Der Zusammenbruch des Stalinismus und seine Folgen
[Druckversion] Thema: Geschichte, DDR 1989, veröffentlicht: 22.11.2009
Zum 20. Jahrestag von 1989 - von Peter Taaffe
Vorbemerkung:
Als die Berliner Mauer 1989 beseitigt wurde und die stalinistischen
Regimes zusammenbrachen, erklärte sich der Kapitalismus zum Sieger. Der
Zusammenbruch des Stalinismus wurde in einer globalen ideologischen
Offensive gegen den Sozialismus genutzt, der zu Unrecht mit diesem
diktatorischen, bürokratischen System gleichgesetzt wurde, um weltweit
brutale, neoliberale kapitalistische Politik durchzusetzen. Als
Einleitung für eine Sonderausgabe von Socialism Today (November 2009)
zum Jahrestag schaut Peter Taaffe, Generalsekretär der Socialist Party
(CWI in England und Wales), zurück auf die Ereignisse von 1989 und ihre
Folgen.
Zum zwanzigsten Jahrestag von 1989 möchten die Ideologen, Politiker und
Medien des Weltkapitalismus im Bewusstsein der Bevölkerung die Idee
stärken, dass die Ereignisse jenes ereignisreichen Jahres nur eines
zeigen: Die „endgültige Niederlage“ des Marxismus, „Kommunismus“ und
Sozialismus, die auf ewig unter den Trümmern der Berliner Mauer begraben
seien. Dies bedeute auch den endgültigen Sieg des Kapitalismus, der laut
Francis Fukuyama „das Ende der Geschichte bedeutete“ und dieses System
als das einzig mögliche Modell für die Organisierung der Produktion und
die Leitung der Gesellschaft darstellt. Ein Wirtschaftsmodell, das sogar
den Konjunkturzyklus von Boom und Krise des Kapitalismus beseitige, habe
eine goldene Treppe geschaffen, die zu einem immer menschlicheren,
faireren und zivilisierteren Leben führen werde. Die Wirtschaftskrise zu
Beginn dieses Jahrzehnts, die von den Irak- und Afghanistankriegen
begleitet wurde, trübte diese Prognose sehr ein. Die gegenwärtige
verheerende „große Rezession“ hat sie völlig diskreditiert. Obendrein
war es der Marxismus – Mitglieder und UnterstützerInnen der Socialist
Party und diese Zeitschrift – der dies vorhersagte. Aber wir waren
angeblich an den Rand gedrängt, dazu verdammt, nie wieder Einfluss zu
haben.
Das Ergebnis der folgenschweren Ereignisse von 1989 war in der Tat eine
„Revolution“, aber eine soziale Konterrevolution, die zu der endgültigen
Beseitigung dessen führte, was von den Planwirtschaften Russlands und
Osteuropas noch übrig war. Aber diese Bewegung, die sich von einem Land
zum nächsten ausdehnte, begann nicht mit dem Ziel der Einführung des
Kapitalismus, besonders was die Massen betraf.
Die Kapitalisten – durch ihre Vertreter wie die britische
Premierministerin Margaret Thatcher und den französischen Präsidenten
François Mitterrand – erwarteten anfänglich weder die Massenbewegungen,
die den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes begleiteten, noch
begrüßten sie sie.
Das Organ des amerikanischen Finanzkapitals, das „Wall Street Journal“,
kommentierte die Konkurrenz zwischen dem Kapitalismus und den
„kommunistischen“ Regimes von Osteuropa, indem es einfach Anfang 1990
erklärte: „Wir haben gewonnen“. Ein nicht weniger jubelnder
„Independent“ (8. Januar 1990) sprach von dem „Vertrauen, dass der
Kapitalismus – als System – ein Sieger ist”. Der Eindruck, der damals
und seitdem gegeben wurde, ist, dass die Olympischen Wahrsager des
Kapitalismus die Ereignisse von 1989 vorhergesagt hätten. Aber die
„Financial Times“ – das Sprachrohr des Finanzkapital damals und heute –
schrieb: „Ostdeutschland hat bisher keine Massenbewegung am Horizont,
die Führung der Tschechoslowakei kann nicht zulassen, dass die Quelle
ihrer Legitimität, die sowjetische Invasion von 1968, in Frage gestellt
wird, in Ungarn gibt es Dissidenten, aber noch kein in Bewegung
geratenes Proletariat. Bulgarien wird Reformen sowjetischen Stils
einführen, aber bisher ohne Chaos im sowjetischen Stil oder das Küken
Demokratie, Rumänien und Albanien sind eisern”. Dies wurde von John
Lloyd, der früher beim New Statesman war, nicht drei Jahrzehnte vorher
geschrieben, sondern am 14. Oktober 1989, weniger als einen Monat vor
dem Fall der Berliner Mauer!
Den Stalinismus verstehen
Um diesen „Rückschlag“ in den „Perspektiven“ zu lindern, schrieb der
verstorbene Hugo Young im „Guardian“ (29. Dezember 1989), „kein einziger
Seher sah voraus“, welche gewaltigen Ereignisse es dieses Jahr geben
werde. Dies ist nicht wahr. Es war genau der marxistische Theoretiker
Leo Trotzki mit seinen „vorsintflutlichen“ Methoden, der mehr als ein
halbes Jahrhundert vorher die unausweichliche Revolte der Arbeiterklasse
gegen den Stalinismus (der damals auf die „Sowjetunion“ beschränkt war)
voraussah. Er sagte eine Massenbewegung zum Sturz der bürokratischen
Machthaber, die den Staat kontrollierten und eine politische Revolution
zur Errichtung einer Arbeiterdemokratie voraus. Aber er schrieb auch in
den 1930er Jahren in seinem gewaltigen Werk, „Die Verratene Revolution“,
dass unter der Führung eines Flügels der Bürokratie eine Rückkehr zum
Kapitalismus stattfinden könne.
Diese Idee hat sich Trotzki nicht aus den Fingern gesogen, sondern sie
beruhte auf einer peinlich genauen Analysis der Widersprüche der
stalinistischen Missherrschaft und der Kräfte, die dies unausweichlich
heraufbeschwören werde. Karl Marx betonte, dass der Schlüssel für die
Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte war – Wissenschaft,
Technik und die Arbeitsorganisation. Er sagte auch, dass kein System
verschwindet, ohne alle in ihr enthaltenen Möglichkeiten zu erschöpfen.
