Mit Konjunkturprogrammen die Krise lösen?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung · Nr. 75 · Januar 09, Debatte, Wirtschaft, veröffentlicht: 16.01.2009
Führende Vertreter der LINKEN zeigen nach China, Japan und die USA und
fordern von Bundeskanzlerin Merkel ebenfalls ein umfangreiches
Konjunkturprogramm. Ist das der richtige Ansatz?
Dokumentiert:
Michael Schlecht: Konjunkturprogramm von 50 Milliarden Euro notwendig
Nachdem die Bundesregierung ankündigte, bis 2012 knapp zwölf
Milliarden Euro in die Konjunkturförderung zu investieren, erklärte
Michael Schlecht, Bundesvorstandsmitglied und gewerkschaftspolitischer
Sprecher der LINKEN, am 11. November:
„Der von der Regierung versprochene Schutzschirm für Arbeitsplätze
ist mit gerade einmal zwölf Milliarden Euro viel zu klein, denn unser
Land ist bereits in der Rezession. Es reicht nicht aus, dass Frau Merkel
Chinas Konjunkturprogramm zum Ausbau der Infrastruktur und der
Sozialleistungen begrüßt. Deutschland hätte auch Bedarf. DIE LINKE
fordert ein Konjunkturprogramm von 50 Milliarden Euro. Anstatt auf
Bildungsgipfeln nur heiße Luft zu produzieren, müssen Ausbaupläne für
Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sofort umgesetzt werden. Auch in
den öffentlichen Krankenhäusern besteht ein massiver Investitionsbedarf.
Außerdem wäre es möglich, viele ökologisch sinnvolle
Infrastrukturprojekte, zum Beispiel Reparatur der maroden Kanalisation,
aufzulegen. Die Ursache des konjunkturellen Abschwungs ist die viel zu
schwache konsumtive Binnennachfrage. Sie ist während des gesamten Zyklus
seit 2004 nie aus dem Keller gekommen. Die Ursache hierfür ist der
politisch gewollte Niedriglohnsektor. Die Agenda 2010 ist nicht nur ein
sozialer Skandal, sie hat auch den Aufschwung vorzeitigt abgewürgt. Die
Finanzmarktkrise verstärkt diesen Abschwung durch die wegbrechende
Exportnachtfrage und die Finanzklemme. Ein Konjunkturprogramm muss der
viel zu schwachen Binnennachfrage auf die Beine helfen.“
Nicht nur Symptome, sondern Ursachen der kapitalistischen Misere
bekämpfen
International überschlagen sich Wirtschaftsinstitute, Parteien und
Politiker derzeit mit Vorschlägen und Maßnahmen, der Wirtschaftskrise
mit umfangreichen Konjunkturprogrammen zu begegnen. Auch in Deutschland
hat sich längst eine wilde Diskussion entzündet – obgleich Angela Merkel
dafür plädierte, erstmal abzuwarten und Tee zu trinken.
von Angela Berger, Köln
Im Gespräch ist viel: Konsumgutscheine, Investitionen in Bildung,
Gesundheit, erneuerbare Energien, Ausbau der Infrastruktur,
Steuersenkungen.
Nun ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, nach Jahren von
Rückschritt und Verfall soziale Verbesserungen und gesellschaftlich
nützliche Investitionen zu finanzieren (wobei das auf viele bürgerliche
Vorschläge nicht zutrifft). Nur, und das sei der Parteiführung der
LINKEN ins Stammbuch geschrieben: Die Krise des Kapitalismus werden
solche keynesianischen Maßnahmen der Konjunkturbelebung nicht beheben.
Weil es nicht an den Ursachen ansetzt, sondern nur die Symptome bekämpft.
Ursache kapitalistischer Krisen
Die Ursache für das Aufblähen der Finanzmärkte und die heutige
Weltwirtschaftskrise liegt in den inneren Widersprüchen der
kapitalistischen Realwirtschaft. Diese systemimmanenten Widersprüche
ergeben sich aus dem Profit- und Konkurrenzmechanismus, der wiederum
Folge des Privateigentums an den Produktionsmitteln ist. Im Kapitalismus
geht es allein um die höchstmögliche Verwertung des eingesetzten
Privatkapitals in Konkurrenz zu anderen Unternehmen. Die Konkurrenz
zwingt zu immer weiterer Steigerung der Produktivität durch Einführung
neuer Technologien und Rationalisierung. Dadurch wird menschliche
Arbeitskraft – die allein neue Werte schafft – eingespart, die
Investitionskosten für die Anlagen werden immer höher.
