Soll DIE LINKE auf Staatsbürgschaften setzen?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 81, Debatte, veröffentlicht: 05.08.2009
Debatte in der LINKEN über Staatsbürgschaften
Im Juni verteilte die Linkspartei vor Karstadt-Filialen Flugblätter
mit der Überschrift: „Karstadt: Arbeitsplätze mit staatlicher Bürgschaft
retten“. In Bremen unterstützte die Bürgerschaftsfraktion der LINKEN
einen Dringlichkeitsantrag, Arcandor mit Staatsbürgschaften
beziehungsweise Krediten zu unterstützen.
Oft wird für Staatsbürgschaften, manchmal aber auch alternativ dazu
für eine Staatsbeteiligung eingetreten – ohne das dann aber damit zu
verbinden, in jedem Fall auf eine Mehrheitsbeteiligung zu bestehen.
Allerdings ist die Haltung der Partei bisher nicht einheitlich. So
heißt es in einem Beschluss des 4. Bremer Landesparteitags: „Staatliche
Hilfen für Unternehmen müssen in Beteiligungen der öffentlichen Hand
umgewandelt werden, die von direkt gewählten VertreterInnen der
Belegschaften, der Gewerkschaften und des Staates kontrolliert werden.“
Das wird damit verknüpft, „die Vergesellschaftung der Banken und
Schlüsselindustrien“ als „Ziel“ festzuhalten.
PRO
Den Fuß in die Tür setzen - Staatsbürgschaft hätte Insolvenz bei
Karstadt verhindert
von Christoph Spehr, Landessprecher der LINKEN Bremen
Ein Jahr früher wäre alles noch glatt gegangen. Der Kredit über 650
Millionen Euro, den Karstadt beziehungsweise sein Mutterkonzern Arcandor
bei mehreren Banken aufgenommen hatten, wäre verlängert worden – wenn
diese Verlängerung ein Jahr früher angestanden hätte und nicht im Juni
diesen Jahres. Die Lage des Unternehmens mit seinen 50.000
Arbeitsplätzen wäre schwierig gewesen, aber von einer Insolvenz, von der
Schließung von einem Drittel der Karstadt-Häuser und einer
entsprechenden Massenentlassung, wäre nicht die Rede gewesen.
2009 aber stehen wir in der Finanz- und Wirtschaftskrise, die von der
einseitigen Ausrichtung der Weltwirtschaft an immer kurzfristigeren,
immer extremeren Gewinnerwartungen verursacht wurde. Die Banken geben
kein Geld, da sie jede Menge faule Papiere besitzen und keinerlei Risiko
eingehen wollen. Nachdem in den letzten Jahren diejenigen Banken sich
behaupten konnten, die möglichst verwegen spekulierten, gewinnt jetzt
der, der nicht pleite macht. Als unmittelbare Folge dieser Haltung
stehen in der Bundesrepublik tausende Unternehmen vor der Insolvenz,
weil sie keine Kredite mehr bekommen.
Die Bundesregierung hat dieses Problem nicht in den Griff bekommen.
Anstatt die Privatbanken zu verstaatlichen oder wenigstens gesetzlich
zur Verlängerung von laufenden Unternehmenskrediten zu zwingen, sprang
der Staat mit 500 Milliarden Euro Krediten und Bürgschaften ein, ohne
sich einen Einfluss auf die Geschäftspolitik zu sichern. Das
„Finanzmarktstabilisierungsgesetz“ stabilisierte die Banken, aber nicht
die Kreditvergabe. Die Haltung der Banken im Fall Karstadt ist typisch.
Sie erklärten, den Kredit nur verlängern zu wollen, wenn der Staat das
Risiko übernähme – durch eine Staatsbürgschaft.
Hätte die Bundesregierung das getan, wäre Karstadt jetzt nicht
insolvent, und die 50.000 Beschäftigten von Arcandor müssten nicht mit
ihrer Entlassung rechnen.
Die berechtigten Grundregeln, „Wo Staatsgeld fließt, müssen Staat oder
Belegschaft als Eigentümer beteiligt werden“ beziehungsweise „Die
privaten Eigentümer müssen in die Pflicht genommen werden“, helfen hier
nicht weiter. Eigentümer haften in einer AG mit ihrem Einlagekapital,
nicht mit ihrem sonstigen Vermögen – wenn ihr privater Reichtum
herangezogen werden soll zur Bewältigung der Krisenkosten, dann ist das
eine Sache von Vermögenssteuer und Zwangsanleihen, die dann für alle
gelten müssen. Und Staatsgeld fließt zunächst nicht, wenn es um eine
Bürgschaft geht.