Der Kapitalismus, ein Wirtschaftssystem, das auf der Produktion für
Profit – der unbezahlten Arbeit der Arbeiterklasse – statt für
gesellschaftliche Bedürfnisse als seinem Existenzgrund beruht, ist mit
einem Konjunkturzyklus von Boom und Krise konfrontiert, den jetzt selbst
Gordon Brown anerkennen muss. Aber der Stalinismus würde, wie Trotzki
analysierte, – aus anderen Gründen als der Kapitalismus – auf einer
gewissen Stufe durch einen bürokratischen Würgegriff ein absolutes
Hindernis für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft
sein.
In einer Periode bis wahrscheinlich Ende der 1970er Jahre entwickelten
sich Industrie und Gesellschaft trotz der Gräueltaten Stalins und des
Regimes, an dessen Spitze er stand – der Säuberungen, der Sklavenarbeit
des Gulags. In dieser Phase spielte der Stalinismus eine relativ
fortschrittliche Rolle trotz der gewaltigen gesellschaftlichen Kosten
durch die bürokratische Misswirtschaft. Es gab manche Analogien zum
Kapitalismus mit seinem Aufstieg im neunzehnten Jahrhundert bis 1914,
als er ein Hindernis für den weiteren Fortschritt wurde, was in den
Schrecken des Ersten Weltkriegs zum Ausdruck kam. Angesichts von
Stagnation, Rückschritt und sogar Zerfall, wie sie in den
stalinistischen Staaten – besonders in Russland nach den späten 1970er
Jahren stattfanden – taumelten die Regimes von einem Notbehelf zum
nächsten. Sie gingen von der Zentralisierung zur Dezentralisierung und
dann zur Rezentralisierung über in vergeblichen Versuchen, aus der
bürokratischen Sackgasse zu entkommen.
Die Methoden der bürokratischen Herrschaft, des Kommandierens, konnten
eine gewisse Wirkung haben, als die Aufgabe in Russland darin bestand,
industrielle Techniken aus dem Westen zu borgen, eine industrielle
Infrastruktur zu entwickeln etc., und als das kulturelle Niveau der
Masse der Arbeiterklasse und der Bauernschaft noch niedrig war. Aber in
den 1970ern war Russland ein hoch industrialisiertes Land und sogar,
auch wenn manche ihrer Erfolgsmeldungen übertrieben waren, ein
industrieller Rivale für die USA geworden. In einer Phase brachte es
sogar mehr WissenschaftlerInnen und TechnikerInnen als selbst die USA
hervor. Aber gerade die Schaffung einer kulturell fortgeschritteneren
Arbeiterschaft – die in mancher Hinsicht hoch gebildet war – bedeutete,
dass die Herrschaft von oben mit den Bedürfnissen von Industrie und
Gesellschaft zusammenprallte. Zum Beispiel wurden Preise für Millionen
Waren bürokratisch in den zentralen Ministerien in Moskau festgelegt,
und das Regime wurde immer mehr ein Hindernis. Massenunzufriedenheit
wuchs und spiegelte sich nicht nur in den Versuchen einer politischen
Revolution in Ungarn 1956, Polen, der Tschechoslowakei 1968 etc. wider,
sondern auch in Russland. Die Streiks 1962 in Nowotscherkassk zum
Beispiel zeigten die Gefahr, die der fortgesetzten Herrschaft der
Bürokratie drohte.
Den Deckel heben
In dieser Lage kam Michail Gorbatschow in der Sowjetunion als Vertreter
eines „liberaleren“ Flügels der Bürokratie an die Macht und versprach
eine Öffnung durch Perestroika (Umgestaltung in Politik und Wirtschaft)
und Glasnost (Offenheit). Im historischen Rückblick wurde Gorbatschow
die Gestalt, in dessen Amtszeit die Rückkehr zum Kapitalismus in
Russland und die Beseitigung der UdSSR stattfand. Aber er begann nicht
mit dieser Absicht. Wie alle herrschenden Klassen oder Eliten und in der
Tradition der früheren bürokratischen Herrscher angefangen mit Stalin
versuchte Gorbatschow verzweifelt, Reformen einzuführen als Mittel zur
Abwendung der Revolution, weil er das massenhafte Grollen der
Unzufriedenheit von unten fühlte. Unausweichlich führte der Versuch,
Dampf aus dem Kessel zu lassen, indem der Deckel leicht gehoben wurde,
zum Ergebnis der Massenrevolte, das er vermeiden sollte.
Bei der Kommentierung von 1989 haben die Vertreter des Kapitalismus ihr
übliches Zögern, auch nur das Wort „Revolution“ zu verwenden, fallen
gelassen. Dies steht im Kontrast mit ihrer Beschreibung von Russlands
Oktoberrevolution von 1917 als „Putsch“ – die besonders in der jüngst
erschienenen Trotzki-Biografie von Robert Service bis zum Erbrechen
wiederholt wird. Bei der Beschreibung von 1989 als Revolution liegen sie
zumindest halb richtig. Es gab die Anfänge einer Revolution – genauer:
Elemente einer politischen Revolution – in Ostdeutschland, Rumänien, der
Tschechoslowakei, in China mit den Ereignissen auf dem Platz des
Himmlischen Friedens und sogar in Russland selbst, auch wenn die
Massenbewegung nicht dieselbe Höhe erreichte. In all diesen Ländern gab
es anfänglich den unmissverständlichen Ausdruck für demokratische
Reformen innerhalb des Systems, womit der Fortbestand der Planwirtschaft
unausgesprochen akzeptiert wurde. Diese Bewegung dehnte sich mit
gewaltiger Geschwindigkeit wie ein Präriebrand von einem Land zum
anderen aus. Auf einem damaligen Poster in Prag stand: „Polen – 10
Jahre. Ungarn – 10 Monate. Ostdeutschland – 10 Wochen. Tschechoslowakei
– 10 Tage. Rumänien! 10 Stunden“.
