Pro und Contra: Im US-Wahlkampf Barack Obama unterstützen?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 70, Juni 08, Debatte, Nord-Amerika, veröffentlicht: 30.05.2008
Zu den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten
In einem halben Jahr läuft die Amtszeit von George W. Bush ab. Am
4. November findet im mächtigsten Land auf dem Globus neben den
Kongresswahlen die Wahl des künftigen US-Präsidenten statt.
Barack Obama hat gute Karten, seine Konkurrentin Hillary Clinton
beim Parteitag der Demokraten im August abzuschütteln und als Kandidat
der Demokratischen Partei Kurs aufs Weiße Haus zu nehmen. Zwar bestimmen
die beiden großen Parteien Demokraten und Republikaner seit Jahrzehnten
das politische Geschehen. Beide sind durch und durch kapitalistische
Parteien. Zu ihren Geldgebern zählen die Größen der Wall Street. 1,2
Milliarden Dollar soll dieser Wahlkampf kosten (1996 waren es 450
Millionen, im Jahr 2000 eine Milliarde Dollar). Trotzdem stößt Obama auf
großes Interesse, vor allem bei Jugendlichen und bei Afro-Amerikanern.
Nach Sklaverei und Jahrhunderte langer Unterdrückung der ethnischen
Minderheiten zum ersten Mal ein Schwarzer an der Spitze Nordamerikas?
Welche Position sollten Linke und SozialistInnen in den USA
einnehmen? Sollten sie Obama unterstützen und für ihn Wahlkampf machen?
PRO
Lydia Howell
Minneapolis, unabhängige Journalistin, verantwortlich für die
Radio-Sendung „CATALYST: politics & culture“ auf KFAI
(http://www.kfai.org)
Präsidentschaftswahlen schaffen keinen Wandel. Gesellschaftliche
Basisbewegungen, die Druck auf Politiker ausüben, erreichen das. Aber
wer im Oval Office sitzt, schafft die Rahmenbedingungen für die
politische Arbeit.
Zum ersten Mal seit 40 Jahren gibt es eine riesige Welle von
fortschrittlicher „Mainstream“-Energie, die zum Großteil angeheizt wird
von Erstwählern und Afro-Amerikanern und die von einem
Präsidentschaftskandidaten entfacht wird: Barack Obama.
Da ich 1996 und 2000 für Ralph Nader gestimmt habe, verstehe ich, warum
man Kandidaten einer dritten Partei wählt. Ich verstehe mich selbst als
eine „sozialistisch-feministische Grüne“. Aber angesichts der
überwältigenden Hindernisse für Präsidentschaftskandidaten einer dritten
Partei scheint es schlicht und einfach nutzlos, die Zeit, die Energie
und die begrenzten Mittel von Aktivisten hier zu investieren.
Sicher ist Barack Obama eine „unbekannte Größe“. Mit seiner Ähnlichkeit
zu manchen Positionen von Hillary Clinton ist er für viele Progressive
und Linke zu weit in der Mitte angesiedelt. Manche hoffen, er sei ein
fortschrittliches „trojanisches Pferd“. Andere behaupten, seine Wahl
werde ausgeschlachtet werden, um zu leugnen, dass Rassismus eine Kraft
im amerikanischen Leben ist. Ich schwanke zwischen diesen beiden
Positionen.
Zweifellos inspiriert Obama... Mit den Argumenten auf unserer Seite
vergessen wir das dringende Bedürfnis nach Inspiration. Wir müssen die
Gelegenheit beim Schopf packen, die sich mit dieser unerwarteten
Aufwallung von politischem Engagement von gewöhnlichen Menschen bietet.