Die Profite geraten von zwei Seiten unter Druck: steigende
Investitionskosten bei geringerer Wertschöpfung einerseits, schlechtere
Absatzaussichten andererseits, denn die kaufkräftige Nachfrage (und nur
um diese geht es im Kapitalismus) kann mit dem wachsenden Güterausstoß
nicht mithalten. Längerfristig sinken dadurch die Profitraten
tendenziell, das heißt die „Verzinsung“ des in der Warenproduktion
eingesetzten Kapitals. Wenn zukünftige Investitionen nicht mehr so
lohnend sind wie vorherige, wenn ohnehin schon Überkapazitäten bestehen,
dann wird weniger oder gar nicht mehr investiert. Übrigens egal, wie
niedrig die Zinsen sind – wie sich in Japan in den neunziger Jahren
zeigte und wie sich heute international erneut zeigen wird.
Eine Abwärtsspirale setzt ein. Kapital wird auf vielfältige Weise
entwertet: durch Vernichtung oder Brachliegen von
Produktionskapazitäten, Konkurse, Entlassungen, Entwertung
(Verbilligung) von Produkten, Vernichtung von Vermögenswerten wie Aktien
und Immobilien. Erst wenn genügend Kapital vernichtet wurde und künftige
Investitionen wieder bessere Profitraten versprechen, geht ein neuer
Zyklus los.
Überkapazitäten
Die weltweite Überproduktion und dadurch überschüssiges Kapital auf der
Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten sind im Kern das treibende
Element hinter dem Abheben der Finanzmärkte, hinter der neoliberalen
Wirtschaftspolitik mit Deregulierung, Privatisierung, Umverteilung
zugunsten der Kapitaleigner, hinter der Absenkung der Reallöhne.
Dass vor diesem Hintergrund Konsumgutscheine und Kaufanreize schnell
verpuffen würden, ist relativ offensichtlich. Wo schon Überkapazitäten
bestehen, löst zusätzliche Nachfrage – falls es angesichts von privater
Verschuldung und der Sorge um den Arbeitsplatz überhaupt dazu kommen
sollte – keinerlei Investitionsimpuls aus. Falls zum Beispiel durch
Steuernachlass die Nachfrage nach Autos stiege (was sehr fraglich ist),
könnten diese spielend aus den massiven Überkapazitäten der
Autoindustrie bedient werden. Theoretisch könnte heute die europäische
Autoproduktion still gelegt werden; der derzeitige Weltbedarf ließe sich
mit den verbleibenden Unternehmen abdecken.
Investitionsprogramme
In der Linken, nicht nur in der Partei DIE LINKE, auch in den
Gewerkschaften beispielsweise, werden staatliche Investitionsprogramme
und höhere Transferleistungen diskutiert – finanziert durch eine
stärkere Besteuerung der Reichen (Stichwort „Millionärssteuer“) und eine
erhöhte Kreditaufnahme.
Staatliche Investitionsnachfrage kann tatsächlich eine
konjunkturankurbelnde Wirkung entfalten. Allerdings nur für eine gewisse
Zeit. Das Problem dabei ist: Woher nimmt der Staat das Geld?
Eine Erweiterung der Geldmenge bietet bekanntlich keinen Ausweg, weil
dies inflationär wirkt. Genau das ist in den siebziger Jahren passiert,
als auch Industrienationen mit teils zweistelligen Inflationsraten
geschlagen waren. Diese Erfahrungen führten seinerzeit unter anderem zur
Abkehr vom Keynesianismus und zur Hinwendung zum „Neo“-Liberalismus.
