die einzige historische Rechtfertigung für den Kapitalismus
war die Nutzung dieses Überschusses zur Weiterentwicklung der
Produktivkräfte, wobei die Kapitalisten als Bevollmächtigte der
Gesellschaft auftraten. Sobald der Kapitalismus diese Mission aufgibt,
und Wohlstand und Industrie zerstört anstatt diese weiter zu entwickeln,
verwirkt er diese Rolle.
Und in einer Krise, wie 1929 mit der folgenden Weltwirtschaftskrise und
auch die Gegenwart auf spektakulärer Weise klar machen, gibt der
Kapitalismus seine Mission auf. Investitionen in Fabriken und gestiegene
Produktion führen zu einer größeren Menge an Gütern und
Dienstleistungen. Aber in der Periode unmittelbar vor 1929 und in den
letzten 20 Jahren haben die Kapitalisten den Anteil des Reichtums, dass
an die Arbeiterklasse geht, radikal reduziert und ihren eigenen Anteil
gleichzeitig aufgestockt. Stephen Foley schrieb dazu in der britischen
Zeitung Independent: „Sag mir, ob das ein Zufall ist: Das Einkommen der
reichsten zehn Prozent in den USA machte in den letzten 100 Jahren nur
zu zwei Zeitpunkten mehr als 50% des Gesamteinkommens aus: zum ersten
Mal 1928, und dann nochmal 2006-2007.“
Ökonomen wie Paul Krugman behaupten, dass die sozialen Nachwirkungen der
Weltwirtschaftskrise den Gier der Kapitalisten in den 50er und 60er
Jahren beschneiden konnten. Der Kapitalismus machte in dieser Zeit
riesige Profite, aber aufgrund der Expansion in der Industrie,
verbesserten sich auch die Lebensumstände der Arbeiterklasse.
Gleichzeitig wurde die Einkommensschere in gewissem Maße durch die im
Aufschwung wieder erstarkte Arbeiterbewegung in Schach gehalten.
Aber dies alles wurde bereits durch Reagans Gegenrevolution und durch
den Thatcherismus in Brittanien untergraben. Die größten US-Konzerne -
nicht nur in der Finanzbranche, bezahlten 2007 ihren
Vorstandsvorsitzenden 275 Mal soviel wie dem durchschnittlichen
Angestellen - das zehnfache des Unterschiedes der 60er Jahre. 1929 wie
heute gab es das Phänomen der „Überakkumulation“ oder Überproduktion -
Unmengen an Waren und Dienstleistungen, Landwirtschaftlichen
Erzeugnissen und ähnlichem - was in vorkapitalistischen Gesellschaft als
völlig absurd gegolten hätte.
Aber die „Logik“ des Kapitalismus besagt, dass die Maximierung der
Profite das ein und alles ist. Aber wie kann es „logisch“ sein, in einer
Welt, in der Mangel herrscht, Millionen Arbeitskräfte auf die Straße zu
setzen und die Produktion von Gütern, die global von der Menschheit
gebraucht werden, einzustellen? Um ein Beispiel zu nennen: wenn die
Nachfrage und der „Markt“ für Autos nicht da ist, wie sogar die
Beschäftigten in der Autoindustrie schon am Anfang der aktuellen Krise
verstanden haben - warum stellt man die Produktion nicht auf
gesellschaftlich nützliche Arbeit um. Wichtige Güter werden in der
westlichen Welt gebraucht, aber vor allem für die verarmten Massen in
Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ist durchaus möglich, die Produktion
schnell auf nützliche Güter umzustellen. Während des Zweiten Weltkrieges
wurde in amerikanischen Fabriken über Nacht die Produtkion umgestellt,
um Panzerfahrzeuge mit der gleichen Effizienz herzustellen, wie vorher
Pfannkuchen hergestellt wurden.
Verheerende soziale Folge der kapitalistische Krise
Die Folgen der Krise von 1929, beginnend in den USA, waren verheerend.
