Was war die DDR?
[Druckversion] Thema: sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 9, Geschichte, DDR 1989, veröffentlicht: 07.10.2009
Zu Gründung und Niedergang einer Karikatur auf Sozialismus
Der 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer trifft zusammen mit
der größten Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft seit der Großen
Depression, die vor 80 Jahren begann. Diejenigen, die diese Krise zu
verantworten haben und nicht für ihre Folgen zahlen müssen - die
Kapitalisten und ihre Sachverwalter in den Regierungen - werden das
Jubiläum der revolutionären Massenbewegung in der DDR im Herbst 1989 und
des Zusammenbruchs der Ostblock-Staaten zum Anlass nehmen, von der Krise
ihres Systems abzulenken und zu behaupten, dass es zur kapitalistischen
Marktwirtschaft keine Alternative gebe - wie der Zusammenbruch des so
genannten ‘realen Sozialismus’ gezeigt habe.
von Sascha Stanicic
Gleichzeitig hat die Weltwirtschaftskrise das Selbstbewusstsein solcher
Linker wieder steigen lassen, die in der DDR und den anderen Staaten des
Ostblocks ein sozialistisches System, oder zumindest einen legitimen
‘Versuch’ ein solches zu errichten, erblicken und sicher gibt es auch
einige junge AntikapitalistInnen die sich fragen, ob an der DDR
tatsächlich alles so grausam war, wie es die pro-kapitalistischen
Massenmedien und bürgerlichen Politiker darstellen. Für die große
Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse und Jugendlichen gilt jedoch
weiterhin, dass die DDR eine Diktatur war, auch wenn ein wachsender Teil
der Ostdeutschen der sozialen Sicherheit und solidarischeren
gesellschaftlichen Atmosphäre der DDR zumindest eine Träne nach weint.
Die Haltung zur DDR ist dementsprechend von großer Bedeutung für
politische Kräfte, die sich den Sozialismus auf die Fahne geschrieben
haben. Darin beantwortet sich nicht nur die Frage, was man unter
Sozialismus versteht, sondern auch die Frage, ob man Vertrauen und
Unterstützung in einer Mehrheit der Arbeiterklasse für eine
sozialistische Perspektive wird finden können.
Voraussetzungen für die Gründung der DDR
Die DDR war ein Produkt der neuen Weltlage nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs. Dieser war von einem Bündnis ungleicher Kräfte gewonnen
worden: den kapitalistisch-imperialistischen Mächten USA, Frankreich,
Großbritannien und der nicht-kapitalistischen Sowjetunion. Mit der
Niederlage des Hitler-Faschismus war auch die Basis dieses Bündnisses
nicht mehr gegeben und die tiefen Gegensätze zweier grundsätzlich
unterschiedlicher Wirtschaftssysteme und der Interessen der in den
verschiedenen Systemen Herrschenden mussten im Verhältnis dieser Staaten
wieder dominant werden.
In der Sowjetunion war nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917
Kapitalismus und Großgrundbesitz abgeschafft worden. ArbeiterInnen und
Bauernschaft hatten das alte unterdrückerische und ausbeuterische System
hinweggefegt und einen Sowjetstaat errichtet. Sowjet ist das russische
Wort für ‘Rat’ - es war ein Staat der demokratisch gewählten Arbeiter-,
Soldaten- und Bauernräte. Diese hatten mehrheitlich die von Lenin und
Trotzki geführte bolschewistische Partei in die Führung der Räte gewählt
und auf der Basis des revolutionär-sozialistischen Programms der
Bolschewiki das Tor hin zur sozialistischen Weltrevolution aufgestoßen.
Doch außer den Russen schritt kein Land durch dieses aufgestoßene Tor.
Der russische Arbeiterstaat blieb isoliert. Und in seiner Isolierung und
wirtschaftlichen, sowie kulturellen Rückständigkeit war er nicht in der
Lage eine sozialistische Entwicklungsrichtung einzuschlagen. Die
politische Macht entglitt den Räten und konzentrierte sich in den Händen
der Funktionäre in Partei und Staat, die diese dazu nutzten ein System
zu etablieren, das ihnen Privilegien und Macht sicherte. Eine
unterdrückerische bürokratische Kaste erhob sich über die Gesellschaft,
ihr personalisierter Ausdruck war Josef Stalin, Generalsekretär der
Kommunistischen Partei. Doch diese Kaste tastete die durch die
Oktoberrevolution geschaffenen ökonomischen Verhältnisse in Russland
nicht an: das Staatseigentum an Industrie und Banken, das staatliche
Außenhandelsmonopol - der Kapitalismus blieb abgeschafft. Die
Sowjetunion war schon kein Kapitalismus mehr, aber auch weder
Sozialismus noch eine Arbeiterdemokratie (in klassischer marxistischer
Terminologie ‘Diktatur des Proletariats’), sondern eine nicht
vorhersehbare nicht-kapitalistische Übergangsgesellschaft, in der eine
bürokratische Funktionärselite eine Diktatur über das Proletariat
errichtet hatte. Trotzki nannte diesen Staat einen ‘entarteten
Arbeiterstaat’, das System ging als Stalinismus in die Geschichte ein.
Ein Verständnis des Charakters der Sowjetunion ist eine Voraussetzung
für ein Verständnis der DDR. Nicht nur, weil die DDR durch die
sowjetische Besatzung nach dem Modell des sowjetischen Staates
geschaffen wurde. Sondern auch, weil die Entstehungsgeschichte der DDR
nur durch ein Verständnis der Interessen der Führung der Sowjetunion
erklärt werden kann.
Diese hatte sich wie ein Krebsgeschwür in die verstaatlichte
Planwirtschaft Russlands hinein gefressen. Sie musste Marxismus und die
Ideale der Oktoberrevolution propagieren, weil sie ansonsten keine
soziale Verankerung in der Gesellschaft hatte, die Produktionsmittel
gehörten ihr ja nicht, sondern sie hatten nur die Kontrolle darüber. Sie
musste sich gleichsam gegen die eigene Arbeiterklasse rüsten, da diese
sich gegen politische Unterdrückung und Abschöpfung eines großen Teils
des gesellschaftlichen Mehrprodukts zur Finanzierung der Privilegien der
Bürokratie hätte wenden können, als auch gegen den internationalen
Kapitalismus, der das Gebiet der Sowjetunion für den Weltmarkt verloren
hatte und ein natürliches Expansionsstreben in diese Richtung entwickeln
musste. Letzteres war auch der Grund, weshalb Großbritannien und andere
imperialistische Mächte, trotz ihrer Interessenkonflikte mit dem
faschistischen Deutschland, zuerst darauf hofften, dass Hitler die
Sowjetunion bezwingen würde und erst im Verlauf der Ereignisse gezwungen
wurden, mit der Sowjetunion ein Bündnis gegen das Weltmachtstreben des
deutschen faschistischen Kapitalismus zu bilden.
Ausgehend von dieser Konstellation hatte die herrschende Elite in Moskau
vor allem an einem Zustand Interesse: Ruhe. Sie hatte kein Interesse an
Revolutionen der Arbeiterklasse in anderen Ländern, weil wirkliche
Arbeitermacht in einem anderen Land, ihre privilegierte und
diktatorische Stellung in der Sowjetunion hätte in Frage stellen können.
Sie wollten natürlich auch Sicherheit vor Versuchen der
imperialistischen Staaten, sich den russischen Markt wieder unter den
Nagel zu reißen, weil das ihre eigene Machtbasis untergraben hätte.
Stalins Außenpolitik
Dieser Wunsch der Moskauer Bürokratie nach dem Erhalt der bestehenden
Verhältnisse drückte sich seit Mitte der dreißiger Jahre des letzten
Jahrhunderts in einer Politik der Bündnisse mit kapitalistischen Kräften
zur Verteidigung der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie gegen den
Faschismus aus. Auf diesem Altar wurde die Spanische Revolution
geopfert. Dass die Stalin-Clique keinerlei politische Prinzipien hatte,
sondern nur ihre eigene Position sichern wollte, zeigte sich dann nicht
zuletzt beim Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und
Nazi-Deutschland, dem so genannten Hitler-Stalin-Pakt. Dieser sollte
einen Angriff Deutschlands auf die UdSSR verhindern und ermöglichte der
sowjetischen Bürokratie gleichzeitig ihr Einflussgebiet auf Ostpolen und
das Baltikum auszudehnen. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion
schwenkte die stalinistische Bürokratie wieder auf den Kampf für ‘die
Demokratie’ um und bildete die Anti-Hitler-Koalition mit den
‘demokratischen’ Imperialisten Roosevelt, Churchill und de Gaulle.