Obendrein waren die Methoden, um die stalinistischen Regimes wegzufegen,
Massendemonstrationen und Generalstreiks – nicht die üblichen Methoden
der bürgerlichen Konterrevolution – mit Forderungen nach Verringerung
oder Abschaffung der Privilegien der Bürokratie. In einem der vielen
Berichte in „Militant“ (dem Vorläufer des „Socialist“) vor dem
Zusammenbruch des stalinistischen Regime in Ostdeutschland waren die
Forderungen nach Demokratie offenkundig. Am 24. Oktober berichteten wir:
„Ein paar Tausend Jugendliche marschierten durch die Straßen. Ihr Weg
wurde von einer Polizeikette mit untergehakten Armen versperrt. Die
Jugendlichen marschierten zu ihnen hin und begannen Sprechchöre: ‚Ihr
seid die Volkspolizei. Wir sind das Volk. Wen beschützt ihr?’ Sie sangen
die Internationale und begannen dann ein Lied aus dem Kampf gegen die
Faschisten namens ‚Einheitsfrontlied’. Seine Worte hatten eine besondere
Wirkung auf die Polizei: ‚Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront,
weil du auch ein Arbeiter bist’. Die Polizei stand einfach da und wurde
zur Seite geschoben, als die Jugendlichen vorwärts drängten. In den
Kneipen diskutierten Armeeeinheiten offen mit Arbeitern und
Jugendlichen. Eine Gruppe diskutierte, ob dem Regiment der Befehl
gegeben werde, auf Demonstranten zu schießen. Ein Wehrpflichtiger warf
ein: ‚Vielleicht befehlen sie das, aber wir werden nie auf das Volk
schießen. Wenn sie das machen, wenden wir uns vielleicht stattdessen
gegen die Offiziere’.”
In Russland erschienen Poster: „Nicht das Volk für den Sozialismus
sondern Sozialismus für das Volk; weg mit den Sonderprivilegien für
Politiker und Bürokraten, Diener des Volkes sollten Schlange stehen
müssen“. Zu dieser Zeit zeigte eine Umfrage in Russland, dass bei
Mehrparteienwahlen nur 3% für eine kapitalistische Partei stimmen
würden. Die ernsthaften Vertreter des Kapitalismus fürchteten, dass
Forderungen nach einer politischen Revolution über die
prokapitalistische Stimmung, die es in manchen Schichten zweifellos gab,
die Oberhand gewinnen würden. Eine, vielleicht zwei Millionen
ArbeiterInnen waren auf den Straßen von Peking, eine halbe Million
begrüßte Gorbatschow im Mai. Nach der blutigen Unterdrückung auf dem
Platz des Himmlischen Friedens erschien der frühere britische
Tory-Premierminister Edward Heath zusammen mit Henry Kissinger im
Fernsehen, der berüchtigten rechten Hand von US-Präsident Nixon bei der
Bombardierung von Vietnam und Kambodscha. Heath erklärte: „Die
chinesischen Studenten und Arbeiter streben nicht die Art von Demokratie
an, für die wir eintreten … sie sangen die Internationale”. Kissinger
beklagte sich, dass es „bedauerlich“ sei, dass die Massenbewegung das
Ende der Karriere des chinesischen Führers Deng Xiaoping befleckt habe.
Zwar lehnten beide das Blutvergießen an. Aber für sie war die
Beibehaltung von Handels- und anderen Beziehungen mit der chinesischen
Bürokratie wichtiger. Widerlicherweise erklärte der rechte
Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman – der kürzlich beim Spesenskandal der
Abgeordneten berühmt wurde, weil er seine Hand in der Kasse hatte –, der
damals Labours außenpolitischer Sprecher war: „Man könnte verstehen,
dass die chinesische Regierung die Kontrolle über den Platz bekommen
wollte, obwohl sie beim Zurückgewinnen der Kontrolle maßlos zu weit ging
”.
Alarm im Westen
Thatcher war auch alarmiert über die Ereignisse in Osteuropa, besonders
über die Aussicht auf deutsche Wiedervereinigung nach dem Fall der
Berliner Mauer. Unterlagen, die jüngst aus Russland geschmuggelt und in
der „Times“ im September veröffentlicht wurden, erwähnen, dass Thatcher
„zwei Monate vor dem Fall der Mauer … Präsident Gorbatschow sagte, dass
weder Britannien noch Westeuropa die Wiedervereinigung Deutschlands
wolle und machte klar, dass sie von dem sowjetischen Führer wolle, alles
in seiner Macht stehende zu tun, sie aufzuhalten”. Sie erklärte: „Wir
wollen kein vereinigtes Deutschland … Dies würde zu einer Veränderung in
den Nachkriegsgrenzen führen, und wir können das nicht zulassen, weil
eine derartige Entwicklung die Stabilität der ganzen internationalen
Lage untergraben und unsere Sicherheit gefährden könne”.
In einem Treffen mit Gorbatschow bestand sie darauf, dass das Tonband
ausgeschaltet werde. Zu ihrem Pech wurden Notizen von ihren Bemerkungen
gemacht. Sie kümmerte sich nicht um das, was in Polen geschah, wo die
Kommunistische Partei bei der ersten offenen Abstimmung in Osteuropa
seit der stalinistischen Übernahme besiegt wurde. Das war „nur ein Teil
der Veränderungen in Osteuropa”. Unglaublicherweise, besonders
angesichts der folgenden kriegerischen Aussagen von US-Präsident George
Bush senior über den Warschauer Pakt, wollte sie, dass er „erhalten
bleibt”. Sie drückte besonders ihre „tiefe Sorge“ über das aus, was in
Ostdeutschland geschah.
Mitterrand war auch alarmiert über die Aussicht auf eine deutsche
Wiedervereinigung und dachte sogar über eine militärische Allianz mit
Russland nach, „um sie aufzuhalten”. Er war bereit, dies als „gemeinsame
Nutzung der Armeen zum Kampf gegen Naturkatastrophen“ zu tarnen. Es
diente praktisch als Warnung an die ostdeutschen Massen davor, zu weit
zu gehen. Auf der anderen Seite drückte die Haltung von Thatcher und
Mitterrand die Furcht vor einem gestärkten deutschen Kapitalismus aus,
aber auch, dass die Rückwirkungen dieser Entwicklungen eine
unkontrollierte Massenbewegung in Westeuropa und anderswo auslösen
könnten. Einer von Mitterrands Beratern, Jacques Attali, sagte sogar, er
werde „gehen und auf dem Mars leben, wenn die [deutsche] Vereinigung
stattfinden würde”. Thatcher schrieb in ihren Erinnerungen: „Wenn es
einen Fall gab, in dem eine von mir verfolgte Außenpolitik unzweideutig
gescheitert ist, war es meine Politik zur deutschen Wiedervereinigung”.