1932 war die Arbeitslosigkeit auf 23 Prozent gestiegen, sie gipfelte
1933 bei 25 Prozent. Die Herangehensweise der Regierung Hoover fasste
Mellon zusammen mit den Worten: „Liquidiert Arbeit, liquidiert
Wertpapiere, liquidiert Bauern, liquidiert Immobilien... dadurch wird
die Fäulnis aus dem System ausgemerzt. Hohe Lebenskosten und hohe
Lebensstandards müssen runter. Die Menschen werden härter arbeiten und
ein moralischeres Leben führen. Die Werte werden sich anpassen, und
unternehmerisch gesinnte Menschen werden gegenüber den weniger
kompetenten Boden gutmachen." Diese Haltung erinnert an die aktuellen
Standpunkte der britischen Konserativen von David Cameron.
Im Juni 1930 verabschiedte der US-Kongress das Smoot-Hawley-Gesetz, das
die Handelsbarrieren für Importwaren aus dem Ausland erhöhte. Dies löste
einen Handelskrieg aus, in dem sich die Staaten gegenseiten mit
Schutzzöllen überboten und führte somit zu einer Ausweitung der Krise.
Anders als in der gegenwärtigen Krise gingen damals 5000 Banken Pleite,
die meisten davon kleine Banken. In dieser Krise sind bisher nur 103
zumeist kleine Banken in den USA Pleite gegangen. Mit der Ausnahme von
Lehmann Brothers haben die Kapitalisten von der Weltwirtschaftskrise
gelernt und die großen Banken gerettet. Dies war ein internationales
Phänomen, bei dem die USA und Britannien in vorderster Front standen.
Weltweit wurden den Banken Krediten in Höhe von 10 Billionen US-Dollar
zur Verfügung gestellt, dies entspricht ungefähr 80 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes der US, der größten Wirtschaftsmacht der Welt. In
Britannien beträgt die Summe 1,2 Billionen Dollar, in Form von
staatlichen Bürgschaften und Kapitalinvestitionen, mehr als zwei Drittel
der gesamten Jahreswirtschaftsleistung, wie der Notenbankchef Mervyn
King kürzlich zugab. Dies alles wird natürlich von den "Verbrauchern",
in erster Linie aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht bezahlt
werden.
Eine Wirtschaftskrise, vor allem wenn sie so verheerend ist wie die von
1929 oder die aktuelle, hat die gleichen Auswirkungen wie ein Krieg. Es
kommt zum einem „Abschlachten“ von Kapital, was zu stillgelegten
Fabriken und Arbeitsstätten sowie Massenarbeitslosigkeit führt. Dies ist
kein vorübergehendes Phänomen, wie sogar kapitalistische Ökonomen
zugeben. Will Hutton, ein Keynesianistischer Ökonom, schrieb von einem
„dauerhaften“ Verlust von Wohlstand in Britannien in Höhe von fünf
Prozent. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Europäischen
Kommission gab offen zu: „Die Krise entspricht einer Zerstörung von
Kapital und vermindert, zumindest zeitweise, das produktive Potential
der Wirtschaft." Dies bedeute, dass "die Wirtschaft nicht auf den
gleichen Stand von vor der Krise zurück kehren wird, sondern auf ein
niedrigeres Niveau. Anders gesagt: die Krise wird einen dauerhaften
Verlust bei der möglichen Wirtschaftsleistung mit sich bringen.“
In den USA beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nun 33
Stunden. Ein Sieg für die Forderung der Arbeiterbewegung nach einer
Verkürzung der Wochenarbeitszeit? Im Gegenteil: es ist das Ergebnis der
zwangsweise Entfernung aus den Produktionsstätten von Millionen von
ArbeiterInnen, die vielleicht nie wieder arbeiten werden. Mort Zuckerman
schrieb in der Financial Times: „Dies ist die einzige Rezession seit der
Großen Weltwirtschaftskrise, in der sämtliches Wachstum bei
Arbeitsplätzen aus dem vorherigen Konjunkturzyklus ausradiert wurde.“ Er
wies auch darauf hin, dass die Statistik über die Arbeitslosen und
Unterbeschäftigten mittlerweile bei 17 Prozent liegt. Allein im
September verloren 785.000 US-AmerikanerInnen ihre Arbeitsplätze. Es
sind seit 21 Monaten in Folge Arbeitsplätze verloren gegangen und wenn
man diejenigen hinzurechnet, die Teilzeit arbeiten oder schlicht die
Suche nach Arbeit aufgegeben haben, wird die Arbeitslosenstatistik
deutlich höher als die offizielle Zahl von knapp unter zehn Prozent.