Abgesehen von der Rettung der Arbeitsplätze und des Unternehmens hätte
der Staat jedoch durch eine Bürgschaft den Fuß in der Tür gehabt. Eine
Bürgschaft muss besichert werden. Die luxemburgische Privatbank Sal.
Oppenheim bot ihren Anteil von 28,6 Prozent am Arcandor-Konzern als
Sicherheit an. Wenn Arcandor den Kredit dann ordentlich bedient und
abgezahlt hätte, wäre die Bürgschaft nicht fällig geworden, und es wäre
kein Staatsgeld geflossen. Wenn Arcandor den Kredit dann aber nicht
hätte bedienen können und die Bürgschaft in Anspruch genommen worden
wäre, hätte der Staat zahlen müssen, aber gleichzeitig dafür Anteile am
Unternehmen erhalten. Das wäre die beste Lösung gewesen.
Gerade weil die Staatsbürgschaft eine politische Entscheidung, aber auch
ein normales Geschäft ist, erfüllt sie durchaus den Zweck, sich Zugriff
auf das Unternehmen zu verschaffen, wenn der Staat tatsächlich mit Geld
einspringen muss. Die in der LINKEN oft erhobene Forderung, jetzt in der
Krise möglichst alle angeschlagenen Unternehmen zu verstaatlichen,
verweist aber auf ein anderes Problem: Was dann tun?
Konkurrenz und Rationalisierungsdruck werden durch Staatseigentum nicht
aufgehoben. Es kann auch nicht Sinn der Sache sein, die Arbeitsplätze
bei Karstadt durch dauernde staatliche Zuschüsse zu erhalten, während
sie dann bei Metro vernichtet werden. Dem Irrsinn von Massenentlassungen
bei gleichzeitig extremer Arbeitsverdichtung muss anders begegnet
werden: Durch eine staatliche Begrenzung der Vollzeit-Arbeitszeit auf
zunächst 35 Stunden, perspektivisch auf 30 Stunden, sowie durch ein
Verbot von Massenentlassungen bei nicht insolvenzgefährdeten
Unternehmen. Die Kosten des vollen Lohnausgleichs müssen dabei
übergangsweise zunächst subventioniert werden, aus der Besteuerung
privaten Vermögens und aus den eingesparten Kosten des „Systems
Arbeitslosigkeit“.
Eine Verstaatlichung von Unternehmen der Infrastruktur sowie von
einzelnen Leitunternehmen in Schlüsselbranchen ist davon unabhängig ein
wichtiges Ziel, um seitens des Staates industriepolitisch Einfluss zu
nehmen. Ob dabei allerdings eine Kaufhauskette ins staatliche Portfolio
gehört, ist eher fraglich.
CONTRA
Eigentumsfrage stellen - Gegen staatlich subventionierten Stellenabbau
Ingo Rehmke, Mitglied im Kreisvorstand der LINKEN Bremerhaven
Arcandor, Opel, HRE – Unternehmen in verschiedenen Branchen mit dem
selben Problem: Woher bekomme ich Kredite, um den Betrieb aufrecht zu
erhalten? Banken verweigern diese, da die wirtschaftliche Situation
angespannt ist. Die Gründe sind in allen Fällen unterschiedlich und doch
haben sie den gleichen Ursprung – die kapitalistische Krise.
Rückblick: Zur Steigerung der Konzerngewinne wurden bei den
Belegschaften massive Kürzungen durchgesetzt. Sogar in den Jahren des
Konjunkturaufschwungs sanken die realen Einkommen der Beschäftigten.
Jede Entlassungswelle, ja, auch nur die Ankündigung einer solchen,
führte zu einem Anstieg der Börsenkurse. Die Arbeitslosigkeit nahm zu,
gleichzeitig wurde die Arbeitszeit der Noch-Beschäftigten verlängert.
Immer mehr Staatsbetriebe wurden von Privaten übernommen.
Auf der Suche nach weiteren Renditefeldern erfand man zudem neue,
hochriskante Finanzmodelle, die den Finanzsektor aufblähten.
Finanzgeschäfte, die keinen realen Bezug zur produktiven Wirtschaft
hatten. Der Zusammenbruch war abzusehen; doch „Nach mir die Sintflut ist
der Wahlruf jedes Kapitalisten“, wie es 1867 schon Karl Marx schrieb.
