Pro & Contra: Marxistische Organisation – kein Bedarf?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung, Nr. 58, Debatte, "DIE LINKE.", WASG - Die Wahlalternative, veröffentlicht: 22.06.2007
Die Partei DIE LINKE und die Aufgaben von MarxistInnen Hebt die
Fusion von WASG und Linkspartei.PDS die Notwendigkeit des Aufbaus einer
unabhängigen marxistischen Organisation auf? Pro: Sascha Kimpel,
Linksruck - Contra: Sascha Stanicic, SAV
Die sich als marxistisch verstehende Organisation Linksruck
überraschte im April mit folgender Beschlussfassung: „Der
Organisationsrat schlägt vor, Linksruck nach der Parteigründung als
eigenständige Organisation aufzulösen und ein politisches Netzwerk
innerhalb der neuen Linken neu zu konstituieren. (...) Um
klassenkämpferische Positionen innerhalb der Linken zu stärken,
empfiehlt Linksruck seinen Unterstützern, innerhalb der neuen Partei die
Strömung Sozialistische Linke mit aufzubauen.“ Hebt also die Fusion von
WASG und Linkspartei.PDS die Notwendigkeit des Aufbaus einer
unabhängigen marxistischen Organisation auf? Worin bestehen heute
überhaupt die Aufgaben von MarxistInnen, gerade auch im Hinblick auf die
neue Partei?
„Ich bin kein Marxist“ (Karl Marx)
Sascha Kimpel, Partei DIE LINKE, Linksruck
Nach zwei Jahrhunderten großer Kämpfe, Tragödien und vieler Niederlagen
der internationalen Arbeiterbewegung stehen die Marxisten in Theorie und
Praxis am Anfang eines Wiederaufbaus der Emanzipationsbewegungen von
unten. Die Frage marxistischer Politik im Rahmen der Linken darf daher
nicht bei der Tagespolitik stehen bleiben.
Auf unseren Schultern lasten die ungeheuren Verbrechen des Stalinismus
genau so wie die endgültige Verabschiedung der Sozialdemokratie von
jeglicher Alternative zum Kapitalismus.
Aber die sich auf den Trotzkismus berufenden Marxisten tragen für diese
Niederlagen zwar keinerlei Verantwortung – und haben sie mit Kräften
bekämpft - doch auch sie konnten bisher nirgendwo aufgezeigt, dass sie
in der Lage sind, die Bedürfnisse und Bestrebungen der arbeitenden
Klassen in einen Bruch mit dem Kapitalismus münden zu lassen. Insofern
müssen auch sie selbstkritisch ihre eigene Geschichte und aktuelle
globale politische Ohnmacht analysieren.
Nur die reale Weiterentwicklung einer politischen Alternative, die
breite Teile der Klasse aktiv werden lässt, kann zu neuen Erkenntnissen
führen und nach vorne zeigen. Die Marxisten des 21. Jahrhunderts werden
nur mit Hilfe neuer Kampf- und Organisationserfahrungen lernen. Die
Widersprüchlichkeit der neuen Linken ist kein Makel! Im Gegenteil. Die
Widersprüche sind Ausdruck der realen Bewegung nach links von Teilen der
lohnabhängigen Klasse und demnach ein notwendiges Element ihrer
Emanzipationsbestrebungen. Einerseits lehnen etwa zwei Drittel der
Bevölkerung seit mehreren Jahren in Meinungsumfragen Sozialabbau und
Kriegseinsätze ab. Und trotz Wirtschaftsaufschwung verlieren die großen
Volksparteien an Unterstützung. Andererseits wird die Perspektive einer
sozialistischen Gesellschaft skeptisch beurteilt. Umfragen belegen zwar
Sympathien mit dem „Sozialismus“. Hingegen bestehen aber große Zweifel
über die Methoden, sie zu ändern, ohne die Schiffsbrüche und
Verzerrungen zu reproduzieren, welche das 20. Jahrhundert erlebt hat.
Die große Mehrheit der Lohnabhängigen in Deutschland zieht einen „gut
funktionierenden Sozialstaat“ neuen „sozialistischen Experimenten“ vor.