Gorbatschow und seine Kreml-Clique waren zwar geschmeichelt durch die
Hosiannas für ihn in den westlichen kapitalistischen Kreisen, aber
zugleich in Panik über das Tempo und die Abfolge der Ereignisse in
Osteuropa. Gorbatschow glaubte naiverweise, dass bei
Teilzugeständnissen, einer Weigerung, die stalinistischen Dinosaurier in
Ostdeutschland zu stärken (er hielt Erich Honecker, Ostdeutschlands
unnachgiebigen Herrscher, für ein „Arschloch“), die Massen dankbar sein
und Feierabend machen würden. Gorbatschow hatte am Anfang keine Absicht,
den Stalinismus wegzu“liberalisieren“. Er hatte gewiss keine erklärte
Absicht, den Kapitalismus einzuläuten. Aber wie der Rest der
herrschenden stalinistischen Regimes wurde er von den Ereignissen
mitgerissen. Nicht nur Honecker, die Ceausescus in Rumänien, die
herrschenden stalinistischen Banden in Bulgarien und anderswo wurden
gestürzt. Schließlich breiteten sich die Bewegungen in Osteuropa – an
der „Peripherie“ des Stalinismus – auf das russische Herzland aus. Unter
dem Strich war das Ergebnis die Rückkehr zum Kapitalismus in ganz
Osteuropa und Russland.
War die kapitalistische Restauration unausweichlich?
War dies ein unausweichliches Ergebnis? Es gibt nichts
„Unausweichliches“ in der Geschichte, wenn die Bedingungen für eine
Revolution reif sind und der „subjektive Faktor“ in Form einer erprobten
revolutionären Führung und Partei vorhanden ist. Diese fehlte klar in
allen stalinistischen Staaten, besonders in Russland selbst. Es gab weit
verbreitete Abscheu über die unbegrenzte Herrschaft der Bürokratie und
Forderungen nach Zusammenstreichen der Privilegien und der weit
verbreiteten Korruption. In allen Staaten gab es ein Sehnen, ein Suchen
der Massen nach dem Programm der Arbeiterdemokratie. Obendrein wurden
die Ereignisse hauptsächlich auf den Straßen, in den Fabriken und
Betrieben vorangetrieben. Davor hofften MarxistInnen und hielten für
möglich, dass beim Beginn einer Massenrevolte selbst mit einer
begrenzten Zahl marxistischer Kader eine Massenpartei geschaffen werden
könne. Dann könnte das den Massen mit der notwendigen Führung bei der
Durchführung der Aufgaben der politischen Revolution helfen: die
Planwirtschaft beibehalten, aber sie auf der Grundlage von
Arbeiterdemokratie erneuern. Aber sie tappten hauptsächlich im Dunkeln,
ohne Wurzeln und eine wirkliche Präsenz in den stalinistischen Staaten.
Angesichts des fortbestehenden Erscheinungsbildes von „starken Staaten“
mit totalitärem Charakter in der Periode bis zu den Ereignissen von 1989
war besonders ernsthafte Massenarbeit problematisch.
Dies war in Polen weniger der Fall, wo in den ganzen 80er Jahren
ausgesprochene prokapitalistische Tendenzen offensichtlich waren, aber
nach dem Scheitern der Solidarność-Bewegung 1980-81 besonders stark
wurden. Damals gab es die Elemente einer politischen Revolution selbst
im Programm von Solidarność, wenn sie auch unter der Führung von Lech
Wałesa unter dem Schild der Religion, der katholischen Kirche waren.
Aber es gab schon neben diesen Elementen prokapitalistische Stimmungen.
Die militärische Niederschlagung der Solidarność-Bewegung 1981 wurde
nicht von der polnischen „Kommunistischen“ Partei vollzogen – deren
Autorität bis dahin völlig verpufft war – sondern von dem
stalinistischen militärisch-bonapartistischen Regime von General
Jaruzelski. Dies drängte in Verbindung mit dem wirtschaftlichen
Aufschwung des Kapitalismus während der ganzen 1980er Jahre die
Hoffnungen auf Arbeiterdemokratie und die Beibehaltung der
Planwirtschaft in den Hintergrund. Die Massenstimmung wandte sich
anderen Alternativen zu, besonders einer Rückkehr zum Kapitalismus, was
sich während der Besuche von Thatcher und Bush in Polen 1988 enthüllte.
Sie wurden von den Massen auf den Straßen von Warschau willkommen
geheißen, wobei die Massen – naiverweise, wie sich zeigte – bessere
Ergebnisse hinsichtlich eines wachsenden Lebensstandards erwarteten als
durch das diskreditierte stalinistische Modell, das um sie herum zerfiel.
Dieser Prozess war anderswo nicht so ausgeprägt, besonders nicht in
Russland. Dort war die Hoffnung auf eine politische Revolution unter
MarxistInnen in Russland und international nicht völlig ausgelöscht,
auch nicht angesichts der Ereignisse in Polen. Schließlich war der
Revolte des ungarischen Volkes 1956 von der Schaffung von Arbeiterräten
nach dem Modell der russischen Revolution begleitet. Dies geschah,
nachdem die Massen 20 Jahre in der Dunkelheit von Horthys faschistischem
Terror gehalten worden waren, worauf zehn Jahre stalinistischer Terror
folgten. 1956 gab es keinen vorherrschenden Trend für eine Rückkehr zum
Kapitalismus. Dasselbe galt für Polen im selben Jahr, 1970 und 1980-81.
1968 in der Tschechoslowakei gab es Kräfte, die für eine Rückkehr zum
Kapitalismus eintraten, aber sie waren in einer Minderheit, die
überwältigende Mehrheit der Massen suchte nach den Ideen einer
Arbeiterdemokratie, die in der Formulierung „Sozialismus mit
menschlichem Antlitz“ von Ministerpräsident Alexander Dubcek ausgedrückt
wurde.
Die Zerschlagung des tschechoslowakischen „Frühlings“ 1968 – bevor er
zum Sommer einer politischen Revolution erblühen konnte – versetzte der
Perspektive einen schweren Schlag, dass die Idee der Arbeiterdemokratie
ein Ausweg aus dem sterbenskranken Stalinismus sei. Geschichte steht
nicht still; die Todeskrise des Stalinismus, die sich über ein Jahrzehnt
und mehr erstreckte, in Verbindung mit dem scheinbaren wirtschaftlichen
Feuerwerk des weltkapitalistischen Booms der 1980er Jahre schuf die
Illusion, dass das System „hinter der Mauer“, der westliche
Kapitalismus, eine besseres Modell für den Fortschritt als das
erstickende System von Osteuropa und Russland biete.
Warum war der Widerstand begrenzt?