Unkenntnis der Geschichte, was der amerikanische Autor Gore Vidal die
„Vereinigten Staaten der Amnesie“ nennt, verdunkelt, wie sich Wandel
tatsächlich vollzieht. Die meisten Menschen unter 40 wissen über
Zitatfetzen von Martin Luther King hinaus wenig über die
Bürgerrechtsbewegung. Es ist die Aufgabe von Progressiven und Linken,
diese kollektiven Wissenslücken zu füllen. Die Arbeiterbewegung gewann
während der Großen Depression der dreißiger Jahre Arbeiterrechte,
Mindestlöhne, Sicherheit, Sozialversicherung, ein soziales
Sicherungsnetz für die Armen. In dieser Zeit war Franklin D. Roosevelt
Präsident, dem es selber darum ging, den amerikanischen Kapitalismus aus
seiner größten Krise zu retten. Während der Republikaner Ronald Reagan
die Gewerkschaften aufs Korn nahm, brauchte es den Demokraten Bill
Clinton, um das soziale Sicherheitsnetz zu zerstören. Indem man
Obama-Unterstützer – insbesondere die Jugend, Farbige und
Niedriglohnbeschäftigte – über die Wahlebene hinaus aktiviert, erreicht
man Siege des Volkes – egal ob Obama die Wahl gewinnt oder nicht.
Kämpfe gegen die Wohnungskrise, Arbeitsplatzverluste und
Konzerngeschenke können dabei helfen. Man kann örtliche Themen mit
Gesetzesinitiativen im Senat verbinden. Obama-Unterstützer können ihren
Kandidaten für sein Abstimmungsverhalten im Senat angreifen und ihn
fragen, was er als Präsident machen würde.
Manche Fortschrittlichen spotten über die „Identitätspolitik“ bei den
Wahlen 2008 [die Betonung der Hautfarbe von Obama und des Geschlechts
von Hillary Clinton – die Redaktion]. Aber es ist lange überfällig,
herauszuarbeiten, wie der Kapitalismus die Macht behauptet. Ein
Verständnis davon zu bekommen, wie Rasse, Geschlecht, Klasse von denen
an der Macht regelmäßig ausgebeutet werden, kann unsere Basisbewegungen
nur stärken. Die Ergebnisse der Vorwahlen in West-Virginia enthüllen,
wie die Solidarität unter Arbeitern immer noch vom Rassismus untergraben
wird. Manche der ärmsten Weißen unterstützten lieber Hillary Clinton –
deren Politik Arbeitsplätze exportierte und Sozialleistungen zerstörte –
als einen Schwarzen zu wählen.
Vor dem Hintergrund des Rassismus, auf dessen Basis die Vereinigten
Staaten schon gegründet wurden, wird mit der Wahl des ersten
afro-amerikanischen Präsidenten Geschichte geschrieben. Aber früher oder
später stellt sich die Frage, welchen Weg Obama einschlagen wird. Ob
Obama ein Roosevelt oder ein Bill Clinton wird, hängt von uns, vom Volk,
ab.
Die Erfahrung mit der Obama-Kampagne kann entweder das Verständnis davon
erhöhen, was die Stärke des Volkes ausmacht, oder aber zu
Desillusionierung und Passivität führen. Welcher Weg eingeschlagen wird,
hängt weniger von möglichen Wahlfälschungen ab als davon, wie
Progressive und Linke agieren.
Ich sage, springt auf diese Welle und reitet auf ihr, so wie sie ist
CONTRA
Katie Quarles
Mitglied im nationalen Vorstand von Socialist Alternative
(Schwesterorganisation der SAV in den USA), Minneapolis
Jahrzehntelang hat sich am Zwei-Parteien-System in den USA wenig
geändert. Es dient nach wie vor dazu, die Wut auf die jeweilige
Regierungspartei kontrolliert zu kanalisieren – in die Bahnen der
anderen Partei. Damit alles schön im kapitalistischen Rahmen bleibt.
Sind die Republikaner im Weißen Haus und du bist unzufrieden – einfach
Demokraten wählen!
Bei den Vorwahlen der Demokraten treten mehrere, sich teilweise sehr
radikal gebende, Kandidaten an. Wer es allerdings nicht schafft,
Millionen Dollar an Spenden reinzubringen, hat keine Chance. Ein
Kandidat, der wirklich gegen die Interessen des großen Kapitals zu Felde
ziehen will, kommt nicht annähernd an die Summen heran. Trotzdem treten
Leute an wie Dennis Kucinich 2004, die viel radikaler reden als John
Kerry damals. Sie geben AktivistInnen, zum Beispiel in der
Antikriegsbewegung, die Hoffnung, über die Demokratische Partei
Verbesserungen zu erzielen. Als am Ende der Vorwahlen 2004 aber seine
Kandidatur gescheitert war, hat Kucinich an seine Unterstützer
appelliert, Kerry bei der Wahl gegen George Bush zu unterstützen. Solche
Kandidaturen haben also nur die Funktion, Linke und AktivistInnen an die
Demokratische Partei zu binden.