Die schlechtestmögliche Antwort von Marxisten auf diese Problemstellung
ist es, sich den Widersprüchen zu entziehen. Denunziation des
politischen Gegners und sterile Propaganda für die vermeintlich richtige
Politik mag nützlich sein, um das eigene Lager abzugrenzen
beziehungsweise aufzubauen. Die lohnabhängige Klasse hat damit jedoch
noch keinen realen Schritt nach vorne gemacht.
Die Linke ist der einzige erfolgsversprechende Ansatz für einen neuen
Anlauf einer emanzipatorischen und radikalen Perspektive. Die
„revolutionäre“ Pflicht der Marxisten besteht darin, an diesem Ansatz
konstruktiv teilzunehmen und nicht weiter Sekten zu gründen.
Die SAV ist nötiger denn je!
Sascha Stanicic, SAV-Bundessprecher
Die Gründung der Partei DIE LINKE. ist kein Grund zur Auflösung
marxistischer Organisationen, sondern im Gegenteil ein weiteres
Argument, eine starke marxistische Organisation aufzubauen, die Einfluss
auf den Wiederaufbau der Arbeiterbewegung nehmen kann. Dazu drei Thesen:
1. Die Fusion von WASG und Linkspartei.PDS markiert keinen Schritt nach
links, sondern eine Anpassung der WASG nach rechts, die ihre
grundsätzliche Ablehnung von Regierungsbeteiligungen mit der
neoliberalen SPD aufgegeben hat. Eine tiefere Ursache dieser Entwicklung
ist die von Beginn an systemimmanente und marktwirtschaftsorientierte
Programmatik der WASG, in der eine Mitverwaltung des krisenhaften
Kapitalismus angelegt war. Deshalb war es nötig, in der WASG für eine
sozialistische Programmtik und Perspektive einzutreten. Ein solcher
Kampf konnte besser geführt werden, je besser die marxistischen Kräfte
organisiert waren.
Die neue Partei macht die Arbeit einer organisierten marxistischen
Opposition noch dringender. Ausgerechnet jetzt die eigene „Auflösung“ zu
verkünden, zeugt von grenzenlosem Opportunismus und Unterordnung unter
den Lafontaine-Flügel. Der Kampf für eine wirklich sozialistische
Massenpartei geht weiter, innerhalb und außerhalb der LINKEN. Je stärker
eine marxistische Organisation, desto eher wird dieser erfolgreich sein.
2. Eine Weiterentwicklung des Marxismus ist eine wichtige Voraussetzung,
um ein Programm und eine Strategie für die Klassenkämpfe der Gegenwart
und der Zukunft zu entwickeln. Das ist nur in kollektiver und
organisierter Form möglich. Es sind nicht einzelne Führungsfiguren oder
Intellektuelle, die dies leisten können, sondern nur die gemeinsame
Erfahrung und Diskussion marxistischer AktivistInnen. Dies in
organisierter, demokratischer Form zu gewährleisten ist nur möglich,
wenn diese AktivistInnen sich in einer Organisation zusammen schließen,
die Aktion, Diskussion und Theorieentwicklung verbindet.
3.Die sozialistische Veränderung der Gesellschaft kann nur durch die
Arbeiterklasse selber vollzogen werden. Aber alle historische Erfahrung
zeigt, dass sie dies nicht spontan, unorganisiert und ohne politische
Führung erreichen kann, sondern dass eine marxistische Organisation
nötig ist, um ein Programm, eine Strategie und Taktik in der
Arbeiterklasse zu verankern, die eine sozialistische Veränderung
erfolgreich machen kann. Eine solche Organisation muss jetzt begonnen
werden aufzubauen, das kann nicht auf eine unbestimmte Zukunft
verschoben werden. Denn nur wenn sich jetzt marxistische AktivistInnen
in Betrieben, Nachbarschaften, Hochschulen verankern und erste
handlungsfähige Gruppen aufbauen, können sie in Zukunft Massen für den
Marxismus gewinnen und entscheidenden Einfluss auf Bewegungen und Kämpfe
nehmen. Der Aufbau der SAV ist also dringender denn je!
|