Doch während sie kein Interesse an wirklichen sozialistischen
Revolutionen hatte, weil diese zu wirklicher Arbeitermacht hätten führen
können, war sie in den Ländern, die sie in ihr Machtgebiet einverleibte
geradezu gezwungen, deren soziale und ökonomische Struktur der der
Sowjetunion anzugleichen. Dies geschah nach 1939 in Polen. Leo Trotzki
hatte das vorhergesehen. In einem in dem Sammelband ‘Verteidigung des
Marxismus’ veröffentlichten Text schrieb er: “Insofern Stalins
bonapartistische Diktatur sich nicht auf privates, sondern auf
Staatseigentum gründet, müsste die Invasion in Polen durch die Rote
Armee der Natur der Sache nach mit der Beseitigung des
privatkapitalistischen Eigentums enden, um das Regime in den besetzten
Gebieten in Übereinstimmung zu bringen mit dem Regime der UdSSR. Diese
Maßnahme, revolutionär in ihrem Charakter - ‘die Expropriation der
Expropriateure’ -, wird in diesem Fall auf militärisch-bürokratische
Weise durchgeführt.”
Diese beiden Aspekte - das Sicherheitsbedürfnis der Sowjetunion und die
sich aus dem nicht-kapitalistischen Klassencharakter ihrer Ökonomie
ergebende Dynamik - spielten eine entscheidende Rolle bei der Politik
der sowjetischen Besatzungsmacht in Ostdeutschland und der späteren DDR.
Mit der Niederlage Deutschlands bestand die Grundlage für das Bündnis
zwischen der Sowjetunion auf der einen und den USA, Großbritannien und
Frankreich auf der anderen Seite nicht mehr. Doch das Auseinanderbrechen
dieses Bündnisses war in der tatsächlichen geschichtlichen Entwicklung
natürlich ein Prozess, der bis Frühjahr 1947 dauerte. Bis dahin
erweckten die Siegermächte den Anschein, sie könnten Europa im Konsens
unter sich aufteilen. Wie dies geschah, berichtet Winston Churchill in
seinen Memoiren: “Um 10.00 abends des 9. Oktober 1944 fanden wir uns
dann zur ersten wichtigen Sitzung im Kreml ein. Da mir der Moment
günstig erschien, um die Dinge entschlossen anzupacken, sagte ich:
‘Lassen sie uns unsere Angelegenheiten im Balkan regeln. Ihre Armeen
sind in Rumänien und Bulgarien. Wir haben dort Interessen, Missionen und
Agenten. Lassen Sie uns dort nicht in kleinlicher Weise gegeneinander
arbeiten. Um nur von Großbritannien und Russland zu sprechen, was würden
Sie dazu sagen, wenn Sie in Rumänien zu neunzig Prozent das Übergewicht
hätten und wir zu neunzig Prozent in Griechenland, während wir uns in
Jugoslawien auf halb und halb einigen?’ Während das übersetzt wurde,
schrieb ich auf ein halbes Blatt Papier:
Rumänien: Russland 90%, die anderen 10%;
Griechenland: Großbritannien 90% (im Einvernehmen mit den USA), Russland
10%;
Jugoslawien: 50:50;
Ungarn: 50:50;
Bulgarien: Russland 75%, die anderen 25%.
Ich schob den Zettel Stalin zu, der mittlerweile die Übersetzung gehört
hatte. Eine kleine Pause trat ein. Dann ergriff er einen Bleistift,
machte einen großen Haken und schob uns das Blatt zu. Die ganze Sache
beanspruchte nicht mehr Zeit, als sie zu schildern. Das mit Bleistift
beschriebene Papier lag in der Mitte des Tisches. Schließlich sagte ich:
‘Könnte man es nicht für ziemlich frivol halten, wenn wir diese Fragen,
die das Schicksal von Millionen Menschen berühren, in so nebensächlicher
Form behandeln? Wir wollen den Zettel verbrennen.’ ‘Nein, behalten Sie
ihn’, sagte Stalin.”
Besetzung Deutschlands
Als die Rote Armee den Osten Deutschlands besetzte und die Sowjetische
Besatzungszone (SBZ) gebildet wurde, hatte die Moskauer Führung keinen
Plan, den Kapitalismus in der SBZ abzuschaffen. Sie wollte ihre Macht
erhalten und an den Wiederaufbau der stark zerstörten Sowjetunion gehen.
Um letzteres zu ermöglichen erhob die Sowjetunion enorme
Reparationsansprüche an das niedergerungene Deutschland. Diese konnte
sie nach dem Potsdamer Abkommen der Siegermächte aus der SBZ entnehmen
und außerdem zu einem Teil aus den von den westlichen Alliierten
besetzten Zonen.
Die Reparationen an sich waren schon ein anti-sozialistischer Akt, der
das Potenzial für eine tatsächlich sozialistische, also von der
deutschen Arbeiterklasse selber getragene, Umwälzung der Gesellschaft
erschwerte. Warum? Erstens lag der Logik der Reparationen die als
Kollektivschuldthese bekannte Annahme zu Grunde, das gesamte deutsche
Volk, also einschließlich der Arbeiterklasse, trage die Verantwortung
für den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg. Warum diese These falsch
ist, kann an dieser Stelle nicht ausführlich erläutert werden. Es sei
nur daran erinnert, dass die NSDAP zu keinem Zeitpunkt bei freien Wahlen
eine Mehrheit in der Weimarer Republik erzielte und Hitler nur mit den
Stimmen der anderen bürgerlichen Parteien im Reichstag zum Kanzler
gewählt und sein Ermächtigungsgesetz durchsetzen konnte, ganz zu
Schweigen von der massiven finanziellen Unterstützung der Nazis durch
die Krupps und Thyssens. Die Nazi-Diktatur war eine Diktatur über die
Arbeiterklasse, ihr erster Zweck die Zerstörung der organisierten
Arbeiterbewegung in Deutschland mit dem Ziel die Macht des Kapitalismus
zu erhalten, die Profitraten zu steigern und Deutschland kriegsfähig zu
machen.
Zweitens musste die deutsche Arbeiterklasse und nicht die
Kapitalistenklasse für die Reparationen zahlen. Das konnte die
Unterstützung für die Sowjetunion in der deutschen Bevölkerung nur
untergraben.
Drittens führten die Reparationen zu einer Schwächung der deutschen
Industrie und damit auch der Arbeiterklasse und der ökonomischen Basis
für einen möglichen zukünftigen deutschen Arbeiterstaat.
Die Politik Stalins nach dem Zweiten Weltkrieg stand in offensichtlichem
Gegensatz zur Politik der Bolschewiki und des revolutionären Russlands
nach dem Ersten Weltkrieg, als von dort die Forderung nach einem
‘demokratischen Frieden ohne Annexionen und Reparationen’ aufgestellt
wurde.
Das Stabilitäts- und Sicherheitsbedürfnis der sowjetischen Bürokratie
führte dazu, dass sie für Deutschland keine sozialistische
Gesellschaftsform anstrebte, sondern einen entmilitarisierten,
neutralen, kapitalistischen Pufferstaat favorisierte. Diesen Gedanken
vertrat Stalin selbst noch 1952 in der berühmten Stalin-Note, die ein
vereinigtes, neutrales Deutschland mit eigenen Streitkräften vorsah. In
diesem Zusammenhang kann man sehr wohl sagen, dass die Teilung
Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend von den Westmächten
und der Adenauer-Regierung zu verantworten ist. Adenauers Leitsatz aus
Sicht des Kapitalismus war: Lieber das halbe Deutschland ganz, als das
ganze Deutschland halb.
Natürlich versuchte die stalinistische Bürokratie trotzdem ein Höchstmaß
an Kontrolle über die SBZ zu erlangen. Das war aus ihrer Sicht am besten
möglich, wenn Mitglieder der KPD die entscheidenden Funktionen
besetzten. Der spätere SED-Führer Walter Ulbricht fasste das so
zusammen: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der
Hand haben.“
Sozialistische Stimmung in der Arbeiterklasse
Tatsächlich gab es nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der
Arbeiterklasse Deutschlands eine ausgeprägt pro-sozialistische Stimmung.
Vielen war klar, dass der Faschismus weder vom Himmel gefallen war, noch
Produkt des kollektiven Wahnsinns des gesamten deutschen Volks war. Um
eine Wiederholung einer faschistischen Diktatur und der Grauen des
Krieges zu vermeiden gab es massenhafte Unterstützung für die Idee der
Sozialisierung der großen Industrien und für die Idee der Einheit der
Arbeiterbewegung, denn die Unfähigkeit von SPD und KPD vor 1933
geschlossen gegen die Nazis zu kämpfen wurde zu Recht als eine wichtige
Voraussetzung für Hitlers Machtergreifung gesehen.