Zu den verblüffendsten Aspekten, vor denen MarxistInnen damals und
seitdem standen, gehörte, wie wenig Widerstand es unter den Massen der
Bevölkerung zu geben schien, sobald Russland Schritte Richtung
Kapitalismus unternahm. Aber eine Antwort auf diese schmerzliche Frage
kann in der Geschichte des Stalinismus gefunden werden, besonders in den
verschiedenen Phasen, durch die er gegangen ist. Besonders die von
Stalin organisierten Säuberungen 1936-38 stellten einen entscheidenden
Wendepunkt dar. Durch die Vernichtung der letzten Überbleibsel der
Bolschewistischen Partei – selbst Leute, die wie Sinowjew und Kamenjew
kapituliert hatten, wurden vernichtet – hoffte Stalin, das Gedächtnis
der Arbeiterklasse der UdSSR unleserlich zu machen. Bis dahin war eine
Reihe von Generationen immer noch mit der russischen Revolution und
ihren Errungenschaften in Form der Verstaatlichung der Produktivkräfte
und einem Produktionsplan verbunden.
Obendrein gab es verallgemeinerte Unterstützung international unter den
damals entwickelten Schichten der Arbeiterklasse für die Vorteile und
Haupterrungenschaften der russischen Revolution. Dies war so, obwohl es
schon in Russland in den 1930er Jahren weit verbreitete Kritik an dem
bürokratischen Regime gab, an dessen Spitze Stalin stand, worauf Trotzki
hinwies. Der Beginn der spanischen Revolution hatte auch eine
elektrisierende Wirkung in Russland, sowohl indem sie Hoffnungen auf den
Triumph der Weltrevolution weckte als auch, indem sie die Erinnerung an
das wachrief, was in Russland zwei Jahrzehnte vorher geschehen war.
Stalin führte daher einen „einseitigen Bürgerkrieg“ um die letzten
Überreste der Bolschewistischen Partei zu zerstören. Aber die
Säuberungen gingen viel weiter als das. Stalin nutzte auch die Lage –
indem er Trotzki und die Internationale Linke Opposition als Agenten
einer vom Ausland gesteuerten Konterrevolution in der UdSSR verleumdete
– um alle mit der Erinnerung an die Revolution verbundenen Überbleibsel
der Bürokratie zu beseitigen. Nicht nur Linksoppositionelle wurden
ermordet, sondern Hunderttausands ArbeiterInnen und BäuerInnen,
einschließlich beträchtlicher Teile der Bürokratie. Durch diese
barbarischen Methoden hatte Stalin praktisch eine bürokratische Maschine
geschaffen, die in keiner Weise mit der heroischen Periode der
Oktoberrevolution verbunden war. Leute wie Nikita Chruschtschow, Jurij
Andropow und der Rest, die den Staat während der nächsten Jahrzehnte
dominierten, hatten nicht am bolschewistischen Untergrund oder an der
Oktoberrevolution teilgenommen und waren in diesem Sinne „ohne
Geschichte“, sicher ohne Russlands reiche revolutionäre Geschichte. Alle
kritischen Elemente innerhalb der Arbeiterklasse wurden in dieser Phase
auch beseitigt.
Trotz der monströsen Verbrechen des Stalinismus – einschließlich der
Hinrichtung der militärischen Führung der Roten Armee, die Hitlers
Invasion 1941 erleichterte – waren die Vorteile der Planwirtschaft immer
noch ein Plus. Obendrein litt der Kapitalismus unter Krisen, samt der
Massenarbeitslosigkeit der großen Depression der 1930er Jahre. Trotzki
wies darauf hin, dass es Massenopposition gegen den Stalinismus gab,
aber die Hand der Arbeiterklasse durch eine Verbindung von Faktoren vom
Sturz des Regimes zurückgehalten wurde. Nicht der geringste Faktor war
die Furcht, dass es das Tor der kapitalistischen Konterrevolution öffnen
würde, wenn man gegen Stalin und die Bürokratie vorgehen würde. Zugleich
machten Industrie und Gesellschaft allgemein gesprochen – und in
gewissem Ausmaß der Lebensstandard der Massen – trotz Bürokratie
Fortschritte.
Aber der Tod Stalins führte zu den Enthüllungen Chruschtschows auf dem
20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und seinem so
genannten „Tauwetter“. Chruschtschow griff Stalin und manche seiner
Verbrechen an, aber in der Wirklichkeit wurden nur „zulässige“ Dosen
mancher Wahrheiten erlaubt. Selbst diese Dosen vermischten
Halbwahrheiten mit Lügen und berührten nicht die stalinistischen Mythen
und Fälschungen. Chruschtschow fürchtete, zu weit zu gehen und die
russischen stalinistischen Führer wie Leonid Breschnew, die
Chruschtschow stürzten, machten mit weiteren „Enthüllungen“ von Stalins
Verbrechen und der Ursachen des Stalinismus selbst Schluss. Später
stimmten sie sogar seiner teilweisen Rehabilitierung zu. Deshalb gab es
in Russland, als das System zu zerfallen begann, keine wirkliche
marxistische Alternative, ganz zu schweigen von einem entwickelten
Massenbewusstsein oder Kräften, die ein Programm der Arbeiterdemokratie
vertraten.
Es wäre zur Zeit des Zusammenbruchs des Stalinismus Ende der 1980er
Jahre völlig möglich gewesen, ein klares Bild der Säuberungen, der
Schauprozesse, der Ursachen des Stalinismus und der Alternative zu
diesem diskreditierten System zu geben. Aber ironischerweise hatten die
Säuberungen und die Unterdrückungsmaschine jeden „subjektiven Faktor“
beseitigt, der sich hätte entwickeln und eine entscheidende Rolle
spielen können. Es wäre aber ein Fehler, zu folgern, dass es in Russland
keine Elemente gegeben hätte, die nach einem Programm für
Arbeiterdemokratie suchten. Aber sie waren zu schwach, sich dem Sog des
kapitalistischen Westens entgegenzustellen, besonders für eine völlig
unvorbereitete neue Generation, die von dem scheinbaren Überfluss an
Konsumgütern angelockt wurde, nach denen man nur fragen musste, wie man
sie Glauben machte.