Allein in Britannien sind 750.000 ArbeiterInnen aus der Statistik der
"Arbeitsuchenden" einfach verschwunden.
Die Überschrift des oben genannten Artikels lautet „Der freie Markt ist
nicht in der Lage, Arbeit zu schaffen.“ Dass das Sprachrohr der
Unternehmer dies zugibt, ist eine vernichtende Verurteilung des
Kapitalismus. Es ist ein Ausdruck eines todkranken Systems, unfähig, die
wichtigste Produktivkraft, die Arbeiterklasse, in die Produktion und in
die Gesellschaft zu integrieren.
Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. „Wir haben eine Wiederholung der
großen Weltwirtschaftskrise vermieden“, sagen die Sprecher Kapitalismus.
Hierin leigt wahrscheinlich auch ein Stückchen Wahrheit. MarxistInnen
erkennen, dass es keine „finale Krise des Kapitalismus“ gibt. An einem
bestimmten Punkt, wenn die Arbeiterklasse die Zügel durch Sozialistische
Planung in die Hand nimmt, wird der Kapitalismus einen Ausweg finden,
allerdings auf Grundlage von verschärftem Leid für die Arbeiterklasse
und für die Armen. Gibt es aktuell eine Erholung, „Grüne Triebe“, oder
ist dies doch nur Unkraut? Was die Britische Wirtschaft betrifft, ist
wohl eher letzteres der Fall, denn die neuesten Zahlen zeigen einen
fortgesetzten Rückgang der Produktion.
Hat die Weltwirtschaft „das Schlimmste hinter sich“?
Darüber hinaus haben zwei Ökonomen, Barry Eichengreen und Kevin
O"Rourke, in ihrem Papier „Eine Geschichte zweier Depressionen“ darauf
hingewiesen, dass es noch offen sein könnten, ob der Kapitalismus „das
Schlimmste hinter sich hat“. Die massiven Konjunkturpakete, Zinsen auf
historischem Tiefststand und vieles mehr haben sicherlich Auswirkungen,
wie die beiden zugeben. Die industrielle Produktion erholt sich langsam,
im Gegensatz zur Großen Weltwirtschaftskrise, wo der Rückgang der
Industrieproduktion drei Jahre anhielt. Aber war es eine gestiegene
„Nachfrage“ gestiegen, welche die gestiegene Produktion verursacht hat?
Die Konsumausgaben sinken weiter, Immobilienpreise ebenfalls und die
Produktion dient in erster Linie der Auffüllen von Lagern und Inventaren.
Die weltweiten Aktienmärkte haben einige ihrer Verluste wettgemacht, wie
Eichengreen und O"Rourke zugeben. „Dennoch bleibt der anteilsmäßige
Rückgang der Aktien- und Marktwerte sogar größer als zu einem
vergleichbaren Zeitpunkt der Großen Weltwirtschaftskrise.“ Es gibt einen
„Zusammenbruch des globalen Handels was selbst jetzt weiterhin
dramatisch ist im Vergleich mit der Großen Weltwirtschaftskrise.“ In der
Industrieproduktion geht es den großen vier EU-Nationen, Deutschland,
Brittanien, Frankreich und Italien, schlecht: „Die heutige deutsche und
britische Industrieproduktion stehen im Einklang mit ihrem Rückgang in
der 1930er Jahren, während es in Italien und Frankreich sogar viel
schlechter aussieht. Die Nordamerikaner (USA und Kanada) sehen ihre
Industrieproduktion weiterhin im gleichen Maße fallen wie in der Krise
von 1929.“
Japan hat die schlechtesten Zahlen, dort war „die Industriproduktion im
Ferbruar 25 Prozentpunkte niederiger als zum vergleichbaren Zeitpunkt
der Großen Weltwirtschaftskrise. Es gab allerdings eine starke Erholung
im März.“
Keynesianistische Ökonomen wie Paul Krugman hoffen weiterhin, dass wir
nur „eine halbe Große Weltwirtschaftskrise“ erleben. Aber dies ist eine
globale Rezession wie 1929 „mit noch größeren Einbrüchen in der
Industrieproduktion, im Export und bei den Aktienkursen als 1929.“ Aber
akademische Diskussionen über „Depression“ oder „Rezession“ werden an
der Arbeiterklasse spurlos vorübergehen, denn sie wird zurzeit belagert
von steigender Arbeitslosigkeit und Einschnitten beim Lebensstandard,
selbst während der „Erholung.“ Ist Lettland, von das
Bruttoinlandsprodukt im Jahr bis August 2009 um 20 Prozent eingebrochen
ist, in einer „Depression“ oder lediglich in einer „Rezession“?
