Pro & Contra: Soll ver.di Abstriche bei der Lohnforderung machen?
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Öffentlicher Dienst, Debatte, Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 67, März 08, veröffentlicht: 29.02.2008
Zu den Tarifforderungen im Öffentlichen Dienst
Kurz vor Weihnachten stellte ver.di für die Beschäftigten in Bund und
Kommunen die Forderungen für die Tarifrunde 2008 auf: acht Prozent mehr
Lohn, mindestens 200 Euro, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten sowie
120 Euro mehr für die Auszubildenden. An der Basis gab es den Wunsch
nach noch höheren Lohnforderungen. Vielerorts votierten Gliederungen der
Gewerkschaft für eine Tariferhöhung im zweistelligen Bereich.
Vor einigen Wochen meldete sich Peter Grottian öffentlich zu Wort und
plädierte dafür, einen Teil des geforderten Geldes nicht für
Lohnsteigerungen, sondern für den Ausbau des Öffentlichen Dienstes zu
verwenden.
Pro: Peter Grottian
emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin,
war in der Initiative Berliner Bankenskandal aktiv und engagiert sich
heute im Berliner Sozialforum
Die Große Koalition als öffentlicher Arbeitgeber ist zu keiner
qualitativen Debatte über die Zukunft des Öffentlichen Dienstes bereit.
Doch Tarifpolitik und die gesellschaftspolitische Bedeutung öffentlicher
Dienstleistungen müssen zusammengedacht werden. Der Schlüssel liegt
deshalb bei den Gewerkschaften.
Zunächst einmal geht die acht prozentige Lohnforderung nach langen
Jahren der Zurückhaltung pauschal in Ordnung. Alle Erfahrung zeigt
schließlich, dass man am Ende der Verhandlungen bei 3,7 bis 4,3 Prozent
landen wird. Doch diese Forderung ist zu eindimensional. Acht Prozent
mehr Geld in die Taschen der Bediensteten, das klingt nach einem
donnernden Aufstampfen. Doch ohne positive Struktureffekte ist das weder
zukunftsweisend noch strategisch klug.
Wer den gesellschaftspolitischen Konflikt will, der muss seine
Tarifforderungen anders ausrichten: Er muss vernünftige
Gehaltserhöhungen fordern – und etwas für gute öffentliche
Dienstleistungen tun! In was für einem positiven Licht stünden die
Gewerkschaften da, wenn sie sagten: Wir haben zwar eine recht hohe
Tarifforderung. Aber wir denken dabei nicht nur an uns. Stattdessen
wollen wir von den acht Prozent bis zu 1,5 Prozent in Kitas, Schulen,
Förderprogramme für Migrantenkinder, Hochschulen und andere
Bildungseinrichtungen investieren. Wir, die Gewerkschaften, sind für
eine Ausweitung qualitativ notwendiger öffentlicher Dienstleistungen und
eine Tarifrunde für mehr Beschäftigung. Aber, so könnten die
Gewerkschaften mahnend fortfahren: Wir unterzeichnen einen solchen neuen
Typ von Tarifvertrag nur, wenn wir sicher sein können, dass diese
Dienstleistungen tatsächlich eingerichtet werden.
Machbar wäre das. Wenn öffentliche Arbeitgeber und Gewerkschaften das
Finanzvolumen und die inhaltlichen Schwerpunkte für die
Bildungsinvestitionen festlegten, könnten sie es dem Bundestag und den
einzelnen Kommunen überlassen, wo die sinnvollsten Projekte finanziert
werden. Und wenn die öffentlichen Arbeitgeber sich weigerten, dann
würden die reservierten 1,5 Prozent nachträglich ausbezahlt – oder der
Tarifvertrag gekündigt.
Wer will jemanden kritisieren, der rechtmäßige Forderungen mit der
Förderung zukunftsfähiger Dienstleistungen kombiniert? Würden von den
acht Prozent Lohnforderungen nur 1,5 Prozent für Bildung und
Arbeitsplätze abgezweigt, würde dies einen Schub von 1,2 bis 1,5
Milliarden Euro bedeuten. Die Beamtenanpassungen sind dabei noch nicht
einmal eingerechnet.
Wenn die Gewerkschaften dann noch einbringen, dass der höhere Dienst mit
acht Prozent nicht unbedingt an die Erhöhung der Bundestagsabgeordneten
von 9,4 Prozent heranreichen müsste, dann könnte durch eine maßvolle
Abschöpfung noch ein zusätzlicher Beitrag für Bildungsinvestitionen
erreicht werden. Als Gegenleistung könnte die 39-Stunden-Woche als
vorläufige Etappe vereinbart werden. Mit diesem Konzept könnte ver.di
die öffentlichen Arbeitgeber von SPD und CDU herausfordern und eine
breitere Öffentlichkeit überzeugen.
Will ver.di seine streikgeschwächte Kommunalbasis durch andere
Kommunalbedienstete ersetzen und junge Mitglieder motivieren, bleibt ihr
gar nichts anderes übrig, als wieder zu ihrer gesellschaftlichen
Verantwortung zurückzufinden. Die Basis wird nur bei einem starken
Auftritt der Gewerkschaftsspitze zu mobilisieren sein.