Dementsprechend gab es nach Kriegsende in vielen Städten und Betrieben
eine Dynamik zur antifaschistischen Selbstorganisation von
ArbeiterInnen. Diese versuchten durch den Aufbau so genannter
Antifa-Komitees und räteähnlicher Strukturen Wirtschaft und Versorgung
wieder ins Laufen zu bekommen und eine Entnazifizierung in Staat, bzw.
was davon übrig war, und Verwaltung zu organisieren.
Ein Bericht des US-Geheimdienstes vom 30. Juni 1945 führt dazu aus: “Ein
Kennzeichen, der als Massenorganisationen gebildeten antifaschistischen
Gruppierungen ist (...) der Wunsch derjenigen sozialen Gruppen, die in
den letzten 12 Jahren keine Möglichkeit hatten, ihr Leben selbst zu
gestalten, beim Aufbau Deutschlands Einfluss zu gewinnen. (...) Diese
Organisationen entsprangen der Überzeugung, dass der Nationalsozialismus
aus jedem Lebensbereich Deutschlands getilgt werden müsse. Diese
Überzeugung wird nicht nur als ideologisches Prinzip vertreten, das für
ein neues demokratisches Deutschland nötig sei, sondern auch als ein
realistisches Konzept, das eine grundlegende Machtverschiebung vorsieht;
d.h., die Gruppen, die den Nationalsozialismus hervorgebracht hätten und
ihn zwangsläufig hervorbringen müssten, sollten die Macht an die Gruppen
abtreten, die von ihm unterdrückt worden seien (...) Die Mehrheit der
Organisationen wurde folglich aus Widerstandszellen der Nazi-Periode
gebildet, d.h. von denjenigen, die von Anfang an auf den Umsturz der
Nazis und ihrer wirtschaftlichen und sozialen Trägerschichten abzielten.
(...) Unter diesen Umständen (ist) es natürlich, dass die alte
Arbeiterklasse, die aktivste Gruppe von Nazi-Gegnern in der deutschen
Gesellschaft, die überwiegende Mehrheit und auch den Großteil der Führer
dieser Organisationen stellt.”
In seinem Roman ‘Schwarzenberg’ beschreibt Stefan Heym beeindruckend,
wie sich in dem Teil des Erzgebirges, in dem für eine kurze Zeit keine
Besatzungstruppen stationiert waren, eine weitgehende Selbstorganisation
der Bevölkerung entwickelte, die sich ein in Grundzügen sozialistisches
Programm zum Wiederaufbau der Gesellschaft zu eigen machte.
Die Forderung nach Sozialisierung der Wirtschaft war weit verbreitet.
Der sozialistische Historiker der deutschen Arbeiterbewegung Wolfgang
Abendroth schrieb dazu, das diese Zeit “die kurze Blüteperiode
sozialistischen Denkens (war), in der es (...) auch vorübergehend ohne
Zweifel die Majorität dieser Nation gewonnen hatte,” Dies galt, nebenbei
bemerkt, nicht nur für Deutschland, sondern für einen großen Teil des
von faschistischer Besatzung und Krieg befreiten Europas.
Diese pro-sozialistische Stimmung und die Hoffnung auf einen Aufbau
einer Gesellschaft, in der mit der Macht der Kapitalisten auch die
Wurzeln von Faschismus und Krieg ausgemerzt würden, drückte sich in
vielerlei Hinsicht aus. Die in den westlichen und östlichen Zonen
gegründeten Parteien mussten sich ein sozialistisches Profil geben. Die
CDU bezeichnete sich 1946 in Berlin als ‘die große deutsche
sozialistische Volkspartei’ und in ihrem Ahlener Programm von 1947
schrieb die NRW-CDU: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den
staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht
gerecht geworden. (…) Inhalt und Ziel (einer) sozialen und
wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn-
und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.” Ein
‘Sozialismus aus christlicher Verantwortung’ wurde von Jakob Kaiser und
anderen CDU-Führern propagiert. Der SPD-Führer der Westzonen Kurt
Schumacher sprach vom ‘Sozialismus als Tagesaufgabe’ und die
Gewerkschaftsführer Hans Böckler und Fritz Tarnow werden mit folgenden
Worten zitiert: “Der Kapitalismus liegt in seinen letzten Zügen.” Und:
“Die Gegenwart geht schwanger mit einer neuen Ordnung. (...) Es kann
kein Zweifel sein, dass die Uhr der freien, privat-kapitalistischen
Produktionsordnung abgelaufen ist.” Am 1 Dezember 1946 stimmten 72
Prozent bei einer Volksabstimmung in Hessen für die Überführung in
gesellschaftliches Eigentum von Bergbau, der Eisen und Stahl erzeugenden
Industrie und des an Schienen und Oberleitungen gebundenen
Verkehrswesens. Im Juni erzielte ein Volksentscheid in Sachsen für die
Enteignung der Betriebe von aktiven Nationalsozialisten und
Kriegsverbrechern sogar 77,7 Prozent.
Das Bewusstsein und der Wille in der Arbeiterklasse war nach dem Zweiten
Weltkrieg kein Hindernis für einen sozialistischen Wiederaufbau
Deutschlands. Das waren die Interessen der Besatzungsmächte - in West
und Ost.
Dies widerspiegelte sich im Programm der am 11. Juni 1945 wieder
gegründeten KPD, welches ‚bürgerlicher‘ war als alle anderen
Parteiprogramme. Darin war mit keinem Wort vom Sozialismus die Rede. Die
KPD war nicht mehr als ein Organ der Außenpolitik Moskaus. Die Macht in
der SBZ lag in den Händen der Sowjetischen Militäradministration (SMAD).
Die SMAD ließ ab Mitte Juni Parteien zu, um den Antifa-Komitees, die
später auch bürokratisch aufgelöst wurden, die Initiative aus der Hand
zu nehmen und vor allem über die KPD die Kontrolle über das politische
Leben in der deutschen Bevölkerung ausüben zu können. Sie verfügte in
ihrem ‘Befehl Nummer 2‘: “Es wird bestimmt, dass für die ganze Zeit des
Okkupationsregimes die Tätigkeit aller (..) Organisationen unter der
Kontrolle der Sowjetischen Militärischen Administration und entsprechend
den von ihr gegebenen Instruktionen vor sich gehen wird.”
Selbstbestimmung eines Volkes sieht anders aus.
Der Historiker Hermann Weber schreibt in seiner ‘Geschichte der DDR’
über die Gründung der KPD: “Der Gründungsaufruf der KPD vom 11. Juni
forderte (...) Die ‘Liquidierung der Überreste des Hitlerregimes’, aber
keineswegs eine sozialistische Umgestaltung Deutschlands, sondern die
‘Vollendung’ der Revolution von 1848. So wirkte der Aufruf in vielen
Teilen wie eine Abkehr von den revolutionären Traditionen der Partei.
Die KPD-Führer wandten sich nachdrücklich gegen die Einführung des
Sowjetsystems in Deutschland, da ‘dieser Weg nicht den gegenwärtigen
Entwicklungsbedingungen in Deutschland’ entspräche. Vielmehr traten sie
ein für die Errichtung einer ‘demokratischen Republik’, eines
‘antifaschistisch-demokratischen Regimes’ mit ‘allen Rechten und
Freiheiten für das Volk’. Darüber hinaus sicherte der Aufruf die ‘völlig
ungehinderte Entfaltung des freien Handels und der privaten
Unternehmerinitiative’ zu. Diese Politik entsprach völlig der damaligen
Linie Stalins für Osteuropa und Deutschland. Ulbricht selbst bestätigte
später, dass ‘das Politbüro der KPdSU uns ausdrücklich darauf aufmerksam
machte, dass wir in Deutschland nicht die Formen der Sowjetmacht und
andere sowjetische Formen einfach übernehmen können.”
Hinter dieser Linie steckte das grundlegende Interesse der Moskauer
Bürokratie den status quo zu erhalten, unabhängige sozialistische
Bewegungen der Arbeiterklasse zu unterdrücken und einen Ausgleich mit
dem Imperialismus in ‘friedlicher Koexistenz’ zu finden. Die
theoretische Begründung für diese Politik war mit der so genannten
Etappentheorie geliefert worden, die eine lange Phase
demokratisch-kapitalistischer Entwicklung als Voraussetzung für eine
sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft betrachtete. Gleichzeitig
wollte die Sowjet-Bürokratie mittels Besatzung und KPD die Kontrolle
über die SBZ in ihren Händen konzentrieren. Die Bewegung der
Antifa-Komitees und die revolutionären Ambitionen vieler einfacher
KPD-Mitglieder standen dem im Weg. Wolfgang Leonhard, der zur ‘Gruppe
Ulbricht’ der Exil-Kommunisten gehörte, die als erste mit den Sowjets in
Ostdeutschland eintraf, schreibt in seinem Buch ‘Die Revolution entlässt
ihre Kinder’: “Der Stalinismus kann nicht zulassen, dass durch
selbständige Initiative von unten antifaschistische, sozialistische und
kommunistische Bewegungen oder Organisationen entstehen, denn er liefe
stets Gefahr, dass sie sich seiner Kontrolle entziehen und sich gegen
Direktiven von oben zu stellen versuchen. Die Auflösung der
Antifaschistischen Komitees war daher nichts anderes als die
Zertrümmerung erster Ansätze einer vielleicht machtvollen,
selbständigen, antifaschistischen und sozialistischen Bewegung. Es war
der erste Sieg des Apparats über die selbständigen Regungen der
antifaschistischen, links eingestellten Schichten Deutschlands.”