Empfinden die Menschen in Kalifornien, das die achtgrößte
Volkswirtschaft der Welt wäre, wenn es ein eigenständiger Staat wäre,
dass sie gerade eine „Rezession“ oder eine „Depression“ erleben?
Staatsbedienstete werden mit Schuldscheine bezahlt, die Arbeitslosigkeit
ist so hoch wie seit 70 Jahren nicht mehr und LehrerInnen befinden sich
im Hungerstreik.
Wie in der Zeit nach Hurricane Katrina standen verarmte Menschenmengen
in Kalifornien stundenlang schlage für kostenlose Gesundheitsversorgung,
Zahnbehandlung und Essen - viel mehr Menschen als die 1500 Behandlungen,
die angeboten wurden. Jede „Erholung“ wird daher in erster Linie in den
Taschen der Bosse und ihrer Gefolgschaft stattfinden.
Wenn David Cameron darüber hinaus seinen Willen durchsetzen kann und an
die ohnehin schon geschwächten Öffentlichen Sektor Brittaniens die Axt
anlegt, wird dies die Situation gewaltig verschärfen. Cameron möchte
Britischen „Veteranen“, RentnerInnen und anderen ihre bereits
existierenden Errungenschaften wie die Brennstoffpauschale im Winter
wegnehmen. Die Auswirkungen solche Methoden haben sich in den 1930er
Jahren gezeigt. 1936 verabschiedete der US-Kongress ein „Bonus-Gesetz“
für Veteranen des Ersten Weltkrieges. Aber um den Haushalt 1937
auszugleichen, machte Präsident Roosevelt diese und andere Maßnahmen
wieder rückgängig, was zu einer 13-monatigen Rezession und einen
erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 19 Prozent führte. Die USA
stand an der Schwelle zu einem noch größeren Crash als 1929. Was den
Kapitalismus rettete und gleichzeitig den ganzen Weltkapitalismus für
eine lange Periode danach stabilisierte war der massive Waffenproduktion
für den sich anbahnenden Zweiten Weltkrieg sowie dann anschließend
während des Krieges selbst.
Glass-Steagall-Gesetz durch den "liberalen" Clinton abgeschafft
1929 und die anschließende Weltwirtschaftskrise hinterließen einen
tiefen Eindruck auf dem Bewusstsein des Amerikanischen Volkes, genauso
wie in Brittanien und der übrigen Welt. Maßnahmen wurden eingeführt um
zu versuchen, die Gier der Banker zu kontrollieren und zu bändigen. Das
Glass-Stegall-Gesetz und andere Maßnahmen blieben über 65 Jahre in
Kraft. Es dauerte bis zur Amtszeit des „liberalen“ US-Präsidenten
Clinton im Jahre 1999, bis diese Restriktionen aufgehoben wurden. Dies,
zusammen mit Thatchers "großem Knall" der Deregulierung der Finanzmärkte
in Britannien bildeten den Rahmen für die Spekulationsorgie, die
wiederum den Weg zur aktuellen Krise bereitete.
Haben die Kapitalisten, vor allem die Banker, aus der aktuellen Krise
etwas gelernt, geschweige denn von der Krise 1929? Im Gegenteil:
vollgesogen mit öffentlichen Geldern, haben sie erneut den „animalischen
Geist“ des Kapitalismus entfesselt und sich selbst riesige Bonuszahlen
genehmigt - im Wert von mindestens sechs Milliarden Pfund im Falle der
Britischen Banken. In den USA gab Goldman Sachs seinen Spitzenbankern
Boni in Höhe von 23 Milliarden Dollar für das Jahr 2009. Dies
veranlasste einen Journalisten in der Zeitschrift "Rolling Stone" zu der
Feststellung, dass dieses Unternehmen als „eine riesige Vampir-Krake,
die sich um das Gesicht der Menschheit gewickelt hat“, zu bezeichnen.