Gangsterkapitalismus
Die Rückkehr zum Kapitalismus machte kurzen Prozess mit jedem Versuch,
die Wurzeln und Gründe für den Stalinismus ehrlich zu untersuchen, um
die Wiederherstellung der Planwirtschaft auf der Grundlage von
Arbeiterdemokratie vorzubereiten. Die paar, die es versuchten, wurden
von einer Welle von böswilliger antikommunistischer Propaganda von so
genannten „demokratischen“ Zeitschriften im Dienst der sich
herausbildenden Bourgeoisie überflutet. Diese waren ein bürgerliches
Spiegelbild der stalinistischen Fälschungsschule. Der stalinistische
Totalitarismus sei, hieß es, aus dem „kriminellen“ Charakter des
Bolschewismus entsprungen; die russische Revolution ein „Putsch“ gewesen
etc.
Was folgte, war eine Orgie kapitalistischer Propaganda, die Russland
nach 1989 durchflutete. Diese war begleitet von Versprechungen von
„blühenden Landschaften“ in einer nachstalinistischen Welt, wie sie der
damalige deutsche Kanzler, Helmut Kohl, vorhersagte. Auf dem Weg zu
einer Rückkehr zum Kapitalismus würden die Massen in diesen Staaten
schließlich bei einem deutschen oder gar amerikanischen Lebensstandard
ankommen. „Auf dem Umweg über Bangladesch“, antwortete die kleine Gruppe
von MarxistInnen in Osteuropa. Wir argumentierten, dass das Beste, was
man für die Arbeiterklasse von Russland und Osteuropa erhofften könnte,
vielleicht sei, dass sie auf lateinamerikanischen Lebensstandard
herabsinken würde. Wir müssen heute zugeben, dass dies eine hoffnungslos
optimistische Perspektive war. Russland erlebte einen beispiellosen
Zusammenbruch seiner Produktivkräfte, der in seinem Ausmaß und seiner
Tiefe die große Depression der 1930er Jahre übertraf.
Zwischen 1989 und 1998 gingen fast die Hälfte (45%) seiner Produktion
verloren. Dies war in der ganzen früheren UdSSR von einem beispiellosen
Verfall der Grundelemente einer „zivilisierten“ Gesellschaft begleitet.
Mord- und Verbrechensraten verdoppelten sich. Mitte der 1990er Jahre
stand die Mordrate bei über 30 auf 100.000 Personen, im Vergleich zu ein
oder zwei in Westeuropa. Nur zwei Länder hatten damals höhere Raten:
Südafrika und Kolumbien. Selbst die Zahlen in den notorisch von
Kriminalität erschütterten Ländern Brasilien und Mexiko waren 50%
niedriger als in Russland. Die Mordrate der USA, die höchste in der
„entwickelten“ Welt mit 6 bis 7 auf 100.000 EinwohnerInnen, verblasste
im Vergleich dazu. Im Jahr 2000 lebte ein Drittel von Russlands
Bevölkerung unter der offiziellen Armutsgrenze. Die Ungleichheit hatte
sich verdreifacht.
Die Mordrate war ein Produkt und ein Symptom eines unbeschränkten
Gangsterkapitalismus. Ex-Mitglieder des Komsomol (Kommunistischer
Jugendverband), wie der Eigentümer des Chelsea Fußballclubs, Roman
Abramowitsch, rissen sich lukrative Teile der früheren Staatsunternehmen
– wie die Ölindustrie – unter den Nagel. Zwischen den verschiedenen
Gruppen fand ein Bandenkrieg im Stil Chicagoer Gangster im nationalen
oder sogar kontinentalen Maßstab um die Verteilung des staatlichen
Kuchens statt. Die russische Wirtschaft halbierte sich praktisch wegen
der Zerstörung durch die Rückkehr zum Kapitalismus. Realeinkommen
brachen in den 1990er Jahren um 40% ein. In der zweiten Hälfte der
1990er Jahre lebten mehr als 44 Millionen von Russlands 148 Millionen
Menschen in Armut – definiert als Leben mit weniger als 32 US-Dollar pro
Monat. Drei Viertel der Bevölkerung lebten mit weniger als 100 Dollar im
Monat. Selbstmorde verdoppelten sich und Todesfälle durch
Alkoholmissbrauch hatten sich Mitte der 1990er Jahre auch verdoppelt.
Die Kindersterblichkeit stieg auf Dritte-Welt-Niveau, während die
Geburtenziffer zusammenbrach. In nur fünf Jahren „Reform“ fiel die
Lebenserwartung um zwei Jahre auf 72 für Frauen und um vier Jahre auf 58
für Männer. Unglaublicherweise war das für Männer niedriger als ein
Jahrhundert vorher! Wenn die Sterbeziffer sich weiter so entwickelt
hätte, wäre die russische Bevölkerung um eine Million pro Jahr
geschrumpft auf 123 Millionen, ein demographischer Zusammenbruch, wie es
ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat, als Russland zwischen
25 und 30 Millionen Menschen verlor. Ende 1998 waren mindestens zwei
Millionen russische Kinder Waisen – mehr als 1945. Nur etwa 650.000
lebten in Waisenhäusern, während der Rest dieser unglücklichen
verwahrlosten Kinder obdachlos war!
Die neue Bourgeoisie stahl bei dem, was als höllisches Gerangel der
„Plündervatisierung“ [leider gibt es keine passende deutsche Übersetzung
für „prikhvatizatsiya“ bzw. „grabification“, eine Wortzusammensetzung
aus „schnappen“ und „Privatisierung“ - der Übersetzer] bezeichnet wurde,
praktisch alles, was nicht niet- und nagelfest war. Sie plünderten den
Reichtum der Nation und die Rohstoffe, verkauften staatliche
Goldreserven, Diamanten, Öl und Gas. Die Schrecken der industriellen
Revolution – der Geburt des modernen Kapitalismus –, die plastisch in
Marx „Kapital“ beschrieben wurden, waren nichts im Vergleich zu den
monströsen Verbrechen, mit denen die neue russische Bourgeoisie ihren
Eintritt in die Welt feierte. Diese Hölle auf Erden milderte sich etwas
gegen Ende der 1990er Jahre mit einem Wachstum im Volkseinkommen, das
vor allem durch den Export von Öl und Gas angetrieben wurde, das
wiederum eine Folge des weltkapitalistischen Booms war und jetzt eine
Vollbremsung machte. Politisch wurde das Chaos der 1990er Jahre durch
die „Ordnung“ von Wladimir Putin und jetzt Dmitri Medwedjew ersetzt.
Aber Russland hat zumindest bei der Industrieproduktion noch nicht
wieder das Niveau von 1989-90 erreicht. Dies ist eine verheerende
Anklage gegen die „Wiedergeburt“ des Kapitalismus in Russland.