Nach den Antifa-Komitees wurden später auch die Betriebsräte aufgelöst.
Dazu schreibt Hermann Weber: “In den Betrieben herrschte nach Kriegsende
eine Art ‘Machtvakuum’, das - wie auch im Westen Deutschlands - von den
Vertretern der Arbeiter, in erster Linie von den Betriebsräten
ausgefüllt wurde. Sie wollten den Wiederaufbau ‘von der Basis’ her voran
treiben, die Wirtschaft demokratisieren. Vor allem die älteren
Industriefacharbeiter ergriffen spontan die Initiative, um eine Art
Selbstbestimmung der Arbeiter zu erreichen. Auch wenn diese Entwicklung
nicht überschätzt werden sollte, so hat doch erst die schrittweise
Aushöhlung und dann die Auflösung der Betriebsräte diese
Arbeiterinitiative mit ihrer betrieblichen Mitbestimmung in der SBZ ganz
ausschalten können. Sie passte nicht in das Konzept von SMAD und
KPD-SED.”
Bildung der Blockparteien
Unmittelbar nach der KPD-Gründung wurden auch andere Parteien gebildet:
SPD, CDU und LDPD. Am 14. Juli bildeten diese vier Parteien den
‘Antifaschistischen Block’. Dieser markierte den ersten Schritt zur
Gleichschaltung aller Parteien unter der Kontrolle und unter dem Druck
der SMAD. Diese bemühte sich sogar, dass die anderen Parteien gegründet
wurden. Wolfgang Leonhard beschreibt eine “groteske Situation”, die aber
illustriert, wie die Parteien von oben gegründet wurden: “So erzählte
ein Genosse aus einem etwas abgelegenen Brandenburger Bezirk, wie ihn
der Kommandant nach der Bildung der Einheitsfront der vier Parteien
holen ließ:
‚Haben bekommen wichtige Mitteilung aus Berlin. Sind gegründet worden
vier antifaschistisch-demokratische Parteien und haben gebildet
Einheitsfront. Muss jetzt wissen, wie es bei uns im Bezirk steht. Gibt
es bei uns Kommunistische Partei?’
‚Ja.’
‚Gibt es bei uns Sozialdemokratische Partei?’
Nein, noch nicht, Genosse Kommandant.’
‚Sähr schlecht. Müssen haben Sozialdemokratische Partei. Gibt es bei uns
Christlich-Demokratische Union?’
‚Nein, Genosse Kommandant.’
‚Warum nicht? Steht hier geschrieben: Christlich-Demokratische Union.
Gibt es bei uns Liberal-Demokratische Partei?’
‚Nein, Genosse Kommandant.’
Der Kommandant war sichtlich ungehalten.
‘Auch nicht? Schlecht! Müssen haben Liberal-Demokratische Partei. Du
bekommen Auftrag, gründen alle Parteien, wie hier geschrieben.’
‚Aber das geht doch nicht, Genosse Kommandant, ich bin doch der Sekretär
der KPD-Ortsgruppe und kann doch nicht die anderen Parteien gründen!’
Das schien dem Kommandanten einzuleuchten. ‘Du kennen Sozialdemokraten?’
‘Ja, Genosse Kommandant, aber die sind jetzt in die KPD eingetreten.’
‚Nitschewo! Müssen wieder austreten und gründen SPD, wie hier steht
geschrieben.’
So geschah es auch. Schließlich wurden noch zwei Bürgerliche gefunden,
die Ortsgruppen der anderen beiden Parteien organisierten.
Der Kommandant rieb sich erfreut die Hände:
‘Jetzt gutt’, rief er lachend und lud den Sekretär zu einem Glas Wodka
ein, ‘nun kann berichten, dass alle vier Parteien haben wie steht
geschrieben in Direktive aus Berlin. Jetzt müssen noch schnell
Einheitsfront gründen.’”
Hoffnung in der Arbeiterklasse
Natürlich gab es viele ArbeiterInnen, die mit Begeisterung und der
Hoffnung ein neues, friedliches und sozialistisches Deutschland
aufzubauen KPD und SPD eingetreten sind. Gerade in der KPD gab es viele
alte Kommunisten, die mit der bürgerlichen Linie der Parteiführung und
der SMAD haderten. Viele hofften zweifellos, dass die undemokratischen
Strukturen und Maßnahmen vorübergehende Erscheinungen seien, die mit
einer Stabilisierung der Verhältnisse und wirtschaftlicher Entwicklung
sich zurück entwickeln würden. Es sollte auch nicht vergessen werden,
dass eine halbe Million Deutsche in den vierziger und fünfziger Jahren
von West nach Ost ‘rüber machten’, darunter nicht wenige
antifaschistische Intellektuelle, die sich erhofften einen Beitrag zu
einer sozialistischen Entwicklung in Deutschland leisten zu können und
aus der Emigration in die SBZ kamen. Dazu gehörten unter anderem Bertolt
Brecht, Stefan Heym, Anna Seghers, Arnold Zweig und Ernst Bloch. Der
Schriftsteller Peter Hacks siedelte noch 1955 von München in die DDR
über.
Für viele war auch klar, dass eine Bedrohung des Nachkriegs”friedens”
vom Westen ausging. Während die DDR die Oder-Neiße-Grenzen zu Polen und
damit die Gebietsverluste Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg
anerkannte, hielt die Bundesrepublik an der Forderung einer
Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937 fest, was eine
militärische Konfrontation mit der Sowjetunion und Polen implizierte.
Dass aber die Autorität der KPD unter den realen sich entwickelnden
Bedingungen litt und sie keine mehrheitliche Unterstützung in der
Arbeiterklasse erreichen konnte, hing mit ihrem bürokratischen Vorgehen
und ihrer hundertprozentigen Identifikation mit der SMAD zusammen. So
färbten auch die Übergriffe russischer Soldaten vor allem auf Frauen und
die harten Reparationen auf die KPD ab. Die Unterdrückung der
selbständigen Initiativen in der Arbeiterklasse führten zu Enttäuschung,
Frustration und Rückzug aus der Aktivität bei vielen ArbeiterInnen. Ein
Beispiel nennt Robert Bechert in seinem Buch ‘Die gescheiterte
Revolution’: “Die Folge war, dass eine Reihe dieser ersten Aktivisten es
ablehnte, KPD oder SPD beizutreten als diese wieder gegründet wurden.
Leonhard schreibt darüber wie in Dresden 20.-30.000 Leute einer ‘Antifa’
beitraten. Aber später, nachdem sie unterdrückt worden war, traten nur
7.000 der ‘Antifa’ der KPD und 3.000 der SPD bei. Für einige war das die
erste Lektion in Sachen Stalinismus.”
Der Kapitalismus wird angeschafft
Das politische Konzept Stalins - einen einheitlichen neutralen
Pufferstaat in Deutschland zu errichten - musste mit der Realität in
einen Konflikt geraten. Der westliche Imperialismus hatte kein Interesse
an einer friedlichen Koexistenz mit der Sowjetunion. Der Verlust eines
großen Teils des Weltmarktes für seine Investitionen und für die
Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften, der Widerspruch der
Wirtschaftssysteme musste früher oder später eine Konfrontation zwischen
Kapitalismus und Stalinismus hervorbringen. Gleichzeitig entwickelte
sich in der SBZ eine Dynamik dahin, das dort entstandene Vakuum - in der
SBZ war im Gegensatz zu den westlichen Besatzungszonen ein weitgehendes
Entnazifizierungsprogramm umgesetzt worden und ein großer Teil der
Kapitalisten und Großgrundbesitzer war vor der Roten Armee in den
Westteil Deutschlands geflüchtet - durch ein dem System der
Besatzungsmacht gleichendes System zu ersetzen. Dazu kam der Druck und
die Erwartungshaltung für tief greifende soziale Veränderungen in großen
Teilen der Arbeiterklasse. Schritt für Schritt wurde nun in Wirtschaft
und Staat ein System entwickelt, das weitgehend dem Modell der
Sowjetunion entsprach.