Ein Wall-Street-Banker bezeichnete die Vorstände schlicht als „gewitze
Gauner“.Dieses Unternehmen wurde mit zehn Milliarden Dollar von der
US-Regierung gerettet, was nun großzügigerweise „zurück gezahlt“ wurde,
aber es hat auch 21 Milliarden Dollar in Anleihpapieren ausgegeben,
abgesichert durch das Einlagensicherungsfonds FDIC.
Die Zeitung Independent verkündet, dass ein Verzicht auf eine Rettung
der Banken „zur Depression führen würde“. Aber der Britische
Notenbankchef Mervyn King hält dagegen: „Wenn die Banken zu groß sind,
um Pleite zu gehen, dann sind sie zu groß.“ Er befürwortet die
Zerschlagung der Banken um ihre „Privatkunden-“ und „Investitions-“
(sprich: Casino-) -Geschäfte auseinander zu halten, um eine erneute
Bankenkrise wie die aktuelle zu vermeiden. Ein neues Wort „Plutonomie“
ist erfunden worden, um die aktuelle Gesellschaft zu charakterisieren -
eine Gesellschaft, in der Ungleichheit in noch nie dagewesene Form
existiert.
Die Krise ist allerdings nicht nur eine Krise des Banken- und des
Finanzsystems, sondern wie bereits 1929 auch, verwurzelt in den
Widersprüchen des Kapitalismus an sich, wie oben analysiert. Des
Weiteren kann nichts die „Vampire“ oder „Kraken“ vollständig im Zaum
halten. Nicht einmal die obszönen Bonuszahlungen können eliminiert
werden, sondern bestenfalls begrenzt, wie Obama vorgeschlagen hat,
innerhalb des Rahmens des Kapitalismus. Nur durch die Verstaatlichung
der Banken und der großen Riesen des Finanzsektors wäre es möglich
anzufangen, Maßnahmen einzuleiten, die dem Wohl der Masse der
Bevölkerung dienen und nicht nur einer kleinen Clique von
Schnäppchenjägern. Dies wiederum könnte ein Schritt sein hin zum Aufbau
eines staatlichen Außenhandelsmonopols und einer sozialistischen
Planwirtschaft. Ohne entscheidende Maßnahmen wird ein wirtschaftlicher
Aufschwung nicht bei den Massen ankommen. Es wird „freudlos, joblos und
kreditlos“ sein.
Der wichtigste Unterschied zwischen der aktuellen Krise und 1929 besteht
zu diesem Zeitpunkt in den politischen Auswirkungen. Beide Krisen
führten zu verschärften sozialen Spannungen, ein riesiger Anstieg von
Klassenkämpfen. In den USA traten in den zehn Jahren nach 1929 Millionen
den Gewerkschaften bei. Die Rebellion der Fernfahrer in Minneapolis
entwickelte sich, unter der Führung von TrotzkistInnen. Riesige Kämpfe
fanden statt, dabei kamen viele ArbeiterInnen in den USA bei blutigen
Zusammenstößen mit der Polizei und der Staatsmacht ums Leben.
Weltweit standen die 1930er Jahre im Zeichen von Revolution und
Konterrevolution. Kapitalistische Kommentatoren konzentrieren sich meist
auf den Aufstieg Hitlers und den Sieg Francos. Aber die Deutsche
Arbeiterklasse war enorm radikalisiert, ebenso die in Spanien, ab 1930.
Die Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung hatten die Möglichkeit, die
Macht zu übernehmen, scheiterten aber auf Grund der fehlerhaften
Führung. Dies erlaubte es den Nazis in Deutschland zu siegen und
bereitete später den Sieg Francos vor, trotz des heroischen Widerstandes
der Spanischen Arbeiterklasse, die anfangs vier Fünftel des Landes
kontrollierte.