Verglichen mit dem gesunden, starken Kind der industriellen Revolution
bei der Geburt des Kapitalismus muss sein modernes russisches Gegenstück
immer noch atmen lernen, vom Laufen und Rennen ganz zu schweigen. Die
Massen aller exstalinistischen Staaten zahlen wirklich einen
schrecklichen Preis für die Rückkehr zum Kapitalismus.
Weitreichende Folgen
Die Arbeiterklasse international hat auch einen hohen Preis bezahlt. Der
1989 eingeleitete Zusammenbruch betraf nicht nur den stalinistischen
Apparat, sondern mit ihm die Planwirtschaften, die von der russischen
Revolution selbst geerbte Haupterrungenschaft. Die soziale
Konterrevolution, die das Rad der Geschichte in diesen Staaten
zurückdrehte, änderte auch die Weltbeziehungen für eine Periode. Unter
den MarxistInnen erkannte allein das Komitee für eine
Arbeiterinternationale (Committee for a Workers’ International, CWI),
was dieser Rückschlag darstellte. Es war eine historische Niederlage für
die Arbeiterklasse. Vor ihr gab es ein alternatives Modell für die
Leitung der Wirtschaft – trotz der monströsen Verzerrungen des
Stalinismus – in Russland, Osteuropa und in gewissem Maß auch in China.
Dies war nun beseitigt. Fidel Castro verglich das Verschwinden dieser
Staaten damit, dass „die Sonne verdeckt worden“ sei. Für MarxistInnen
stellten diese Gesellschaften nicht die Sonne dar. Aber sie stellten,
zumindest in ihrer wirtschaftlichen Form, eine Alternative dar, die auf
der Grundlage von Arbeiterdemokratie die Gesellschaft hätte vorwärts
bringen können.
Wir anerkannten zwar, was stattgefunden hatte, wir zeigten aber auch,
dass diese Niederlage nicht das Ausmaß der 1930er Jahre hatte, als
Hitler, Mussolini und Franco die Arbeiterorganisationen zerschlugen und
dadurch die Grundlage für die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs
schufen. Die Niederlage am Ende der 1980er Jahre hatte mehr einen
ideologischen Charakter, der es den kapitalistischen Ideologen erlaubte,
sich über jedes künftige sozialistische Projekt lustig zu machen.
Der Zusammenbruch des Stalinismus war zwar weitgehend ein ideologischer
Schlag für die Arbeiterklasse international, er hatte aber auch
ernsthafte materielle Auswirkungen. Er führte zum völligen politischen
Zusammenbruch der Führer der Arbeiterorganisationen, die den Sozialismus
selbst als historisches Ziel aufgaben und sich kapitalistischen Ideen in
der einen oder anderen Form an den Hals werfen. Nicht nur in Britannien
mit dem Amtsantritt von New Labour sondern international kollabierten
die früheren Arbeiterparteien in kapitalistische Formationen. Sie
unterschieden sich von offen bürgerlichen Parteien so wie sich in der
Vergangenheit und weiterhin in den USA in der Form von Demokraten und
Republikanern „radikale“ liberale kapitalistische Parteien unterschieden
– verschiedene Seiten derselben kapitalistischen Medaille. In den
Gewerkschaften gaben die Führungen weitgehend jede Idee einer
Alternative zum Kapitalismus auf. Sie versuchten daher, sich an das
System anzupassen, zwischen Arbeit und Kapital zu feilschen statt es
grundlegend herauszufordern.
Wenn man den Kapitalismus akzeptiert, akzeptiert man seine Logik, die
Gesetze des Kapitalismus, besonders den kapitalistischen Trieb, die
größte Rentabilität zu maximieren zum Nutzen der Bosse und zum Schaden
der Arbeiterklasse. Dies geht Hand in Hand mit „Sozialpartnerschaft“.
Dies kann zu Ko-Management führen, das jede kämpferische Bewegung der
Arbeiterklasse beschränkt, wenn sie mehr fordert als die Bosse angeblich
geben können. Tatsächlich stärkte die Entwicklung zahmer
Gewerkschaftsführer, die sich an die Grenzen des Systems anpassten
zusammen mit der Aufgabe des historischen Ziels des Sozialismus durch
die Führer der Arbeiterorganisationen enorm das Selbstvertrauen und die
Macht der Kapitalisten. Dies ermöglichte – ohne wirklichen Widerstand
durch die Gewerkschaftsführer – die massive Einkommensungleichheit in
einem Ausmaß, wie man es seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nicht
mehr gesehen hatte. Der zügellose Kapitalismus wurde nicht durch die
Gewerkschaftsführer in Schach gehalten. Im Gegenteil haben sie ihm freie
Hand gegeben, aus der Arbeiterklasse erbarmungslos mehr Produktion
herauszupressen, während ein immer kleinerer Anteil an die Löhne geht –
all das auf dem Altar eines wiederbelebten Kapitalismus.
Ein Test für die Linke
Die Ereignisse 1989 und ihre Folgen waren Tests für MarxistInnen und
diejenigen, die beanspruchten, auf einer trotzkistischen Position zu
stehen. Mit Ausnahme des CWI war die Reaktion der meisten marxistischen
Organisationen gelinde gesagt unzulänglich. Die Morenoisten in
Lateinamerika (die Internationale Arbeiterliga, LIT) versuchte, den Kopf
in den Sand zu stecken und weigerte sich anzuerkennen, dass der
Kapitalismus wiederhergestellt worden sei. Sie änderten ihre Position
erst, als die Ereignisse ihnen ins Gesicht schlugen und es nicht mehr
möglich war, die Realität zu leugnen. Die „Staatskapitalisten“ – die
Führung der Internationalen Sozialistischen Tendenz, einschließlich der
britischen SWP – glaubten, dass Russland und Osteuropa keine
deformierten Arbeiterstaaten sondern staatskapitalistisch seien. Die
Rückkehr zum Kapitalismus wurde nicht als Niederlage sondern als
„Schritt zur Seite“ betrachtet. In Ostdeutschland unterstützte die IST
die Wiedervereinigung Deutschlands auf kapitalistischer Grundlage. Diese
Herangehensweise wurde von der verheerenden Theorie begleitet, dass sich
in der Welt nichts grundlegend geändert habe und dass daher die 1990er
Jahre günstig für den Marxismus seien, weil sie die „1930er Jahre in
Zeitlupe“ seien. Leider zogen die AnhängerInnen des Vereinigten
Sekretariats der Vierten Internationale auch pessimistische
Schlussfolgerungen. Ihr Haupttheoretiker, Ernest Mandel, gab kurz vor
seinem Tod gegenüber Tariq Ali zu, dass das „sozialistische Projekt“ für
mindestens 50 Jahre nicht mehr auf der Tagesordnung stehe!