Nimmt der Staat es von den ArbeitnehmerInnen, beschneidet er den
Massenkonsum. Nimmt er es von den Kapitaleignern, wie Linke es
vorschlagen, erhöht man ihre Steuern und macht die Politik der letzten
20 Jahre rückgängig, wird man die Krisenmechanismen des Kapitalismus
weiter verschärfen, weil man ihre Profite beschneidet und sie dann noch
weniger in die „Realwirtschaft“ investieren.
Bleibt noch die Finanzierung durch Erhöhung der staatlichen
Kreditaufnahme. Abgesehen davon, dass die staatliche Schuldenbedienung
wiederum die Finanzmärkte befeuert und eine Umverteilung zugunsten der
vermögenden Kreditgeber bedeutet, stellt die Bedienung der Schulden
erneut dasselbe Problem: aus wessen Taschen? Siehe oben. Nur, dass das
Dilemma dann um eine Zeitperiode verschoben wurde.
Das Beispiel Japan
Keynesianische Konjunktur-Maßnahmen bewirken auf kapitalistischer
Grundlage vor allem eins: eine Abmilderung und ein Herausschieben der
Krisenfolgen. Dies konnte man in Japan in der neunzigern Jahren
verfolgen, nachdem dort Anfang der Neunziger die Finanzmärkte und
Realwirtschaft einen ähnlich dramatischen Kollaps erlebten.
Zehn Konjunkturprogramme mit einem Gesamtvolumen von 1.300 Milliarden
Euro – also weit mehr, als selbst die kühnsten Forderungen in
Deutschland heute – bewirkten lediglich, dass statt einer tiefen Krise
mit massiver Kapitalvernichtung 15 Jahre Stagnation mit etappenweiser
Kapitalvernichtung herauskamen. Übrig geblieben ist ein immenser Berg an
Staatsschulden, der 180 Prozent des Sozialprodukts ausmacht und nur
durch langjährige, konstant hohe Wachstumsraten abzutragen wäre. Die
sind im Kapitalismus, schon gar nicht im niedergehenden, nicht in Sicht.
Privateigentum
Das kapitalistische Profit- und Konkurrenzprinzip macht die
Marktwirtschaft chaotisch und führt immer wieder zu grundlegenden
Krisen, die durch keine bürgerliche Wirtschaftspolitik zu verhindern
sind.
Statt Forderungen zu erheben, die das kapitalistische System vor
Verwerfungen schützen sollen, was ohnehin nicht geht, sind solche
Forderungen dringender denn je, die einen Weg zum Übergang in ein
demokratisch-sozialistisches Wirtschaftssystem aufzeigen. Nur wenn das
Privateigentum an den Produktionsmitteln und die kapitalistischen
Profitprinzipien aufgehoben werden, können Gesellschaft und Politik die
Instrumente in die Hand bekommen, um den von der arbeitenden Bevölkerung
erwirtschafteten Reichtum sinnvoll einzusetzen. Aufgabe der Linkspartei
in der Wirtschaftskrise wäre es, intelligente Übergangsforderungen
aufzustellen, die uns diesem Ziel näher bringen.
Verteilungskampf
In diesem Kontext ist die Forderung nach öffentlichen
Investitionsprogrammen, für die die Reichen zur Kasse gebeten werden,
wichtig und notwendig. Darum fordert die SAV heute auch ein staatliches
Investitionsprogramm von 100 Milliarden Euro jährlich in den Bereichen
Bildung, Umwelt, Gesundheit und Soziales. Solche Investitionsprogramme
sind dann aber keine Maßnahmen, die den Kapitalismus wieder ins Lot
bringen. Vielmehr führen sie dazu, dass die privaten Investoren ihre
Investitionen zurückschrauben wollen, weil sich ihre Profitsituation
durch Maßnahmen wie eine Millionärssteuer oder eine stark progressive
Besteuerung weiter verschlechtert. Um das aufzufangen, müssten im
nächsten Schritt die öffentlichen Investitionen noch mehr steigen –
wieder auf Kosten der Reichen und Kapitalisten. Da die sich mit allen
Mitteln dagegen wehren werden, scheibchenweise enteignet zu werden,
werden wir auf diesem Weg schnell vor der Notwendigkeit stehen, sie
vollständig zu entmachten, und vom Kapitalismus zum Sozialismus
überzugehen.
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