1946 wurde eine Landreform durchgeführt, die den Großgrundbesitz der
Junker enteignete. Als nächster Schritt wurden die Unternehmen von Nazis
und Kriegsverbrechern enteignet. Die KPD hatte anfangs noch das Angebot
der SPD zu einem Zusammenschluss abgelehnt, weil sie sich zunächst
selber konsolidieren und ihren Funktionärsapparat auf Linie bringen
wollte. Im April 1946 kam es dann zur Vereinigung der beiden
Arbeiterparteien und zur Gründung der Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands (SED). Diese Vereinigung konnte sich zwar auf den Wunsch
nach Einheit in breiten Teilen der Arbeiterbewegung stützen, aber die
Erfahrungen mit SMAD und KPD hatten auch viele Mitglieder der SPD
skeptisch gemacht. Hintergrund der plötzlichen Vereinigungsbereitschaft
der KPD-Führung war die Sorge, die Kontrolle in der SBZ zu verlieren.
Bei den Wahlen in Österreich und in Ungarn hatten die Kommunistischen
Parteien schlechte Ergebnisse erzielt. Das alarmierte die KPD-Führung
und ließ sie die Vereinigung schnell und bürokratisch durchziehen. Nicht
selten übte der SMAD Druck vereinigungsunwillige Sozialdemokraten aus.
1948 hatte die Partei fast zwei Millionen Mitglieder, circa 16 Prozent
der erwachsenen Bevölkerung war Parteimitglied. Allein diese große Zahl
zeigt, dass es sich dabei nicht nur um Karrieristen und Apparatschiks
handeln konnte. Die Größe der SED war ein Ausdruck der Tatsache, dass es
eine große gesellschaftliche Basis für die Hoffnung auf eine
sozialistische Entwicklungsrichtung gab.
Dies galt umso mehr, da der US-Präsident Truman 1947 den Kalten Krieg
ausgerufen hatte. Der Imperialismus setzte auf Konfrontation und auf
Einbindung Westdeutschlands in seine ökonomische und später auch
militärische Struktur. Die vollständige Abschaffung kapitalistischer
Verhältnisse und die Einführung einer staatlich gelenkten Planwirtschaft
war durch die Sowjetunion eine Reaktion auf diese Politik des Westens.
Die Staatsgründung der DDR war, nach der Gründung der Bundesrepublik
Deutschland, ebenso eine Reaktion. Das Ziel die staatliche Einheit
Deutschlands wieder her zu stellen, hielten beide Seiten formell
aufrecht. In der Realität sollte dies aus Sicht der auf beiden Seiten
Herrschenden jedoch nur unter der Voraussetzung der Übernahme der
eigenen staatlichen Struktur möglich sein, wobei darauf hingewiesen
werden muss, dass Stalin für die Schaffung eines neutralen Pufferstaates
in Deutschland noch 1952 offensichtlich bereit war die
SED-Alleinherrschaft zu opfern.
Privilegien und Machtkonzentration
Es kann in diesem Artikel nicht darum gehen die Entwicklung der Politik
der DDR-Führung, ihre Zick-Zacks und verschiedenen Versuche auf
ökonomische Schwierigkeiten einzugehen im Detail nach zu zeichnen.
Entscheidend ist den Charakter und die grundlegenden Strukturen der DDR
zu verstehen.
Das Mehrparteiensystem der DDR war eine schlechte Karikatur einer
tatsächlich demokratischen Gesellschaft, in der die Freiheit zur Bildung
politischer und gewerkschaftlicher Organisationen und Parteien
existiert. Die Parteien waren in der ‘Nationalen Front zusammen
geschlossen und erkannten die führende Rolle der SED an. So erklärte zum
Beispiel der Hauptvorstand der Ost-CDU im Juli 1952, die CDU “erkennt
die führende Rolle der SED als der Partei der Arbeiterklasse
vorbehaltlos an. Sie ist überzeugt, dass der erfolgreiche Aufbau des
Sozialismus in der DDR nur auf der Grundlage der fortgeschrittenen
Wissenschaft (...) des Marxismus-Leninismus möglich ist.”
In der, ohnehin wenig einflussreichen, Volkskammer waren neben den
Abgeordneten der Parteien auch VertreterInnen der so genannten
Massenorganisationen - Gewerkschaften, Freie Deutsche Jugend etc. -
vertreten. Letztere waren in ihrer übergroßen Mehrheit Mitglieder der
SED, so dass diese immer über eine satte Mehrheit in der Volkskammer
verfügte. Ohnehin aber gab es nur eine Einheitsliste zu wählen und keine
Möglichkeit unabhängig gegen diese zu kandidieren. Die Macht der SED
stützte sich in den ersten Jahren auf die sowjetische Besatzung. Georg
Fülberth, Politikwissenschaftler und DKP-Mitglied, schreibt in seinem
Buch über die deutsche Nachkriegsgeschichte ‘Finis Germaniae’:
“Angesichts der Opfer, welche die SED der Bevölkerung abverlangte, war
sie nicht populär. Die Partei war isoliert und wäre in freier Wahl
deshalb gewiss abgewählt worden. Diese wurden darum durch weithin
unfreiwillige Akklamation ersetzt. Für die erste Volkskammerwahl am
15.Oktober 1950 wurden wieder Einheitslisten der Nationalen Front
aufgestellt. Auf den Stimmzetteln fehlten diesmal sogar die Kreise für
Ja- und Nein-Stimmen.”
Die Opfer waren in der SBZ und späteren DDR jedoch ungleich verteilt. Es
entwickelte sich eine bürokratische Kaste von Partei- und
Staatsfunktionären, die erhebliche Privilegien und unkontrollierte
Machtfülle genossen. Hermann Weber schreibt dazu: “Indessen formierte
sich jedoch in der Zeit von 1949 bis 1953 in der DDR die gleiche
‘Oberschicht’, die in der UdSSR Machtpositionen besetzt und materiell
privilegiert ist. Sie umfasst die hauptamtlichen Mitarbeiter von Partei,
Staat, Sicherheitsorganen, Wirtschaft und Medien. Dabei spielte der
Parteiapparat, seine hauptamtlichen Kader, die entscheidende Rolle. Dazu
gehörten fast 2.000 zentrale Funktionäre und eine entsprechend große
Anzahl von Bezirks-, Kreis- und Ortssekretären, von Redakteuren,
Propagandisten und Instrukteuren. Für das Jahr 1950 registrierte die
offizielle Statistik 111.000 Angestellte (und 30.000 Arbeiter) bei
‘politischen, sozialen und wirtschaftlichen Organisationen. (...) Der
Hauptamtliche Apparat der SED, der die Partei befehligte und immer
stärker deren entscheidender Motor wurde, wuchs ständig. (...)
Materielle Privilegien erlangten vor allem die neuen Führungskräfte, die
die Staatswirtschaft, d.h. die über 5.000 Industriebetriebe, die
volkseigenen Güter, LPGs usw. anleitetet. Schließlich waren auch das
Offizierskorps, SSD (Staatssicherheitsdienst, A.d.A.) und Justiz Teil
der neuen Elite. Diese Oberschicht, die vermutlich eine halbe Million
Menschen umfasste, unterschied sich mit ihren Familien deutlich von der
Masse der Bevölkerung.”
Zweifellos, und darauf weisen Verteidiger der DDR gerne hin, waren die
materiellen Privilegien der DDR-Bürokratie nicht vergleichbar mit dem
ungeheuren privaten Reichtum, den die Kapitalistenklasse in der
Bundesrepublik akkumulieren konnte. Robert Bechert zutreffend, warum
dieser Vergleich aufgrund der unterschiedlichen sozialen Systeme hinkt:
“Es gab in den stalinistischen Ländern, inklusive der DDR, ein anderes
Bewusstsein als in den kapitalistischen Ländern. Im Kapitalismus gehört
es dazu, dass es eine herrschende Klasse gibt, die die Macht und den
Reichtum kontrolliert. In einem kapitalistischen System empfindet man es
als normal, dass die Besitzer des Reichtums den größten Anteil abkriegen
usw., auch wenn es Proteste gegen unmäßigen Reichtum und Privilegien
geben kann. Dies ist ein Grund, warum der Sozialismus wiederholt als
Alternative angesehen wurde.
Aber weil in den stalinistischen Staaten die wichtigsten Quellen des
Reichtums verstaatlicht waren und die Regime ‘sozialistische’ Phrasen
benutzten um ihre Herrschaft zu rechtfertigen, gab es unter den Massen
eine tiefe Ablehnung der Privilegien der bürokratischen Spitzen. Es
wurde keine Rechtfertigung für das sehr viel komfortablere Leben der
Elite gesehen. Das war der Grund der Grund für die Parolen gegen
Privilegien, die in der DDR-Revolution aufkamen. Deswegen untergrub die
detaillierte Aufdeckung der Privilegien der Bürokratie und der Stasi das
Regime nach dem November (1989, A.d.A.) so schnell. Das ist in
Revolutionen in kapitalistischen Ländern nicht unmittelbar vorgekommen.