Die Reallöhne in den USA stagnieren. Arbeitsplätze verschwinden. Viele
haben sich verschuldet – ob über Kreditkarte oder Hypotheken. Mit der
Subprime-Krise müssen Hunderttausende fürchten, ihr Eigenheim zu
verlieren. Auf diese Fragen hat Barack Obama keine Antworten, weil er
selber Teil des Establishments ist.
In der Außenpolitik dient seine Position auch nur den oberen
Zehntausend. Sie haben heute Probleme mit den Kriegen im Irak und in
Afghanistan, weil diese zeigen, dass der US-Imperialismus nicht
unschlagbar ist. Die Neokonservativen um Bush und Dick Cheney haben sich
dadurch in der Augen weiter Teile des bürgerlichen Lagers diskreditiert.
Eine wachsende Schicht der Herrschenden erkennt, dass ein anderer Kurs
eingeschlagen werden muss, um ihre Interessen im Nahen Osten und überall
auf der Welt erfolgreich durchzusetzen. In diesem Kontext muss die
Irak-Politik von Obama betrachtet werden: als ein neuer Plan von Teilen
der herrschenden Klasse, ihre Interessen im Nahen Osten durchzusetzen.
Obama sieht vor, mehrere Truppenkontingente aus dem Irak abzuziehen, den
Irak-Krieg offiziell für beendet zu erklären (obwohl Zehntausende von
US-Truppen dort weiter stationiert bleiben sollen), um dafür mehr
Truppen nach Afghanistan zu schicken.
Aus diesen Gründen wird so großzügig Geld an die Demokraten gespendet.
Bisher hat Obama 234 Millionen Dollar erhalten. Hillary Clinton hat 189
Millionen zusammen bekommen. Im Vergleich dazu hat John McCain (nur) 76
Millionen sammeln können. Diese Zahlen zeigen deutlich, hinter welcher
Partei im Augenblick größere Teile der herrschenden Klasse stehen.
Deshalb besteht die wichtigste Aufgabe bei diesen Wahlen darin, Leute
dazu zu bringen, mit den zwei Parteien des großen Kapitals und der Logik
des „kleineren Übels“ zu brechen. Das ist der erste Schritt in Richtung
neue Arbeiterpartei – die dringend nötig ist in den USA. Inzwischen hat
sich enorme Wut aufgestaut – es fehlt nur eine organisierende Kraft, die
diese Wut in Widerstand umwandelt.
Linke in den USA sollten den Kandidaten links von den zwei Parteien des
Big Business unterstützen, der am ehesten ArbeiterInnen und Jugendliche
dazu bringt, mit den Demokraten zu brechen. 2008 heißt das konkret,
Ralph Nader zu unterstützen, einen linken Verbraucherschutzaktivisten.
Er ist der bekannteste Kandidat links von den Demokraten. Nader ist
schon mehrfach bei Präsidentschaftswahlen angetreten, im Jahr 2000 bekam
er drei Millionen Stimmen (2,7 Prozent).
Obama schafft es, mit seine Reden, die völlig vage sind und voll von
Begriffen wie „Hoffnung“ und „Veränderung“, Menschen dazu bringen, sich
als Amerikaner besser zu fühlen. Er weckt Hoffnung bei vielen –
besonders bei Jugendlichen, die sich noch nie für Wahlen interessierten.
Falls Obama die Wahlen gewinnen sollte, werden die meisten nach einiger
Zeit bitter enttäuscht sein. Das kann bei vielen zu dem Gefühl führen,
dass es sich nicht lohnt, politisch aktiv zu werden. Um so wichtiger,
dass Gewerkschaftsaktive, AktivistInnen der Antikriegsbewegung und der
sozialen Bewegung diese Menschen jetzt ansprechen, ihnen eine
Perspektive aufzeigen und sie motivieren, sich in den Protestbewegungen
zu engagieren anstatt falsche Hoffnungen in Obama zu setzen.
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