Auf der betrieblichen Ebene, vor allem in den USA, war der Einbruch der
Industrie so schnell und so tief, dass die Gewerkschaften und die
Arbeiterklasse wie gelähmt erschienen. Dennoch gab es eine sehr große
politische Gärung, was zum bedeutenden Wachstum linker und
sozialistischer Parteien führte. Trotz der Verbrechen des Stalinismus
übte die geplante Wirtschaft in Russland vor dem Hintergrund der
Massenarbeitslosigkeit eine große Anziehungskraft auf ArbeiterInnen aus.
Das „nicht-kapitalistische“ Russland war wirtschaftlich immun gegen die
Weltwirtschaftskrise. Als 6000 Stellen in Russland durch eine Agentur in
New York ausgeschrieben wurden, bewarben sich 100.000 ArbeiterInnen!
Leider fielen viele von ihnen später dem großen Stalinistischen Terror
in den Jahren 1937-38 zum Opfer. Aber die Arbeiterdemokratie und die
Idee einer sozialistischen Planwirtschaft können vor dem Hintergrund
einer Welt, die von Hunger, Arbeitslosigkeit und Leid geplagt ist, eine
große Anziehungskraft auf die Arbeiterklasse und auf die Armen ausüben.
Große Wut, aber die Arbeiterklasse hat sich noch nicht entscheidend nach
links bewegt
Heute ist die Masse der Arbeiterklasse wütend und enttäuscht über die
ökonomischen Entwicklung, hat sich aber politisch noch nicht
entscheidend nach links bewegt. Wenn es „zerstreute Ansätze der
Ablehnung“ des Kapitalismus gibt, wie einige behaupten, dann ist dies
das Ergebnis davon, dass es kein anziehendes Pol gibt für die Massen der
Arbeiterklasse, die auf der Suche nach einer Alternative sind. Dies ist
der entscheidende Unterschied zwischen 1929 beziehungsweise der Zeit der
danach und heute. Aber die Schläge, die der Kapitalismus gegen die
Arbeiterklasse vorbereitet sind so enorm, dass eine Schicht von
ArbeiterInnen mit der Zeit, mit Unterstützung sozialistischer und
radikaler Kräfte, den Weg nach links zu einer sozialistischen
Alternative finden wird. Sie selbst werden dann wiederum die Masse der
ArbeiterInnen in Bewegung setzen.
Andererseits könnten einige vorübergehend durch die nationalistische und
rechtsextremen Phrasen von Parteien wie der British National Party
verführt werden. Diese können allerdings keine Alternative anbieten, da
sie im Kapitalismus verwurzelt sind, trotz ihrer demagogischen Versuche,
radikal zu wirken. Aber die Lektion von 1929 ist, dass der Kapitalismus
keinen Ausweg bietet und periodische Einbrüche erleiden wird.
Wir werden in den kommenden Jahren nicht nur eine einzige Krise, sondern
eine ganze Kette von Krisen des Kapitalismus erleben. Es gibt keine
Aussicht auf einen Weltkrieg als Ausweg für den Kapitalismus. Der
einzige „Krieg“ der vorbereitet wird richtet sich gegen die Rechte und
Bedingungen der Arbeiterklasse.
Der mächtigste Faktor in der Gesellschaft ist die Arbeiterklasse, die
aber im Moment politisch entwaffnet ist. Dies erwächst aus der Tatsache,
dass es keine unabhängigen Massenparteien der ArbeiterInnen gibt. Dies
ist der Grund, warum die Forderung nach einer neuen Massenpartei der
ArbeiterInnen sich in scharfer Form stellt in Brittanien, in Europa und
der ganzen Welt. Die wahre Lektion von 1929 und der aktuellen Krise ist,
dass der Kapitalismus keinen Weg nach vorne bietet. Der Kapitalismus ist
gescheitert und wird scheitern; die Arbeiterklasse ist Trägerin allen
Fortschrittes. Aber um diese Rolle zu spielen, muss sie sich
organisieren, wie Marx sagte, als „Klasse für sich“. Damit dies
passiert, muss sie die diskreditierten Führer bei Seite werfen und neue
Parteien organisieren, die als Hebel fungieren können, um den
Kapitalismus zu bekämpfen und um eine sozialistische Veränderung der
Gesellschaft zu erwirken.
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