Natürlich gab es im Falle der DDR weitere Faktoren. Zum Beispiel wurden
die Protestierenden, die im Januar 1990 in die Stasi-Zentrale in der
Normannenstraße in Berlin eindrangen, dadurch erzürnt, dass sie in dem
Gebäudekomplex Sonderläden, voll gestopft mit westlichen Waren und sogar
einen Friseursalon nur mit westlichen Shampoos und Haarkuren fanden. Die
Wut richtete sich gegen eine Elite, die sich selbst eine viel breitere
Auswahl verschaffte während sie es jahrelang für jeden normalen
DDR-Bürger in arbeitsfähigem Alter sehr schwierig machte, in den Westen
zu reisen.
Die Dissidenten Reinhard Weisshuhn und Wolfgang Templin haben diesen
Unterschied zusammen gefasst, als sie schrieben, ‘es ist schon
bemerkenswert, dass der ‘kleine Mann auf der Straße’ einem ehemaligen
Politbüromitglied schon den Volvo übel nimmt, während er des westlichen
Bankers Privatjet für selbstverständlich hält.’”
SED-Struktur
Auch die SED selber war nicht nach den Prinzipien des demokratischen
Zentralismus aufgebaut, wie sie selber behauptete, sondern eine straff
von oben nach unten bürokratisch und hierarchisch organisierte Struktur.
Der demokratische Zentralismus, den Lenin als Organisationsprinzip für
die bolschewistische Partei entwickelt hatte und der sich auf das in der
Arbeiterbewegung immer schon praktizierte Prinzip ‘demokratisch
entscheiden, geschlossen handeln’ stützte, sah freie Debatte, Freiheit
der Kritik, demokratische Meinungsbildungsprozesse und Wahlen der
Funktionäre von unten nach oben vor. Hermann Weber beschreibt die
Struktur der SED so: “Da die SED als Führungsorgan der DDR einen totalen
Leitungsanspruch erhob, hatte eine geschlossene und zentralisierte
Parteiorganisation höchste Priorität. Der straff hierarchische
Zentralismus war (...) dominierendes Prinzip der Parteistruktur der SED
und der Organisationsstruktur der DDR überhaupt. Diesen straffen
Zentralismus sollte - laut Statut - die Wahl aller Parteiorgane mildern.
Tatsächlich wurde jedoch weiterhin die stalinistische Methode
praktiziert, nach der jeweils übergeordnete Apparate die Funktionäre der
unteren Ebene benannte und einsetzte. Die übergeordneten Leitungen
überprüften die Kandidaten für die Vorstände und Sekretariate, gaben
Direktiven für die zu wählenden Kandidaten und nahmen über ihre
Instrukteure unmittelbaren Einfluss auf die Wahlen. Eine Auswahl
zwischen mehreren Kandidaten konnten die Delegierten in der Regel nicht
treffen. Allein in den Betriebsparteiorganisationen, also auf der
untersten Ebene, war ein minimales Mitbestimmungsrecht entstanden, weil
nur so die vielfältigen Aufgaben durchzuführen waren.”
Waren diese bürokratischen Deformationen vermeidbar? Entscheidend für
eine Bewertung der DDR ist, dass es von Seiten der Parteiführung gar
keine ernsthaften Versuche gab, diese Deformationen zu vermeiden und
eine sozialistische Arbeiterdemokratie zu errichten. SBZ und DDR waren
von Beginn an als eine Diktatur über das Proletariat und nicht als
Diktatur (im Sinne von Herrschaft) des Proletariats konzipiert. Die
vielfältigen Ansätze sozialistischer Demokratie, von Massenaktivität und
-initiative wurden durch die SMAD und die KPD/SED unterdrückt. Und der
wiederholten Ausrufung von Sozialismus und Übergang zum Kommunismus
durch die SED-Führung zum Trotz, war die Entwicklungsrichtung der
gesellschaftlichen Strukturen keine in Richtung Sozialismus. Nach der
marxistischen Auffassung des Übergangs zum Sozialismus, entsteht nach
einer erfolgreichen Revolution ein Arbeiterstaat (in dem aber die
ArbeiterInnen selber die Macht ausüben), der aber, weil er zum ersten
Mal in der Geschichte der Staat der Bevölkerungsmehrheit und damit
tatsächliche Demokratie ist, mit seiner Entstehung schon seinen eigenen
Auflösungsprozess einleitet. Denn unter den Bedingungen wachsenden
materiellen Wohlstands und sozialistischer Demokratie werden die
Repressionsfunktionen eines Arbeiterstaates (die sich ohnehin nur gegen
die Reste der alten herrschenden Kapitalistenklasse und deren
Restaurationsversuchen richten müssten) immer weniger gebraucht und von
einem Staatswesen kann zu einer freien Selbstverwaltung von Gesellschaft
und Wirtschaft übergegangen werden. Zumindest müsste also eine
Entwicklung in Richtung Sozialismus durch einen Abbau staatlicher
Organe, sicherlich staatlicher Repression und eine Zunahme von
demokratischer Selbstverwaltung gekennzeichnet sein. In der DDR war das
Gegenteil der Fall. Der privilegierte bürokratische Apparat dehnte sich
aus und entfernte sich immer mehr von der Masse der arbeitenden
Bevölkerung, die Staatssicherheit baute ihren Spitzel- und
Repressionsapparat bis in die achtziger Jahre weiter aus - und zwar
gegen die eigene Arbeiterklasse.
In diesem Sinne war die DDR zu keinem Zeitpunkt ein Versuch eine
sozialistische Demokratie zu errichten, denn die Entscheidungsträger in
Moskau und der KPD/SED haben von Beginn an zentrale sozialistische
Prinzipien gebrochen und eine bürokratische Herrschaft errichtet, die
ihren Interessen als privilegierter bürokratischer Kaste entsprach. Das
gilt natürlich nicht für all die SED-Mitglieder, ArbeiterInnen und
Intellektuellen, die auf eine sozialistische Entwicklung hofften und im
besten Wissen und Gewissen den Aufbau der DDR unterstützten. In diesem
Sinne mag man sagen können, dass der Versuch einen Sozialismus von oben
zu errichten gescheitert ist. Er musste aber scheitern, weil sein
materieller Inhalt im Widerspruch zu tatsächlichem Sozialismus stand.
DDR-Wirtschaft
Die Ökonomie ist letztlich die entscheidende Basis jeder
gesellschaftlichen Entwicklung. Das gilt auch für die DDR. Es wird oft
darauf hingewiesen, dass die Ausgangslage der DDR-Wirtschaft schlechter
war, als die Lage der Bundesrepublik. Das ist richtig, greift aber auch
zu kurz. Der Osten war auch im Deutschen Reich industriell weniger
entwickelt, als die spätere Bundesrepublik. Dazu schreibt Fülberth: “Im
Gebiet der späteren DDR gab es im Norden eine stark landwirtschaftliche
betonte Zone, Metallverarbeitung um Berlin, in Thüringen und Sachsen,
Textilproduktion in Sachsen, seit dem Ersten Weltkrieg chemische
Großindustrie in Sachsen-Anhalt, jedoch insgesamt keine
Grundstoffindustrie und eigene Energiebasis. Das Land war auf
Integration in den bisherigen gesamtdeutschen Kontext angewiesen. Noch
nicht einmal eine ausreichende Zufuhr aus den ehemals deutschen, jetzt
polnischen Kohlerevieren Oberschlesiens war in den ersten Jahren
realistisch. (...) Sie musste also eine eigene Grundstoff-Basis
schaffen. Dies geschah unter anderem durch massiven Braunkohle-Abbau und
die Errichtung eines Eisenhütten-Kombinates an der Oder.”
Die besondere Erschwerung der Ausgangslage der DDR erfolgte aber durch
die anti-sozialistischen Maßnahmen der massiven Reparationszahlungen an
die Sowjetunion. Diese warfen die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR
zurück, waren aber auch von einem internationalen volkswirtschaftlichen
Standpunkt unsinnig, da sie enorme Verschwendung bedeuteten (wenn man
alleine an den Ab- und Aufbau von Produktionsanlagen und den
zwangsläufigen Motivationsverlust unter ostdeutschen ArbeiterInnen
denkt). Die Reparationen sind Ausdruck des engstirnigen, bürokratischen
und nationalistischen Charakters der russischen Bürokratie. Eine
Alternative dazu wäre die Bildung einer tatsächlichen sozialistischen
Föderation der Sowjetunion, der DDR und anderer osteuropäischer Staaten
gewesen und die Entwicklung eines gemeinsamen demokratischen
Wirtschaftsplans. Dies hätte auf der Basis sozialistischer
Rätedemokratien in diesen Ländern ein enorme Dynamik des Wiederaufbaus
und eine Stärkung der Solidarität der Arbeiterklasse dieser Länder
ausgelöst - und wäre damit gleichzeitig ein Impuls für die
sozialistische Revolution im Rest Europas gewesen.