In der Öffentlichkeit werden die Gewerkschaften an Boden gewinnen, wenn
sie sich mit den Kirchen, Wohlfahrtsorganisationen, Wissenschaftlern,
Kulturschaffenden und den Sozialprotest-Initiativen verbinden. Dieser
wohl verstandene gesellschaftspolitische Streit ist überfällig. n
Contra: Carsten Becker
Personalrat* und ver.di-Betriebsgruppenvorsitzender an der Berliner
Charité
Die Zeichen stehen auf Streik. Das Lohnniveau ist ungefähr da, wo es
Mitte der Neunziger stand, aber die Preise und Unterhaltskosten sind
davon galoppiert. Und das merkt jede und jeder Beschäftigte schmerzhaft
spätestens am Monatsende. 30 Prozent mehr ist die Forderung, die jeder
spontan aus dem Bauch heraus fordert und acht Prozent, mindestens 200
Euro, ist hier nur eine bescheidene Mindestforderung für die Verluste
der letzten Jahre.
Hinzu kommt, dass die Arbeitsplatzvernichtung im Öffentlichen Dienst zu
enormer Arbeitsverdichtung in allen Bereichen geführt hat. Arbeitsstress
und zu wenig Geld in der Tasche sind die Motivation für die mehr als
streikbereiten KollegInnen in dieser Tarifrunde.
Beides zusammen – Stillstand, ja Rückschritt beim Einkommen, bei
gleichzeitiger Arbeitsplatzvernichtung – lassen doch nur einen Schluss
zu:
Die von Peter Grottian vorgeschlagenen 1,5 Prozent „Sanierungspauschale“
sind lächerlich im Vergleich zu dem, wie wir in den letzten Jahren
ausgequetscht wurden! Wir haben genug gespart! Gleichzeitig läuft die
Vernichtungsmaschinerie öffentlicher Daseinsvorsorge auf vollen Touren.
Und beides ist Teil der gewollten neoliberalen Umverteilung von unten
nach oben – von öffentlich nach privat. Dagegen konsequent anzugehen,
muss zentraler Bestandteil der Politik von ver.di sein. Hier muss ver.di
den „gesellschaftspolitischen Konflikt“ suchen.
Aber nicht mit „vernünftigen Gehaltsforderungen“, wie es Peter Grottian
fordert und ver.di zu unserem Leid auch in der Vergangenheit
praktizierte. Sondern mit Gehaltssteigerungen, insbesondere bei den
unteren Lohngruppen, deutlich über der Teuerungsrate. Die Unterstützung
für die Lokführer zeigte, dass immer mehr verstehen: Die Forderungen
nach mehr Lohn und besseren Arbeitsbedingungen sind nicht nur
gerechtfertigt, sondern im Interesse der gesamten arbeitenden
Bevölkerung. Eine deutliche Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und
Gehaltsausgleich wäre zudem der richtige Weg gegen Arbeitslosigkeit.
Natürlich brauchen wir einen Ausbau des Öffentlichen Dienstes. Der
Tarifkampf bietet einen guten Ausgangspunkt dafür, das Bewusstsein in
der Öffentlichkeit zu erhöhen, dass der Kampf für mehr Kitas oder eine
bessere Krankenversorgung gemeinsam geführt werden muss. Das Geld dafür
kann und muss jedoch von unterschlagenen Steuern aus Liechtenstein und
den anderen illegalen und legalen Privilegien der Unternehmer geholt
werden.
Und Vorsicht, Peter Grottian, ein Zielkorridor von 3,7 bis 4,3 Prozent
reflektiert wahrscheinlich ziemlich gut die Denke bei Einigen in den
ver.di-Chefetagen und der Bundestarifkommission. Die haben noch nicht
mitbekommen, dass diese Tarifrunde nicht einfach nur eine Lohnrunde ist.
ver.di steht auf dem Prüfstand – in der Wahrung der
Mitgliederinteressen. Zu lange wurden zu viele Zugeständnisse gemacht.
Noch eine Runde nach dem Motto „Brüllen wie ein Tiger, springen wie eine
Katze“ kann sich ver.di nicht leisten. Jedem ist klar, die Mitglieder
sind mehr als bereit, auch in einen harten Arbeitskampf zu gehen. Für
ver.di wäre jeder Kompromiss, alles unter 200 Euro mehr als schädlich.
Jetzt gilt es, alle laufenden Tarifkonflikte zusammenzufassen und von
Anfang an die volle Kampfkraft zu zeigen. Jetzt Stärke demonstrieren und
mit voller Macht die Forderungen durchsetzen. Das gibt uns dann auch die
Kraft, den Kampf dafür zu führen, die öffentliche Daseinsvorsorge zu
erhalten, auszubauen und im Interesse von Beschäftigten und Bevölkerung
zu gestalten.
Also, Kollege Grottian, lass uns jetzt beide die Streikweste anziehen,
raus auf die Straße und mit den KollegInnen gemeinsam kämpfen.
* Angabe zur Funktion dient nur der Kenntlichmachung der Person
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