Alle, die eine gewaltige Ausdehnung des Lebenszyklus des Kapitalismus
vorhersagten, die von der Beerdigung des Sozialismus für Generationen
begleitet werde, wurden in der Theorie durch die Argumente und Ideen
beantwortet, die der wirkliche Marxismus in den letzten zwei Jahrzehnten
vertrat. Aber die Auswirkung der Ereignisse, besonders die gegenwärtige
verheerende Weltkrise des Kapitalismus, war die größte Antwort auf die
SkeptikerInnen. Das wirtschaftliche Eingreifen der kapitalistischen
Regierungen weltweit hat es, vielleicht nur vorübergehend, geschafft,
eine unmittelbare Wiederholung der Weltdepression der 1930er Jahre zu
vermeiden. Gleichzeitig ist das Bewusstsein der Arbeiterklasse bezüglich
der Schwere der Lage noch nicht auf der Höhe der objektiven Lage. Dies
stellte das vorher erschütterte Vertrauen der Sprecher des
Weltkapitalismus wieder her, die gefürchtet hatten, dass sich im Gefolge
der Krise Massenunruhen entwickeln würden, die die Grundlagen ihres
System in Frage stellen würden.
Im Allgemeinen ist das menschliche Denken sehr konservativ; das
Bewusstsein der Arbeiterklasse hinkt immer hinter den Ereignissen her.
Dies wird verstärkt, wenn die Arbeiterklasse keine Massenorganisation
hat, die als Bezugspunkt im Kampf gegen den Kapitalismus wirken kann.
Die Rechten, sogar die Rechtsextremen, scheinen die ersten politischen
Hauptnutznießer dieser Krise zu sein. Dies ist in der ersten Phase einer
Wirtschaftskrise nicht einmalig oder außergewöhnlich. Etwas Ähnliches
entwickelte sich in manchen Ländern in den 1930er Jahren, worauf der
britische politische Kommentator Seumus Milne kürzlich im „Guardian“
hinwies. Aber er war zu pauschal, wenn er den Eindruck erweckte, dass
dies damals die unmittelbare Reaktion in allen Ländern gewesen wäre. In
den 1930er Jahren gab es auch eine politische Radikalisierung in der
Arbeiterklasse in einem viel größeren Ausmaß als sie sich bisher in
dieser Krise entwickelt hat.
Es stimmt, dass es als Folge der Krise der 1930er Jahre die Stärkung der
Nazis in Deutschland gab. Aber auch die spanische Revolution begann sich
zu entfalten und in Frankreich trat die Masse von 1931 an spät aber
entschlossen in Aktion. Der Faktor, den es in den 1930er Jahren gab,
wenn auch unvollkommen, und der heute noch nicht vorhanden ist, waren
sozialistische und kommunistische Massenparteien und Organisationen der
Arbeiterklasse, die, zumindest formell, in Opposition zum Kapitalismus
standen. Selbst in den US war die Arbeiterklasse zwar während der Krise
1929-33 zwar auf der betrieblichen Ebene gelähmt, aber beträchtliche
Teile wurden politisch radikalisiert und selbst die Kommunistische
Partei zum Beispiel füllte sich mit neuen Mitgliedern. Dass dies bisher
nicht in beträchtlichem Ausmaß geschehen ist, ist weitgehend das
Ergebnis des Fehlens selbst von kleinen Massenparteien der
Arbeiterklasse, deren Schaffung eine dringende Aufgabe für
SozialistInnen, MarxistInnen und die Arbeiterbewegung bleibt. Aber
selbst dann können viele dieser neuen Entwicklungen ins Stocken kommen,
manche können Fehlgeburten werden und sogar zusammenbrechen, wenn es
keinen festen marxistischen Kern gibt, der das theoretische Rückgrat
dieser Formationen bildet. Dies haben die Versuche, solche
Organisationen zu schaffen, schon unterstrichen. Trotzdem bleibt die
Schaffung der Grundlage solcher Formationen in der nächsten Periode eine
grundlegende Aufgabe.
1989 war ein Wendepunkt allgemein und auch für den Marxismus. Als
optimistischste aber auch realistischste Strömung innerhalb der
Arbeiterbewegung anerkannten wir, dass das, was geschehen war, ein
beträchtlicher Rückschlag für die Arbeiterbewegung war. Aber wir
gerieten nicht aus dem Gleichgewicht. Der Zusammenbruch des Stalinismus
beseitigte nicht die inneren Widersprüche des Kapitalismus. Es stimmt,
dass das System einen Auftrieb erhielt. Der Prozess der Globalisierung
wurde durch die Zufuhr billiger Arbeitskräfte, eine neue Quelle der
Ausbeutung und sogar der Superausbeutung durch den Kapitalismus
gefördert. Gerade die Schwäche der Arbeiterbewegung ermutigte das
Selbstvertrauen, in der Tat die überhebliche Arroganz der herrschenden
Klasse, die sich in den Seifenblasenwirtschaften der letzten zwei
Jahrzehnte übernommen hat. Auf die Hybris folgte die Nemesis dieser
Krise. Die Landschaft des Weltkapitalismus „blüht“ überhaupt nicht,
sondern ist gespickt mit Millionen ausrangierten Arbeitslosen und der
wachsenden Armee der Armen.
Die Arbeiterklasse reckt die Glieder und wehrt sich. Der Marxismus, der
durch die kapitalistischen Ideologen an den Rand gedrängt wurde, hat in
dieser schwierigen Periode seine Lebensfähigkeit gezeigt, indem er sich
dieser Lage stellte. Aber er zeigt seine Überlegenheit nicht nur in
Perioden der Niederlage durch eine nüchterne Analyse. In dieser neuen
Periode der zunehmenden Mobilisierung der Massen gegen den Kapitalismus
werden auch sein Programm und seine Politik durch die Socialist Party
und das CWI zu seinem Recht kommen. 1989 hat den Sozialismus oder
Marxismus nicht begraben. Es hat die Wahrnehmung der Arbeiterklasse
vorübergehend getrübt, die jetzt wieder klar wird durch die gegenwärtige
Krise und die Unfähigkeit dieses Systems, auch nur die grundlegenden
Bedürfnisse der Masse der Menschen auf dem Planeten zu erfüllen.
|