Nationale Frage
Die DDR stand vor der besonderen Herausforderung des Vergleiches mit der
Bundesrepublik Die Bevölkerung der DDR war über familiäre und
freundschaftliche Bande mit dem Westen im Kontakt. Bis zum Mauerbau 1961
konnten DDR-Bürger in die BRD reisen und sich - in den Jahren des
‘Wirtschaftswunders’ - ein Bild des besseren Angebots mit Konsumartikeln
und der oftmals besseren Qualität der Waren machen. Die Bundesrepublik
profitierte vom Marshallplan, litt nicht unter Arbeitskräftemangel und
hatte eine höhere Arbeitsproduktivität. Wegen dieses Vergleichs werden
die Leistungen der DDR-Wirtschaft oftmals unterschätzt. Es gelang der
DDR aber eine beeindruckende industrielle Entwicklung insbesondere beim
Aufbau der Schwerindustrie. Das Wirtschaftswachstum führte trotz
Ineffizienz und bürokratischer Verschwendung auch zu einem Wachstum im
Lebensstandard der Masse der Bevölkerung. Trotzdem strahlten die
besseren Lebensbedingungen in der Bundesrepublik eine hohe Attraktivität
für ostdeutsche ArbeiterInnen und AkademikerInnen aus und fast drei
Millionen siedelten zwischen 1945 und 1961 in den Westen über. Der
daraus entstehende Arbeitskräftemangel und die Sorge einer Implosion der
DDR-Wirtschaft war der entscheidende Faktor für den Bau der Mauer 1961.
Dieser als ‘antifaschistischer Schutzwall’ propagierte ‘eiserne Vorhang’
sperrte eine ganze Bevölkerung ein und schnitt sie von ihren Familien
und FreundInnen im anderen Teil Deutschlands ab. Der Mauerbau musste
einerseits die Entfremdung der Massen mit dem SED-Regime verstärken,
andererseits führte er aber auch zu der Notwendigkeit der Arrangierung
mit einem Leben in der DDR, wollte man nicht eine lebensgefährliche
Flucht wagen. Eine ‚sozialistische Nation‘, wie von der SED ausgerufen,
bildete sich in der DDR zu keinem Zeitpunkt. Die nationale Frage wurde
nicht gelöst, auch wenn es in einem wachsenden Teil der Bevölkerung ein
Selbstverständnis als DDR-BürgerInnen gab, was sich ja auch in der
ersten Phase der revolutionären Bewegung im Herbst 1989 in der Parole
„Wir bleiben hier“ ausdrückte.
Gleichzeitig entwickelten sich wichtige soziale Errungenschaften, die
das Leben in der DDR mit bestimmten. Hierzu führt Georg Fülberth aus:
“Schon die Arbeitskräfteknappheit hielt dazu an, die Berufstätigkeit der
Frauen zu fördern: sie gehörte zur gesellschaftlichen Norm. Die
Ganztagsbetreuung von Kindern im Vorschulalter war ebenso die Regel wie
ein umfassender Mutterschutz. Betriebe richteten Krippenplätze und
Kindergärten ein. Es galt ein - tatsächlich realisiertes - Recht auf
Arbeit für alle Bürgerinnen und Bürger. Kündigungen gegenüber
Beschäftigten durften nur ausgesprochen werden, wenn zugleich ein neuer
Arbeitsplatz angeboten wurde. Die Mieten waren öffentlich-rechtlich
normiert und niedrig, die Preise für Nahrungsmittel wurden durch
staatliche Subventionen niedrig gehalten. Das System der sozialen
Sicherung bestand in einer alle Gesellschaftsmitglieder umfassenden
Volksversicherung.”
Die größere materielle Unabhängigkeit von Frauen in der DDR führte aber
nicht zu einer größeren Rolle von Frauen in Staat und Partei. Die
SED-Führung war ein Alt-Herren-Club. Frauen in Ministerinnenämtern waren
an einer Hand abzulesen, im Politbüro war keine einzige Frau vertreten.
Dies ist auch ein Ausdruck davon, dass die gesellschaftlichen
Verhältnisse eher denen einer bürgerlichen Gesellschaft ähnelten, als
den Vorstellungen, die man von einer auf individueller Freiheit
basierenden sozialistischen Demokratie haben kann.
Natürlich empfinden ehemalige DDR-Bürger die kapitalistische
Gesellschaft als roher und härter als die DDR, denn die alle
Lebensbereiche durchziehende Konkurrenz fördert Ellenbogenmentalität und
Egoismus. Aber eine harmonisches, freies und selbstbestimmtes Leben gab
es nun einmal nicht. Die Stellung der Frau in der Wirtschaft entsprach
nicht ihre Stellung in der Familie. Hier gab es weitgehend die selbe
Rollenverteilung, wie im Westen. Die Jugend wurde in FDJ-Hemden gesteckt
und konnte nicht unbeschwert und kritisch ihre eigenen Erfahrungen
selbstbestimmt verarbeiten, kreativ und schöpferisch tätig sein.
Mit der wachsenden Notwendigkeit das Angebot an Konsumgütern zu erhöhen
geriet die bürokratische Kommandowirtschaft in immer größere
Schwierigkeiten. Die Wirtschaftspolitik der SED ist durch einen
Zick-Zack-Kurs gekennzeichnet, den wir hier nicht nachzeichnen können.
Aber egal, ob es in den sechziger Jahren Versuche der Einführung von
Marktelementen gab oder diese wieder zurück genommen wurde - der
grundsätzliche Charakter einer von oben nach unten organisierten
Wirtschaft ohne demokratische Kontrolle und Einflussmöglichkeiten für
die Beschäftigten und KonsumentInnen blieb immer erhalten. Je komplexer
die Anforderungen an die Wirtschaft wurden, desto schwerer wiegte dieses
Problem. Denn natürlich ist es einfacher mit
zentralistisch-bürokratischen Methoden ein Stahlwerk hochzuziehen, als
die vielfältigen Bedürfnisse des individuellen Konsums von Millionen von
Menschen zu erfassen und in der Produktion zu befriedigen. Das bedarf
der Einbeziehung dieser Menschen in den Produktionsprozess, was nicht
erfolgte.
In einem Artikel zum zehnjährigen Jubiläum der DDR-Revolution schrieb
René Henze in der VORAN (Vorgängerzeitung der ‘Solidarität -
Sozialistische Zeitung’): “Ein Beispiel für die fatale Wirkung
bürokratischer Herrschaft war die Zahlen-Fälscherei. In der DDR war es
Gang und gäbe, Bilanzen zu frisieren. Der Abteilungsleiter schönte
seinen Bericht für den Betriebsleiter, der wiederum legte dem
Bezirkssekretär der Partei einen guten Bericht vor und der meldete nach
Berlin die Übererfüllung des Plans. Für manche Leser im Westen hört sich
das absurd an (war es ja eigentlich auch), doch in der DDR gab es
dahinter einen Sinn. Denn wenn der untere Bürokrat dem Oberen schlechte
Nachrichten gebracht hätte, dann hätte es nicht nur unangenehme Fragen
gegeben, sondern das hätte auch den Posten kosten können. Und dann wäre
das angenehme Leben, das höhere Gehalt, die Privilegien und die Macht
von einem Tag auf den anderen futsch gewesen. Es ist kein Zufall, dass
die DDR sich immer mit dem Schriftsteller Kafka und seinen Schilderungen
über Bürokraten sehr schwer tat. Für eine eng vernetzte Wirtschaft ist
beispielsweise auch der ungehinderte Austausch von Informationen
unabdingbar. In der DDR war schon der unkontrollierte Einsatz von
Kopierern ausgeschlossen - aus Angst, darauf könnten ja auch
regime-kritische Flugblätter vervielfältigt werden.”
Arbeiteraufstand und Opposition
Opposition gab es in der DDR immer wieder. Die SED-Führung ließ mehrmals
Säuberungen in Mitgliedschaft und Funktionärskörper durchführen, um sich
kritischer oder potenziell kritischer Mitglieder zu entledigen.