Schließlich kam es zum Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA
und der daraus folgenden „Finanzkrise“. Doch niemand will seine
tatsächliche Verwicklung in diese Glücksspiele offen legen. Immer
weniger sind bereit, Geld zu verleihen. Doch ohne ständige Kredite
funktioniert die kapitalistische Wirtschaft nicht. Die Regierungen und
Notenbanken versuchen verzweifelt, diese Kreditklemme zu beseitigen. Zum
einen, in dem Leitzinsen gegen Null gesenkt wurden und die Geldmenge
erhöht wurde. Zum anderen durch milliardenschwere Rettungspakete für
„notleidende Banken“.
Die Krisen im Kapitalismus sind keine Krisen aus Mangel, sondern aus
Überfluss. Nach den Regeln der kapitalistischen Wirtschaft gilt es
jetzt, einzelne Betriebe zu Grunde gehen zu lassen und Belegschaften zu
entlassen. „Gesunde“ Unternehmen können die Krise gestärkt überstehen.
Wenn genug Kapital vernichtet ist, kann die nächste Runde eingeläutet
werden...
Vor diesem Hintergrund rufen Unternehmen wie Arcandor jetzt nach
Krediten beziehungsweise Staatsbürgschaften. Springt der Staat ein, dann
heißt das: Der Staat fängt Verluste auf, die private Anteilseigner und
Manager zu verantworten haben. Die private Unternehmensleitung, die
unangetastet bleibt, versucht sich dann „gesund zu schrumpfen“, also
Betriebe zu schließen, KollegInnen auf die Straße zu setzen.
Beschäftigte zahlen folglich nicht nur durch den Verlust von
Arbeitsplätzen, sondern buttern auch noch Steuergelder rein – die dann
für soziale Leistungen fehlen. Alles schlimm genug. Aber selbst dann
sind Arcandor oder Opel auf marktwirtschaftlicher Basis nicht über den
Berg. Angesichts der enormen Überkapazitäten, ob im Einzelhandel oder in
der Autoindustrie, gemessen an der kaufkräftigen Nachfrage, ist es eine
Frage der Zeit, dass – trotz Staatshilfen – eine Reihe von
Kaufhausketten oder Autokonzernen die Krise nicht überleben werden.
Selbst wenn das eine oder andere Unternehmen mit Hilfe des Staates die
Krise überstehen sollte, sind die verbliebenen Beschäftigten nicht aus
dem Schneider. Denn sie sind weiter den Bedingungen von Profitstreben
und Spekulation ausgesetzt, die zur Misere geführt haben.
Oskar Lafontaine will staatliche Hilfen im Austausch für
Belegschaftsbeteiligungen gewähren. Solange es sich aber um
Minderheitsbeteiligungen - wie bei Opel – handelt, beendet man so nicht
die Vorherrschaft der bisherigen Eigentümer am Unternehmen. Die
Marktgesetze gelten weiter. Der Druck auf die Beschäftigten, sich auf
Co-Management festzulegen, kann sogar noch zunehmen.
Das ist die eine Möglichkeit. Aber es gibt auch einen anderen Weg. Da
nicht die Arbeiter und Arbeiterinnen Verursacher der Krise sind, sollten
sie auch nicht die Folgen tragen. Wenn der Staat insolventen Firmen mit
Krediten oder Bürgschaften hilft, muss er diese Betriebe vollständig
übernehmen – und die Schulden an die weitergeben, die bisher von den
Gewinnen profitiert haben, an die Besitzer und Anteilseigner. Das
bedeutet: Enteignung und Entschädigung auf Basis erwiesener
Bedürftigkeit; ansonsten müssen die Familien Schaeffler, Schickedanz und
Co. über eine stark progressiv ansteigende Einkommenssteuer
beziehungsweise einer Reichensteuer zur Kasse gebeten werden.
In dieser Krise stellt sich ganz konkret die Frage, ob wir nur an den
Symptomen herumdoktern oder die Krankheit an sich bekämpfen wollen. Die
Krankheit heißt Kapitalismus. Die Therapie muss heißen:
- Enteignung von Betrieben, die Entlassungen oder Schließungen planen
- Demokratische Kontrolle und Verwaltung durch die Belegschaften und die
arbeitende Bevölkerung
- Die Reichen sollen zahlen – über eine stark progressive Besteuerung
der Einkommen sowie eine Millionärssteuer von zehn Prozent
- Verstaatlichung aller Banken – Bildung eines öffentlichen
Bankensystems.
Es ist an der Zeit, die Ursache der Krise radikal anzugehen – den
Kapitalismus.
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