Im Juni 1953 explodierte dann der Unmut in der Arbeiterklasse über
mangelnde demokratische Rechte, schlechte Arbeitsbedingungen und die
Teilung Deutschlands. Ende Mai hatte die SED-Führung eine zehnprozentige
Normerhöhung in den Betrieben angeordnet. Gleichzeitig war aber ein
‘Neuer Kurs’ beschlossen worden, der Zugeständnisse an Handwerker und
Selbständige machte, nur nicht an die ArbeiterInnen. Während im
SED-Zentralorgan am 14. Juni 1953 ein kritischer Artikel zu den
Normerhöhungen erschien, brachte ausgerechnet das Gewerkschaftsblatt
‘Tribüne’ am 16. Juni einen Rechtfertigungsartikel. Die Empörung über
diesen Artikel brachte das Fass zum Überlaufen und ausgehend von den
Baustellen auf der damaligen Stalinallee in Ostberlin entwickelte sich
der Arbeiteraufstand vom 17. Juni, der durch das sowjetische Militär
nieder geschlagen wurde. Zuerst schickten die Arbeiter eine Resolution
für die Rücknahme der Normerhöhungen an den Ministerpräsidenten
Grotewohl, in der sie schrieben der ‘Neue Kurs’ habe nur den
Kapitalisten etwas gebracht, nicht aber den Arbeitern. Eine
Demonstration am 16. Juni begann mit 300 Beteiligten auf der Stalinallee
und wuchs bis zum Haus der Ministerien auf 10.000 Menschen an. Von der
Forderung nach Rücknahme der Normerhöhungen ausgehend entwickelten sich
schnell politische Forderungen inklusive der nach dem Rücktritt der
Regierung und nach freien Wahlen. Innerhalb von 24 Stunden legten
ArbeiterInnen in der ganzen DDR die Arbeit nieder, bildeten in vielen
Betrieben demokratisch gewählte Ausschüsse und Streikkomitees und gingen
massenhaft auf die Straße. In 250 Orten kam es zu Streiks und
Demonstrationen. Die Rücknahme der Normerhöhungen konnte der Bewegung
nicht mehr den Wind aus den Segeln nehmen. Dies geschah durch russische
Panzer.
Bertolt Brecht, der den Aufstand nicht unterstützte, verfasste nach
seiner Niederschlagung folgendes Gedicht mit dem Titel ‘Die Lösung’:
Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, dass das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählt ein anderes?
Der Arbeiteraufstand des 17. Juni war eine spontane Massenbewegung der
Arbeiterklasse in der DDR. Er war weder vom Westen gesteuert, noch
gingen die ArbeiterInnen für eine Wiedereinführung des Kapitalismus auf
die Straße. Er ist der deutlichste Beleg dafür, dass die DDR kein
demokratischer Arbeiterstaat, keine sozialistische Demokratie und die
SED keine sozialistische Arbeiterpartei war. Gleichzeitig markiert er
eine Zäsur für das Verhältnis zwischen SED und Arbeiterklasse. Nicht
wenige ehrliche SozialistInnen kehrten der SED nach dem 17. Juni ihren
Rücken und wandten sich nie wieder um.
Harich, Biermann, Bahro
In den folgenden 33 Jahren bis zur revolutionären Massenbewegung des
Jahres 1989 gab es immer wieder die Herausbildung oppositioneller
Gruppen, aber keine vergleichbare Massenopposition der Arbeiterschaft.
Oppositionelle Strömungen entwickelten sich eher unter Intellektuellen
und der Jugend.
1956 wagte der Philosoph Wolfgang Harich es dem sowjetischen Botschafter
ein Memorandum für eine Demokratisierung der DDR und eine Ablösung
Ulbrichts zu überreichen. Harich und andere wurden 1957 verhaftet und zu
Gefängnisstrafen verurteilt. Der Philosoph Ernst Bloch, um den herum
sich in Leipzig ein kritischer Diskussionskreis gebildet hatte, wurde
1957 gegen seinen Willen emeritiert und ging später in die
Bundesrepublik. Er schrieb daraufhin in einem Brief an den Präsidenten
der Akademie der Wissenschaften: “In den ersten Jahren meiner
Universitätstätigkeit erfreute ich mich ungehindert der Freiheit des
Wortes der Schrift und der Lehre. In den letzten Jahren hat sich diese
Situation zunehmend geändert. Ich wurde in Isolierung getrieben, hatte
keine Möglichkeit zu lehren, der Kontakt der Studenten wurde
unterbrochen, meine besten Schüler wurden verfolgt, bestraft, die
Möglichkeit für publizistisches Wirken wurde unterbunden, ich konnte in
keiner Zeitschrift veröffentlichen, und der Aufbau-Verlag in Berlin kam
seinen vertraglichen Verpflichtungen meinen Werken gegenüber nicht nach.
So entstand die Tendenz, mich in Schweigen zu begraben.”
In ähnlicher Art und Weise wurden auch in den sechziger und siebziger
Jahre kritische Künstler und Wissenschaftler gegängelt, verfolgt oder
aus der DDR ausgewiesen. Der Liedermacher Wolf Biermann, der sich
grundsätzlich zur DDR bekannte, wurde 1976 nach einem Konzert in Köln,
für das er eine Reisegenehmigung erhalten hatte, ausgebürgert.
SchriftstellerInnen, die sich mit Biermann solidarisierten wurden aus
der SED ausgeschlossen und erhielten kaum noch Möglichkeiten ihre Werke
zu veröffentlichen.
1977 wurde dann das Hauptwerk Linksoppositionellen Rudolf Bahro, ‘Die
Alternative’, in der Bundesrepublik veröffentlicht, nachdem es kein
DDR-Verlag veröffentlichen wollte. Bahro unternimmt darin eine Kritik
der DDR aus sozialistischer Perspektive. Er wurde verhaftet, zu acht
Jahren Gefängnis verurteilt und nach massiven Protesten 1979 aus der
Haft und der DDR in die Bundesrepublik entlassen.
Der Charakter all dieser genannten, und vieler ungenannter,
Oppositioneller war nicht pro-kapitalistisch. Sie propagierten keine
Restauration des Kapitalismus und keinen Anschluss an die BRD. Sie
stellten nur die Alleinherrschaft der SED, ihre Methoden und die
Struktur der DDR in Frage. Die stalinistische Bürokratie konnte sich
darüber jedoch keine Debatte erlauben, weil jede ehrliche Diskussion auf
sozialistischer Basis die Machtfülle und Privilegien der Bürokraten
grundsätzlich in Frage gestellt hätte.
Der Niedergang der DDR basierte auf ihrem bürokratisch-diktatorischen
Charakter. Dieser musste die eigene Bevölkerung immer mehr entfremden
und führte gleichzeitig zu enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten,
Stillstand, Versorgungsengpässen, was wiederum den Unmut in der
Bevölkerung verstärkte. 1989 brach dieser sich Bahn und fegte Honecker
und das SED-Regime wie ein Kartenhaus hinweg.
Für MarxistInnen und in der Auseinandersetzung innerhalb der Linken und
in der Arbeiterbewegung ist eine unzweideutige Haltung zur DDR von
großer Bedeutung. Für viele ArbeiterInnen ist es immer noch eine
wichtige Frage, wie man es mit dem SED-Regime hält. Deshalb ist es keine
Kleinigkeit, ob man der Meinung ist, dass die DDR an Fehlern der
SED-Führung oder dem Druck des Westens zugrunde gegangen ist oder ob man
die Haltung vertritt, dass das stalinistische System selber der Fehler
war.
Der Trotzkist Willy Boepple war nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied des
Zentralkomitees der KPD und des gemeinsamen Parteivorstands von KPD und
SED, bevor er sich der Vierten Internationale anschloss. 1990 schrieb er
einen Brief an den schon zitierten DKP-Mann Georg Fülberth, der damals
einen Artikel über die DDR veröffentlicht hatte: “Wer wie ich die
damalige erste Garnitur der KPD (später SED) hautnah erlebt und gesehen
hat, wie willen- und bedingungslos sich die große Mehrheit der
Parteielite der ‘Macht des Faktischen’ gebeugt hat, ja sogar wider
besseres Wissens gehandelt und schwadroniert hat, der weiß, dass es sich
bei dem Elend der DDR (...) um die politische Praxis einer Parteiführung
[handelt], die weder fähig noch willens war, eine sozialistische
Demokratie zu entwickeln. (...)
Deshalb mein entschiedener Widerspruch gegen Deine Erklärung, ‘der Reale
Sozialismus’ sei nach den utopischen Kommunisten in den USA und nach der
Pariser Kommune der ‘dritte versuch eines Ausbruchs aus dem
Kapitalismus’ gewesen. Erstens waren die Sowjetunion und die anderen
Länder des ‘real existierenden Sozialismus’ einschließlich der DDR keine
sozialistischen Gesellschaftsformationen (auch wenn man einschränkend
die Worte ‘real existierend’ oder einfach ‘Real’ hinzufügt), sondern
reale, brutale und - historisch gesehen - reaktionäre Diktaturen auf
nichtkapitalistischer wirtschaftlicher Grundlage. (...) Die toten
Kommunarden haben es nicht verdient, mit den Figuren der Ulbricht-Clique
auf eine Stufe gestellt zu werden.”
Dem ist nur eins hinzuzufügen: Wäre die DDR sozialistisch gewesen, hätte
der Westen eine Mauer errichtet.
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